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Intensivarzt im bayerischen Corona-Hotspot: „Zum ersten Mal sehe ich wirklich schwarz“

Die Corona-Lage auf den Intensivstationen in Bayern wird dramatischer.

Freyung. Die Intensivstationen in Deutschland steuern im Moment ungebremst auf die Überlastung zu: Mehr als 2800 Covid-19-Patienten werden dort bereits behandelt – und pro Tag kamen zuletzt im Schnitt rund 200 dazu. „Es wird ein sehr stürmischer Herbst“, warnt deshalb Uwe Janssens, Präsidiumsmitglied der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Dramatisch ist die Situation schon jetzt in einigen Regionen Bayerns.

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Herr Motzek-Noé, der Landkreis Freyung-Grafenau hat mit die höchsten Infektionszahlen in Deutschland, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 975. Wie ist die Situation bei Ihnen auf der Intensivstation?

Äußerst angespannt – und zum ersten Mal im Verlauf dieser Pandemie sehe ich wirklich schwarz.

Weil keine Besserung in Sicht ist?

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Ja. Wir fühlen uns von der Landes- wie auch der Bundespolitik im Stich gelassen. Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden wir das Problem bekommen, dass wir einige Patienten nicht mehr versorgen können.

Münchner Intensivmediziner „Es ist eine Katastrophe“

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Wie viele Corona-Patienten liegen derzeit auf Ihrer Intensivstation?

Wir haben zwei Intensivstationen mit zusammen 17 Betten. Dort liegen derzeit neun Covid-Patienten. Acht von ihnen werden beatmet. Der Anteil liegt also bei über 50 Prozent – und er wäre noch höher, wenn wir nicht regelmäßig Corona-Patienten in andere Kliniken verlegen würden. In den letzten Tagen haben wir drei Corona-Patienten verlegt. Dank der bayerischen Koordinierungsstelle funktioniert das bislang gut, aber die Patienten kommen in Hunderte Kilometer entfernte Krankenhäuser. Die Kliniken in der Nähe sind auch alle überlastet.

Andere Operationen werden verschoben

Wie bewältigen Sie diesen Andrang?

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Wir haben alle elektiven Eingriffe verschoben. Wer also zum Beispiel ein neues Knie oder eine neue Hüfte braucht, muss warten. Dazu haben wir Personal, Ärztinnen wie Pflegekräfte, von anderen Stationen umverteilt. Die Versorgung der übrigen Patientinnen und Patienten leidet also schon jetzt.

Was heißt das alles für Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen?

Die Erschöpfung ist groß. Für die Versorgung der Corona-Patienten braucht man eigentlich mehr Personal. Die Schutzkleidung stets an- und auszuziehen, das Drehen der Patienten, alles das ist extrem anstrengend. Doch mit den immer weiter steigenden Zahlen geht uns das Personal aus. Dazu kommt die Infektionsgefahr. Wir sind zwar geimpft, können uns aber natürlich dennoch anstecken. Beim Impfen ist immer von einem individuellen Recht die Rede – dass man gerade als Ungeimpfter aber auch andere gefährdet, wird völlig ausgeblendet. Das finde ich traurig. Das alles wird auf unseren Schultern ausgetragen.

Thomas Motzek-Noé ist Neurologe und stellvertretender ärztlicher Direktor am Krankenhaus Freyung in Niederbayern.

Thomas Motzek-Noé ist Neurologe und stellvertretender ärztlicher Direktor am Krankenhaus Freyung in Niederbayern.

Wie hoch ist der Anteil der Ungeimpften auf Ihrer Intensivstation?

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Zwei Drittel. Die Geimpften sind vor allem Ältere, die ihre Impfung schon im letzten Januar erhalten und noch keine Drittimpfung bekommen haben.

Sehen Sie Reue bei den Ungeimpften?

Manche bedauern ihre frühere Entscheidung und hadern mit sich, ja. Aber wir sehen auch oft das genaue Gegenteil: Menschen, die hier in Lebensgefahr liegen, und dennoch sicher sind, alles richtig gemacht zu haben, als sie sich nicht impfen ließen – und dabei noch von ihren Angehörigen unterstützt werden. Wir haben hier im Krankenhaus eine strenge 2-G-Besuchsregel. Aber wir haben Familien, deren ungeimpfter Angehöriger bei uns um sein Leben kämpft, und die sich selbst dennoch nicht impfen lassen wollen. Es gibt da sehr viel Absurdität.

„Die Leute wollen es nicht wahrhaben“

Was machen Sie da mit Ihrem Zorn?

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Es gibt eine professionelle und eine emotionale Seite. Alle Patienten werden bei uns auf bestem Niveau versorgt.

Und Ihre emotionale Seite?

Der Frust und die Enttäuschung richten sich gegen die Ungeimpften, die noch gesund draußen herumlaufen und denen ich sagen will: Lasst euch endlich impfen! Aber die Leute glauben nicht daran, sie wollen es nicht wahrhaben, das ist das Problem.

Was erwarten Sie jetzt von der Politik?

Wir brauchen sofort eine ganz klare Linie: 2G, eine umfassende Maskenpflicht und strenge Kontrollen. Das muss überall gelten, auch in Gottesdiensten. Großveranstaltungen müsste man am besten ganz absagen. Wenn 74.000 Zuschauer zum Bayern-Heimspiel in die Allianz-Arena strömen, ist das infektiologisch unverantwortlich – und spiegelt eine Normalität vor, die einfach nicht existiert.

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„Da wird der Einzelne Schaden nehmen“

Was ist, wenn das nicht passiert?

Wir sind darauf angewiesen, dass wir beatmungspflichtige Covid-Patienten verlegen können. Wir brauchen Kapazitäten, dass wir zum Beispiel akute Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten versorgen können. Wenn wir die erst 200 Kilometer transportieren müssen, überleben die das nicht. Wenn die Infektionszahlen aber auch in den anderen Regionen weiter so steigen, wird es dort dieselben Probleme geben wie bei uns. Zwei, drei Wochen noch, dann können wir nur noch in den klassischen Notfallmodus gehen. Da wird der Einzelne Schaden nehmen.

Haben Sie denn noch eine Notfallreserve?

Wir haben noch vier Betten, für die uns eigentlich das Personal fehlt. Die werden wir dann betreiben müssen, egal wie. Das wird mit dem Standard, den wir im deutschen Gesundheitssystem gewohnt sind, ganz sicher nicht gehen. Früher konnten wir Patienten auch nach Österreich verlegen, wir sind hier ja gleich an der Grenze. Aber die haben dort dasselbe Problem, die Inzidenz in Oberösterreich liegt bei über 1000.

Wir brauchen Kapazitäten für akute Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten. Wenn wir die erst 200 Kilometer transportieren müssen, überleben die das nicht.“

Thomas Motzek-Noé, Krankenhaus Freyung

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Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen bei Ihnen den Ernst der Situation verstanden haben?

Wir spüren hier bei den Ungeimpften wenig Verständnis, aber dafür eine große Anspruchshaltung. Wenn wir Angehörigen erklären, dass wir einen Covid-Patienten weit verlegen müssen, um Platz für akute Notfälle zu schaffen, gibt es regelrecht Widerstand. Geimpfte Menschen dagegen verstehen unsere Probleme und schätzen unsere Arbeit.

Sie klingen, wenn Sie die Bemerkung erlauben, zugleich deprimiert wie verärgert.

Ich hätte einfach nicht gedacht, dass wir noch einmal an einen solchen Punkt kommen. Aber das Problem wurde in den vergangenen Monaten einfach falsch behandelt: Die Politik hat so getan, als wäre es ein politisches Problem, es ist aber ein medizinisches. Und in der Medizin gibt es keine Kompromisse und Abwägungen. Wir haben jetzt noch einen langen Weg vor uns. Dieser Winter ist ein Marathon – und wir sind jetzt bei Kilometer zwei.

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