Iranischer Atomexperte stirbt bei mysteriösem Anschlag

  • Der Atomphysiker Mohsen Fakhrizadeh wurde am Freitag von Unbekannten im Straßenverkehr erschossen.
  • Die iranische Regierung spricht von Staatsterrorismus und verdächtigt Israel.
  • Der Zwischenfall erhöht in den letzten Amtswochen von US-Präsident Donald Trump die Spannungen um das iranische Atomprogramm.
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Eine Explosion soll es gegeben haben, dann einen Schusswechsel auf offener Straße, „mit drei oder vier Beteiligten“ – so beschrieben Augenzeugen am Freitag im iranischen Fernsehen den mysteriösen Anschlag auf Mohsen Fakhrizadeh (63), den führenden iranischen Atomphysiker.

Der Wissenschaftler starb nach Angaben der iranischen Regierung bei einem bewaffneten Angriff auf sein Auto in Ab-Sard, einem Vorort östlich der Hauptstadt Teheran. Iranische Medien zeigten das zerstörte Fahrzeug, in dem der Wissenschaftler in Begleitung von Leibwächtern unterwegs war. Fakhrizadeh wurde in ein Krankenhaus gebracht, dessen Ärzte ihn aber nicht mehr retten konnten.

Irans Außenminister Mohammed Sharif verurteilte den Anschlag als „Akt von Staatsterrorismus“. Es gebe „deutliche Hinweise“, dass dabei Israel eine Rolle gespielt habe.

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Irans Präsident Ruhani wirft Israel Mord an Atomwissenschaftler vor
1:11 min
Fachrisadeh stand bei westlichen Staaten und in Israel im Verdacht, der Architekt eines verdeckten Atomwaffenprogramms gewesen zu sein.  © Reuters

„Vater der iranischen Atombombe“

Fakhrizadeh war Mitglied der iranischen Revolutionsgarden und stand damit höchsten Kreisen der iranischen Staatsführung nahe. Zugleich galt er in Teheran als treibende Kraft hinter dem iranischen Atomprogramm. Schon im Jahr 2014 gab es unter westlichen Experten die Einschätzung, der Iran werde Fakhrizadeh eines Tages als „Vater der iranischen Atombombe“ feiern.

Der israelische Geheimdienst trachtete nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur Fars dem Wissenschaftler bereits seit Jahren nach dem Leben.

Allein zwischen 2010 und 2012 sind vier iranische Nuklearwissenschaftler ermordet worden, teils durch Schüsse, teils durch magnetisch am Auto befestigte Bomben. Israelische Regierungsvertreter hatten eine Beteiligung an den Attentaten nie bestätigt oder dementiert. Stets hoben sie nur hervor, Israel wolle jedenfalls eine nukleare Bewaffnung Irans verhindern.

Auch Störungen der Produktionsprozesse in den iranischen Urananreicherungsanlagen durch den auf rätselhafte Weise eingeschleusten Computerwurm Stuxnet waren von den Iranern auf Israel zurückgeführt worden. Das ungewöhnlich komplex konstruierte Computervirus drang ins Betriebssystem vor und störte die Steuerung von Zentrifugen, die sich dann teils zu schnell, teils auch gar nicht mehr drehten.

Israels Armee ist in erhöhter Bereitschaft

Der Anschlag auf den Wissenschaftler Fakhrizadeh erhöht jetzt in den letzten Amtswochen von US-Präsident Donald Trump erneut die Spannungen um das iranische Atomprogramm.

Für Israels Armee wurde offenbar schon vor einigen Wochen die Alarmbereitschaft erhöht. Hintergrund ist die Sorge, es könne in Kürze zu einer Eskalation des Konflikts kommen.

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Die Nachrichtenplattform „Axios“ berichtete in dieser Woche, in israelischen Sicherheitskreisen sei von einer „sehr sensiblen Phase“ vor der Amtseinführung Joe Bidens als neuer Präsident der USA die Rede. Ein hoher israelischer Beamter, der ungenannt bleiben wollte, hatte „Axios“ gesagt, Israel habe zwar keinen Hinweis auf einen bevorstehenden Militärschlag der USA gegen den Iran. Israel verstärke jedoch seine Vorkehrungen gegen mögliche iranische Gegenschläge auf Israel. Dabei gehe es nicht nur um mögliche Attacken aus dem Iran selbst, sondern auch von iranisch dominierten Milizen in Syrien, in Gaza und im Libanon.

Donald Trump ist noch bis zum 20. Januar, 12 Uhr, oberster Befehlshaber in Washington. Die Spekulationen darüber, ob er zuvor noch einen Militärschlag gegen den Iran führt, reißen nicht ab. Im Januar dieses Jahres hatte Trump den iranischen Divisionskommandeur Qasem Soleimani durch eine Drohnenattacke töten lassen. Trotz – oder gerade wegen – der harten Linie Trumps hatte die iranische Regierung in letzter Zeit ihre Bemühungen um atombombenfähiges Material verstärkt.

Trauermärsche im iranischen Kerman im Januar dieses Jahres: Nachdem Trump den iranischen General Ghassem Soleimani durch Drohnen hatte töten lassen, schwor das Regime Rache. © Quelle: Erfan Kouchari/Tasnim News Agenc

Vor einer Woche erkundigte sich Trump laut „New York Times“, auf welche Art er jetzt noch vor seinem Ausscheiden aus dem Amt militärisch gegen den Iran vorgehen könne. Seine Berater sollen ihm wegen der schwer kalkulierbaren Konsequenzen von Schritten in diese Richtung abgeraten haben. Tatsächlich gelten die in diesem Fall zu erwartenden Kettenreaktionen – iranische Gegenschläge auf israelische Bevölkerungszentren, israelische Bombenangriffe auf iranische Atomanlagen – als Albtraumszenario, das blitzschnell den gesamten Nahen Osten in Flammen setzen könnte.

Warum musste Esper gehen, was besprach Pompeo?

In Nato-Kreisen in Europa ist hinter den Kulissen eine ungewöhnliche Nervosität spürbar. Als verstörend wird vor allem empfunden, dass Trump nach seiner Wahlniederlage darauf bestand, seinen Verteidigungsminister Mark Esper zu entlassen – einen Mann, den die Europäer als bedächtig und vernünftig eingeschätzt hatten. Offen bleibt bis heute, ob Trump sich bei Esper nur rächen wollte wegen zurückliegender Meinungsverschiedenheiten, oder ob er noch vor dem 20. Januar eine Militäraktion plant, der Esper sich widersetzt hätte.

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Als Nachfolger hatte Trump Christopher Miller eingesetzt, einen politisch wenig erfahrenen Mann, der früher im Spezialkräfte Kommando diente. Miller ließ die Nato in Brüssel auf einen ersten Gesprächskontakt lange warten. Dagegen sprach Miller laut „Axios“ allein in den letzten zwei Wochen bereits zweimal mit seinem israelischen Amtskollegen, nicht zuletzt über den Iran.

Zugleich führte US-Außenminister Mike Pompeo in den letzten Tagen eine Reihe von persönlichen Gesprächen in Israel, in Saudi-Arabien und in den Golfstaaten – auch dabei ging es um den Iran.

Die Führung in Teheran wittert offenbar nichts Gutes. Hossein Dehgan, ein hoher Berater der iranischen Führung, der auch selbst als Kandidat für die iranischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2021 im Gespräch ist, warnte die Amerikaner in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Associated Press: „Ein begrenzter taktischer Konflikt kann zu einem regelrechten Krieg werden.”



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