Intensivmediziner Janssens: sprunghafter Anstieg an Impfdurchbrüchen auf Intensivstationen

Der ehemalige Divi-Präsident und Intensivmediziner Uwe Janssens spricht über die Situation in den Intensivstationen.

Berlin. Während Deutschland noch um die richtigen Corona-Maßnahmen ringt, steigt die Zahl der Covid-Patientinnen und ‑Patienten auf den Intensivstationen immer weiter an. „Wir wissen, dass die lokale Inzidenz eng mit der Auslastung der Intensivstationen zusammenhängt“, sagt der Intensivmediziner und Chefarzt Uwe Janssens im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Er verweist darauf, dass derzeit 0,8 Prozent der Infizierten auf der Intensivstation landen. Besonders die Zahl der Patientinnen und Patienten mit Impfdurchbruch nehme derzeit deutschlandweit deutlich zu.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Janssens warnt davor, dass die Zahl der Covid-Patientinnen und ‑Patienten mit Impfdurchbrüchen auf Intensivstationen auch weiter deutlich ansteigen werde. „Aktuell haben nahezu 44 Prozent der über 60-jährigen Patienten mit Covid-19 auf Intensivstationen einen Impfdurchbruch. Das hat deutlich und sprunghaft zugenommen.“ Laut Robert Koch-Institut gibt es in Deutschland bereits rund 150.000 dokumentierte Impfdurchbrüche. Mit Blick auf seine Klinik in Eschweiler sagt Janssens: „Unsere Intensivstation ist voll – mit Covid- und Nicht-Covid-Patienten.“

Kliniken müssen Operationen verschieben

Janssens rechnet damit, dass die Klinik in Eschweiler schon bald aus dem Regelbetrieb aussteigen und Operationen verschieben müsse. In anderen Krankenhäusern deutschlandweit ist das bereits passiert. „Dadurch können Behandlungs­kapazitäten auf den Intensivstationen geschaffen werden.“ Dies werde unvermeidbar sein, wenn die Entwicklung so weitergehe. „Denn wir haben auch einen klaren Auftrag gegenüber den Nicht-Covid-Patienten mit akuten schweren Erkrankungen. Diese müssen auch versorgt werden“, sagt Janssens im Gespräch mit dem RND.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Janssens, der zugleich Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ist, hält die bisher geplanten Corona-Maßnahmen nicht für ausreichend. „Angesichts der Impfdurchbrüche reicht 2G nicht“, sagte er dem RND. „In Hochrisiko­bereichen wie Krankenhäusern und Pflegeheimen brauchen wir 2G plus. Dort müssen sich also auch das geimpfte und genese Klinikpersonal testen lassen. Das zum Schutz der ihnen anvertrauten Patienten.“ Zuvor hatte bereits die Vorsitzende des Ärzteverbands Marburger Bund eine 2G-plus-Regel gefordert, sollte 2G nicht ausreichen. Auch sie kritisierte die Situation auf den Intensivstationen. „Es darf nicht sein, dass ganz normale Notfälle wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle nicht mehr optimal behandelt werden können. Das wäre fatal.“

Nur Menschen über 70 zu boostern sei ein Fehler

Der Intensivmediziner Janssens befürchtet, dass den Kliniken ein ungemütlicher Herbst und Winter bevorstehe. „Ich mache mir große Sorgen um meine Mitarbeiter, dass ihnen die enorme Belastung zu viel wird“, sagte Janssens.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mit Blick auf die Booster-Impfungen fordert Janssens, „pragmatischer“ vorzugehen. „Es braucht eine größere Flexibilität beim Boostern“, fordert er. „Viele Ärzte schicken ihre älteren Patienten weg, weil sie noch nicht 70 Jahre oder älter sind, weil die Stiko das so festgelegt hat. Das halte ich für einen großen Fehler.“ Alle Älteren und auch Patienten mit schweren chronischen Begleiterkrankungen, die möchten, sollten jetzt schnell eine Boosterimpfung erhalten, so Janssens. „Damit die nicht mit einem Impfdurchbruch bei uns auf der Intensivstation landen.“ Der Abstand von 6 Monaten zur vollständig erhaltenen Impfung solle beibehalten werden.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige