Wie starb Atomforscher Fachrisadeh? Der Iran spricht von Mord per Fernbedienung

  • Wer hat am 27. November auf offener Straße den iranischen Atomwissenschaftler Mohsen Fachrisadeh erschossen?
  • Irans Ermittler kommen zu einem verstörenden Befund: Es war Mord per Fernbedienung.
  • Ein Gewehr, montiert auf einem Nissan-Pick-up, gab die Schüsse ab, der Wagen sprengte sich dann in die Luft.
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Nach dem Mord an dem iranischen Atomforscher Mohsen Fachrisadeh haben die iranischen Behörden keinen Anhaltspunkt, der auf die Identität eines Täter schließen lässt. Schlimmer noch: Es scheint in diesem Fall gar keinen unmittelbar physisch Beteiligten zu geben. Niemand ist auf einem Video zu sehen, niemand hinterließ Fingerabdrücke.

„Es war niemand am Tatort“, zitiert die BBC den Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats des Irans, Ali Schamkhani. „Es war eine völlig neue Aktion.“

Die Ermittler kamen zu der Erkenntnis, dass Fachrisadeh offenbar durch ein komplett ferngelenktes Zusammenwirken von Maschinen getötet wurde. Als Urheber verdächtigt Schamkhani den israelischen Geheimdienst Mossad, der möglicherweise mit der iranischen Exil-Oppositionsbewegung Volksmujaheddin zusammengearbeitet habe.

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Einen vollständigen Bericht der iranischen Regierung zum Tathergang gibt es nicht. Bisherige offizielle und nicht offizielle Angaben und Hinweise verdichten sich aber zu folgendem Ablauf:

  1. Fachrisadeh war in einem kugelsicheren Wagen unterwegs, begleitet von Leibwächtern. Als er am Freitag von Teheran in Richtung des Vororts Absard fuhr, auf einer belebten Straße, muss ihn eine noch nicht näher beschriebene Einwirkung von außen bewogen haben, anhalten zu lassen und auszusteigen.
  2. Ein automatisches Gewehr, montiert auf einen Nissan-Pick-up, gab aus einer Entfernung von 150 Metern eine Fülle von Schüssen ab. Die Kugeln trafen neben dem Wissenschaftler auch einen Leibwächter. Von wo das Geschützsystem gesteuert wurde, über Satellit oder eine Verbindung zu einem Gerät in der Nähe des Tatorts, ist unklar. Auch bleibt offen, ob der Pick-up ebenfalls ferngelenkt wurde.
  3. Nachdem Fachrisadeh zu Boden gegangen war, explodierte eine Sprengladung im Pick-up, offensichtlich mit dem Ziel, die Ermittlungen zu erschweren. Iranische Stellen melden inzwischen, sie hätten Anzeichen für eine israelische Machart des Gewehrs.
  4. Fachrisadeh wurde ins Krankenhaus gefahren, wo ihn die Ärzte jedoch nicht mehr retten konnten.
„Es war niemand am Tatort“: Das iranische Fernsehen veröffentlichte nach dem Anschlag auf Fachrisadeh dieses Foto. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Wie im Thriller „Der Schakal“

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Die Beerdigung von Fachrisadeh wurde zu Beginn der Woche live im iranischen Staatsfernsehen übertragen. Der 63-Jährige gehörte als Leiter der Forschungs­abteilung des iranischen Verteidigungs­ministeriums zu den obersten Führungskreisen des Landes.

Israel lehnt weiterhin jeden Kommentar ab. Regierungschef Benjamin Netanjahu nannte den Wissenschaftler einst den Vater des iranischen Atomprogramms. In einem Auftritt vor Journalisten im Jahr 2018 hatte Netanjahu mit Blick auf Fachrisadeh gesagt, man solle sich „diesen Namen merken“.

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In ersten unbestätigten Nachrichten in iranischen Medien war anfangs noch davon die Rede gewesen, es habe „mehrere Angreifer“ gegeben und einen Schusswechsel. Dieser Darstellung trat Schamkhani jetzt entgegen: Elektronik habe die zentrale Rolle gespielt.

Tatsächlich realisierten die Mörder von Fachrisadeh eine Technik, die man noch vor wenigen Jahrzehnten als Hollywoodutopie abgetan hätte. Experten sehen sich erinnert an den Frederick-Forsyth-Thriller „Der Schakal“. In dem Film von 1997 nimmt ein Profikiller, gespielt von Bruce Willis, die First Lady der USA ins Visier – mit einem ferngelenkten Präzisionsgewehr auf einer Drehplattform.

Lehrvorführung für den Nahen Osten?

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In westlichen Militärkreisen gilt der Anschlag auf Fachrisadeh daher nicht nur als mögliche politische Machtdemonstration des israelischen Geheimdienstes, sondern auch als eine Art technologische Lehrvorführung: Möglichen Angreifern solle signalisiert werden, dass sie sich im Fall eines Konflikts mit Israel in einem Schusswechsel mit ferngelenkten oder gar autonom arbeitenden Präzisionswaffen wiederfinden könnten.

Neues System „mit gesteigerter Tödlichkeit in seiner Gewichtsklasse“: Der Smash Hopper der Firma Smart Shooter aus Israel. © Quelle: www.smart-shooter.com

Just in diesem Jahr begann etwa die israelische Firma Smart Shooter damit, im Internet für ihre neuartige mobile Gefechtsstation Smash Hopper zu werben, die man problemlos hier und dort platzieren könne – und die sogar selbstständig Ziele erfasse. Zur Kontrolle des Systems genügt ein ebenfalls mobiler Rechner im Tablet-Format. Das System – „mit gesteigerter Tödlichkeit in seiner Gewichtsklasse“ – erlaube es dem Kunden, in sicherer Distanz zu bleiben.

Der Iran setzt jetzt auf Biden

Wie sich der Hightechmord an Fachrisadeh am Ende politisch auswirken wird auf die Szenerie im Nahen Osten, bleibt offen. Ziel der Attacke war es nach Einschätzung der meisten Experten, den Iran zu einem militärischen Gegenschlag auf Israel zu verleiten. Dies wiederum hätte dann die Kulisse bieten können für einen groß angelegten Angriff Israels auf die iranischen Atomanlagen – den Netanjahu angeblich seit Langem plant und den auch die US-Regierung in den letzten Amtswochen Donald Trumps wohl oder übel militärisch unterstützen würde.

Viele radikale Gruppen im Iran fordern bereits harte Schläge gegen Israel. Die iranische Führung scheint aber abwarten zu wollen, ob sich nicht mit dem am 20. Januar anstehenden Machtwechsel in Washington neue Perspektiven ergeben, für den Iran ebenso wie für den gesamten Nahen Osten.

Das Team von Joe Biden ist bereit, die amerikanischen Wirtschafts­sanktionen gegen den Iran fallen zu lassen, wenn der Iran wieder Kontrollen seiner Atomanlagen zulässt und in nachprüfbarer Weise auf den Bau von Atombomben verzichtet. Die damit verbundene Aussicht auf eine wirtschaftliche Besserung im Land könnte innenpolitisch bedeutsam sein – im Iran finden Mitte Juni 2021 Präsidentschafts­wahlen statt. Das Thema ist derzeit weit oben auf der Agenda des künftigen US-Außenministers Antony Blinken und des künftigen Sicherheitsberaters im Weißen Haus, Jake Sullivan.

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