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Corona-Quarantäne in Madrid: “Manchmal öffne ich die Fenster”

Die spanische Regierung den Ausnahmezustand wegen des Coronavirus Covid-19 erklärt hat.

Die spanische Regierung den Ausnahmezustand wegen des Coronavirus Covid-19 erklärt hat.

Berlin. Hans Christian Hagedorn, Jahrgang 1963, wurde in Bremen geboren, hat in Münster studiert und ging 1991 an die Universität Castilla-La Mancha in Ciudad Real. Der Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft lebt mit Frau und drei kleinen Kindern in Madrid – und wegen der Corona-Krise seit neun Tagen in Quarantäne.

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Herr Hagedorn, Spanien und speziell Madrid gelten als Hotspot der Corona-Epidemie. Was bedeutet das für Ihren Alltag?

Unser Alltag hier ist natürlich völlig umgekrempelt. Meine spanische Universität hat auf Fernunibetrieb umgestellt, daher betreue ich meine Lehrveranstaltungen und meine Studenten online, von Zuhause aus. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Auch die Schulen sind geschlossen, unsere drei Kinder sind zu Hause. Meine Frau und ich versuchen, so gut es geht, Spiele und Aktivitäten für sie zu organisieren und einen geregelten Tagesablauf aufrechtzuerhalten. Einmal pro Woche geht einer von uns einkaufen, ansonsten setzen wir seit inzwischen neun Tagen keinen Fuß vor die Tür. Manchmal öffne ich einfach für einen Moment weit die Fenster, um frische Luft und Sonne zu tanken.

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Bei Ihnen gelten drastische Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Halten sich die Leute auch dran?

Das hat ein wenig gedauert, eine gute Woche etwa brauchten die Menschen zur Eingewöhnung, aber inzwischen halten sich die meisten daran. Es gibt natürlich Leute, die die Ausgangssperre zu umgehen versuchen, aber das sind Einzelfälle, zum Beispiel ist die Polizei bei Kneipenpartys und renitenten Bordellbesuchen eingeschritten. Bekannt wurde auch der Fall eines Herren, der einen Stoffhund spazieren führte. Aber die Strafen und Bußgelder wirken, keine Frage. Selbst das Spazierengehen oder Treffen auf gemeinschaftlichen Dachterrassen oder in von mehreren Parteien geteilten Garten-, Spiel-, oder Sportanlagen ist nun komplett untersagt.

Hans Christian Hagedorn, deutscher Literaturwissenschaftler in Madrid.

Hans Christian Hagedorn, deutscher Literaturwissenschaftler in Madrid.

Das funktioniert?

Tatsächlich gehen die allermeisten Spanier nur noch zum Einkaufen aus dem Haus, oder um in die Apotheke oder zum Arzt zu gehen. Ausgenommen sind davon natürlich all diejenigen, die weiter zur Arbeit gehen müssen, aber die meisten Betriebe und Geschäfte sind ohnehin geschlossen. Büros haben, soweit möglich, auf Homeoffice umgestellt. Aus dem Fenster sieht man: Die Straßen sind wie leer gefegt, und der sonst typische Madrider Smog ist verschwunden, der Himmel hier ist so blau wie lange nicht mehr.

Spanien ist ein Land, in dem die Menschen gern ausgehen und intensiver miteinander reden als etwa in Deutschland. Sind Sie zur Quarantäne überhaupt fähig?

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Das fällt den Spaniern tatsächlich schwer, aber nach der anfänglichen Phase der Ungläubigkeit und des Widerwillens hat das Land begriffen, dass die Lage ernst ist. Die Leute sind zugleich sehr einfallsreich, organisieren die Kommunikation per Telefon, Social Media oder einfach über die Straße hinweg, von Balkon zu Balkon. Zum Beispiel kommen die Spanier täglich zu bestimmten Uhrzeiten an ihre Fenster, um einander zu grüßen oder gemeinsam zu singen. Und sie nehmen es mit ihrem ureigenen Sinn für Humor; selbst in schweren Zeiten lachen die Spanier gern über sich selbst.

Im Land wurden Vorwürfe gegen die Regierung laut, die Pandemie unterschätzt zu haben. Als Indiz dafür gilt eine große Demonstration zum Internationalen Frauentag, an der auch Regierungsmitglieder teilgenommen und sich dabei angesteckt hätten. Teilen Sie diese Kritik?

Diese Kritik teilen eigentlich alle, mit denen ich spreche. Und über alle Medien und alle ideologischen und regionalen Grenzen hinweg sind sich die Spanier einig, dass vor allem die Politik, aber eigentlich die gesamte Gesellschaft, zu Beginn der Pandemie, also im Januar und Februar, wertvolle Zeit verloren hat. Auch in meinem Bekanntenkreis und unter meinen Kollegen wollten viele selbst Anfang März noch nicht wahrhaben, was hier auf uns zukam. Dabei war ja längst bekannt, was sich in China, Südkorea und Italien abspielte. Doch trotz aller Warnungen und Forderungen auch hierzulande wollte niemand Verantwortung übernehmen und Maßnahmen ergreifen. Das war aus meiner Sicht unverantwortlich.

Was folgt nun daraus?

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez hat nun einen eigens einberufenen Parlamentsausschuss damit beauftragt, diese Versäumnisse aufzuklären – allerdings erst, wenn die Krise vorüber ist. Auf der Großdemonstration zum Internationalen Frauentag erschienen Ministerinnen mit Latexhandschuhen, die waren also im Bilde und haben sich und viele andere durch ihr Verhalten trotzdem wissentlich in Gefahr gebracht. Am Tag darauf wurde die Versammlungsfreiheit massiv eingeschränkt, darum denken viele Spanier, dass es fahrlässig war, diese Demo oder auch andere Veranstaltungen zu tolerieren und sogar noch zu unterstützen. Es werden aber noch zwei andere Probleme am Fall Spanien sichtbar.

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Nämlich?

Erstens wäre doch zu fragen – und das tun die Menschen hier auch - warum eigentlich niemand auf die Wissenschaftler gehört hat, die ja schon seit Jahren vor genau dieser Krise gewarnt haben. Gerade in Spanien werden Bildung und Wissenschaft seit Langem an den Rand gedrängt, seit Jahrzehnten werden die ohnehin dürftigen Mittel gekürzt. Viele Forscher arbeiten hierzulande zu wirklich miserablen Bedingungen, mit Jahresverträgen und Gehältern, die bei einer Mehrheit unter der 1000-Euro-Marke liegen. Zahlreiche talentierte Wissenschaftler sind in den letzten 20 Jahren ins Ausland abgewandert, das rächt sich jetzt. Nun auf einmal soll die Wissenschaft es richten – das ist zugleich naiv und unverfroren.

Und zweitens?

Zweitens fragt man sich in Spanien, warum das Land sich eigentlich so schwer damit tut, von den Fehlern, aber auch von den Erfolgen der anderen, zu lernen. Vielleicht ist das aber auch ein europäisches, nicht nur ein spanisches Problem: Solange wir in der globalisierten Welt meinen, dass die Chinesen, Koreaner und Italiener hinterm Mond leben, sind es eigentlich wohl wir selbst, die hinterm Mond sind. So sind globale Probleme nicht zu lösen.

Auch Spanien schließt Grenzen

Mit fast 9000 bestätigten Infektionen hat das Land nach China, Italien und dem Iran die vierthöchste Anzahl von Coronavirus-Fällen in der Welt.

Wie lang wird der jetzige Zustand anhalten?

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Das kann zurzeit niemand sagen, weder in Spanien noch sonst wo auf der Welt. Die jetzigen Maßnahmen gelten hier zunächst für zwei Wochen, da das aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht anders möglich ist. Aber es ist den Spaniern schon klar, dass diese Krise und die damit verbundenen Einschränkungen mindestens einige Monate dauern werden. Langsam dämmert auch die Einsicht, dass die jetzige Krise unser Leben auf Jahre hinaus komplett verändern wird. Heute am 19. März haben wir knapp 1000 Tote und bald 20.000 Infizierte, Tendenz stark steigend. In einer Woche stehen wir vermutlich dort, wo Italien heute steht, und der Höhepunkt der Krise ist noch lange nicht in Sicht. Daher werden die jetzigen Maßnahmen wohl noch über Monate immer wieder verlängert und Schritt für Schritt verschärft. Daher kann man auch im Hinblick auf Deutschland nur raten, keine Zeit mehr zu verlieren. Meinen deutschen Freunden würde ich sagen: Nehmt die Sache ernst und bleibt vor allem zu Hause.

Spanien ist wirtschaftlich labiler als andere EU-Staaten. Ihr Ministerpräsident Pedro Sánchez hat ein Maßnahmenpaket von 200 Milliarden Euro angekündigt. Reicht das?

Das wird bei Weitem nicht ausreichen, um Spanien zu stabilisieren. Ohnehin ist gar nicht klar, woher das Geld dafür eigentlich kommen soll. Es ist keine Frage, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen das Land massiv treffen werden. Denn selbst wenn Industrieproduktion, Handel und Dienstleistungen im Sommer langsam wieder hochgefahren werden sollten, und das ist momentan nur eine vage Hoffnung, wird die Corona-Krise vor allem den Tourismus extrem hart treffen. Und Spanien lebt vom Tourismus. Da wird den Leuten allmählich bewusst, dass auf das Land sehr harte Zeiten zukommen.

Wie gehen die Spanier damit um?

Mit der ihnen eigenen Mischung aus Angst, Fatalismus, aber auch Trotz, Stolz, Temperament, Entschlossenheit – und eben Humor.

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