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IQB-Bildungstrend: So schneiden die Schüler beim Vergleichstest ab

  • Wie gut sind Deutschlands Neuntklässler in Mathe, was können sie in den Naturwissenschaften?
  • Die Kultusministerkonferenz hat das im großen IQB-Bildungstrend testen lassen – mit insgesamt ernüchternden Resultaten, die große Unterschiede zwischen den Ländern offenlegen.
  • Wir stellen die wichtigsten Ergebnisse in Fragen und Antworten vor.
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Berlin. Erreichen die Schüler der neunten Klasse die Bildungsstandards, auf die sich die Länder verständigt haben? In welchen Bundesländern können die Schüler besonders hohe Kompetenzen nachweisen, in welchen eher nicht? Wo gibt es positive Entwicklungen, wo Rückschläge?

Nicht nur Schüler bekommen Zeugnisse. Auch die Kultusminister holen sich, wenn auch weniger häufig, eines für ihre Bildungspolitik ab. Im aktuellen IQB-Bildungstrend haben die Minister prüfen lassen, ob die Schüler die von den Ländern gemeinsam abgesteckten Ziele in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie, Chemie und Physik erreichen.

Schneiden die Schüler beim Kompetenztest besser ab als noch vor einigen Jahren?

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Nein. Die Ergebnisse für das Erreichen der Bildungsstandards in den genannten Fächern sind in Deutschland insgesamt im Vergleich zum Jahr 2012 stabil geblieben. Auch innerhalb der meisten Bundesländer ist das so. In einigen ostdeutschen Ländern, darunter Brandenburg, sind die Ergebnisse allerdings spürbar schlechter geworden. Nennenswerte positive Entwicklungen gibt es übrigens kaum. Das Zeugnis für die Kultusminister ist also durchwachsen. Sie verweisen allerdings darauf, das Ergebnis sei angesichts der zunehmenden Heterogenität der Schüler als Erfolg zu werten.

Wer hat die Ergebnisse erhoben – und sind sie verlässlich?

Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin hat im Auftrag der Kultusministerkonferenz knapp 45.000 Schüler der neunten Klasse an mehr als 1400 Schulen in Deutschland getestet, darunter auch Förderschulen. Die Ergebnisse sind repräsentativ. Allerdings fehlen aus einigen Ländern Daten zum sozialen Hintergrund der Schüler. Getestet wurden die Schüler bereits im Jahr 2018. Bei so umfangreichen Studien erfordert die Erhebung und Auswertung der Daten viel Zeit.

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Sind die deutschen Schüler Matheasse oder scheitern sie?

Die gute Nachricht ist: Ende der neunten Klasse erreichen bereits 45 Prozent der Schüler den sogenannten Regelstandard für einen Mittleren Schulabschluss, den es ja erst nach der zehnten Klasse gibt. Die schlechte Nachricht ist: Mit etwa 24 Prozent gelingt es sehr vielen Schülern zu diesem Zeitpunkt nicht, den Mindeststandard für einen solchen Abschluss zu erfüllen. Dieser Wert hat sich seit dem Jahr 2012 kaum verändert. Die Kultusminister verweisen allerdings darauf, dass in die Mathestichprobe auch Ergebnisse von Hauptschülern fallen, die gar keine Mittlere Reife anstreben.

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Läuft es in den Naturwissenschaften besser?

In Biologie, Chemie und Physik sind die Werte deutlich besser als in Mathe. Beim Biologiefachwissen zum Beispiel erreichen Ende der neunten Klasse bundesweit fast 71 Prozent der Schüler den Regelstandard für den Mittleren Abschluss, nur 5 Prozent verfehlen den Mindeststandard. Anders als in Mathe handelt es sich in diesem Fall aber allein um Testergebnisse von Schülern, die eine Mittlere Reife auch tatsächlich anstreben.

Welche Länder schneiden besonders gut, welche besonders schlecht ab?

Es ist ein altbekanntes Bild: Bayern und Sachsen schneiden durchgängig überdurchschnittlich gut ab. Auch Thüringen liegt an vielen Stellen mit vorn. Deutlich unter dem Bundesschnitt befinden sich dagegen die Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg, deren Schülerschaft allerdings bekanntermaßen auch besonders divers ist. Auch Hessen und Schleswig-Holstein sowie – mit Ausnahmen in einzelnen Bereichen – Nordrhein-Westfalen und das Saarland liegen erkennbar unter dem Durchschnitt. Niedersachsen hat mittlere Ergebnisse. Das Gleiche gilt in den Naturwissenschaften auch für Mecklenburg-Vorpommern. Hier fallen aber die Resultate in Mathe schwach aus.

Wie drastisch ist der Unterschied zwischen Spitzenreitern und Schlusslichtern?

„Je nach Fach und Kompetenzbereich entsprechen die Differenzen zwischen den höchsten und den niedrigsten Kompetenzmittelwerten, die in den Ländern erreicht werden, in etwa eineinhalb bis zweieinhalb Schuljahren Lernzeit“, schreiben die Wissenschaftler. Übersetzt bedeutet das: Ein beruflich bedingter Umzug der Eltern ins falsche Bundesland kann für Kinder zu einer großen Schulkrise werden.

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Was genau meinen Forscher und Politiker eigentlich, wenn sie von gestiegenen Anforderungen an das Bildungssystem durch eine „zunehmende Heterogenität der Schülerschaft“ sprechen?

Sie beziehen sich dabei insbesondere darauf, dass der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund zugenommen hat. Seit dem Jahr 2012 hat er sich in Deutschland um 7 Prozentpunkte erhöht und lag im Jahr 2018 bei etwa 34 Prozent. Die Ergebnisse zeigen: Im Schnitt schneiden diese Schüler schlechter ab als andere Gleichaltrige – die Integration ins Bildungssystem ist also noch nicht optimal gelungen. Dieser Befund bleibt übrigens auch dann weitgehend bestehen, wenn man Jugendliche mit Fluchthintergrund aus der Analyse herausnimmt. Auch die zunehmende Inklusion führt dazu, dass die Schülerschaft an Regelschulen vielfältiger ist – eine Herausforderung für die Lehrer.

Wie stark ist Bildungserfolg an die soziale Herkunft gekoppelt?

Ganz eindeutig noch immer zu stark. Die Kopplung zwischen den Kompetenzen der Neuntklässler und dem sozioökonomischen Status ihrer Familien ist substanziell. Daran hat sich seit 2012 grundlegend wenig verändert. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Ländern: In Berlin ist die Kopplung besonders eng, in Brandenburg ist sie besonders gering ausgeprägt.

Gibt es starke Veränderungen in einzelnen Ländern?

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Zur Ursachenforschung lädt die Verschlechterung der Ergebnisse in einigen ostdeutschen Flächenländern ein, darunter Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Hier hat die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund nicht überdurchschnittlich zugenommen – dies ist also kein funktionierendes Erklärungsmuster. Fairerweise muss aber auch auf eines verwiesen werden: Da diese Länder 2012 teils sehr gute Ergebnisse erzielt haben, schneiden sie im aktuellen Bildungstrend im bundesweiten Vergleich auch nicht unterdurchschnittlich ab.

Was ist noch auffällig?

Im Bundesschnitt haben sich die Ergebnisse an den Gymnasien schlecht entwickelt. Das lässt sich nach Angaben der Forscher nicht darauf zurückführen, dass immer größere Teile eines Jahrgangs zum Gymnasium gingen. Denn diese Quote ist zwischen 2012 und 2018 weitgehend stabil geblieben. Auch hier muss jetzt also jedes Land analysieren, wo die Probleme liegen.

Welche Unterschiede gibt es in den Ergebnissen von Jungen und Mädchen?

Jungen haben im Schnitt immer noch die besseren Ergebnisse in Mathe – sie sind aber schlechter geworden. Deshalb fällt der Vorsprung zu den Mädchen geringer aus. In Biologie und Chemie sowie im Kompetenzbereich Erkenntnisgewinnung in Physik sind die Mädchen besser. Interessant ist: Auch wenn Mädchen in Chemie besser abschneiden als die Jungen, schätzen sie das selbst gar nicht so ein und bekunden auch weniger Interesse.