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Die Krise und die Innenstädte: „Corona ist ein Brandbeschleuniger“

  • Onlinehändler machen den kleinen Geschäften zu schaffen, die Corona-Krise hat die Lage verschärft – gerade in den Innenstädten.
  • Im RND-Interview spricht Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, über die Auswirkungen der Krise und darüber, wie sie die Innenstädte verändern wird.
  • Er sagt: „Corona ist ein Brandbeschleuniger.“
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Berlin. Herr Busch-Petersen, welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den Einzelhandel und die Innenstädte?

Corona hat einen starken Digitalisierungsschub ausgelöst. Auch Kunden, die bisher nicht digital eingekauft haben, frequentieren nun das Onlinegeschäft. Schon vor Corona ist jedes dritte Teil Damenoberbekleidung online gehandelt worden. Wenn die Krise irgendwann vorbei ist, sie ist ja noch lange nicht vorbei, ist fraglich, was die Innenstadthändler zurückerlangen können. Insbesondere der stationäre Textil-, Bekleidungs- und Schuhhandel sitzt nach dem Lockdown auf Millionen unverkaufter Artikel und durchschreitet jetzt eine lange Durststrecke mit völlig unzureichenden, existenzbedrohenden Frequenzen, Umsätzen und Erträgen.

Wie können sich Einzelhändler retten?

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Corona ist ein Brandbeschleuniger. Wir müssen sehen, was nach der Krise noch vom traditionellen Käuferverhalten übrig bleibt. Je länger diese Phase anhält, desto nachhaltiger werden sich Veränderungen ergeben. Stationärer und Onlinehandel werden sich stärker verschränken. Wir hatten – lange vor Corona – ein Treffen unserer mittelständischen Bekleidungshändler mit Zalando, um über Kooperationen zu reden. Mittelständische, inhabergeführte Geschäfte zögern zu Recht, sich selber ins Onlinegeschäft mit all seinen Hürden und Untiefen zu begeben. Die Möglichkeit, eine bestehende Plattform zu nutzen anstatt eine eigene aufzubauen, liegt dabei nahe.

Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. © Quelle: Peter Adamik

Wie lange können Händler die Krise noch durchhalten?

Der lange Marsch ist gerade viel härter als die fünf, sechs Wochen Schließung. Am ehesten erholt haben sich Kundenfrequenz und Umsätze in der Nahversorgung. Je zentraler eine Einkaufslage, je attraktiver sie auch zu normalen Zeiten für Touristen ist, desto schlimmer sieht es aus. Wer einigermaßen gut durchkommt, hat 10 bis 15 Prozent Minus gegenüber dem Vorjahr, und das sind an sich verheerend schlechte Zahlen. Die stark touristisch orientierten Läden haben immer noch 40 bis 60 Prozent Umsatzminus, da hat sich noch gar nichts auch nur ansatzweise erholt.

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Welche Unterstützung erhoffen Sie sich?

Allein mit Überbrückungshilfen ist es nicht getan. Wir brauchen eine Entfesselungsstrategie zugunsten der Innenstädte. Jede Regelung, die das Wirtschaftsleben einengt, gehört schonungslos auf den Prüfstand. Wir brauchen jetzt auch die Sonntagsöffnung, zumindest befristet für die Phase des Wiederaufbaues.

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Welche Gründe sind die ausschlaggebenden für den Rückgang?

In Berlin steht der Fortfall des Tourismus ganz oben, hier wurden 20 bis 25 Prozent des Umsatzes mit Besuchern getätigt. Zweitens sind die Verbraucher in höchstem Maße verunsichert, was ihre persönliche wirtschaftliche Perspektive angeht. Diese Verunsicherung führt dazu, dass sie weniger shoppen gehen. Drittens haben viele immer noch Furcht vor einer Infektion und vermeiden Menschenansammlungen. Das finde ich sehr vernünftig, aber es kostet natürlich Umsatz. Wir respektieren auch die Maskenpflicht, aber es ist natürlich kein Vergnügen, mit Mund-Nasen-Bedeckung shoppen zu gehen.

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Der Bund hat die Mehrwertsteuer um 3 Prozent gesenkt, um den Handel anzukurbeln. Was bringt Ihnen das?

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Die befristete Mehrwertsteuersenkung ist keine Bazooka, sondern höchstens eine Handtaschenpistole. Das hat bisher keinen wirklichen Effekt.

Wie wird die Krise die Innenstädte verändern? Reihenweise gehen lokale, nationale und internationale Ketten Pleite – was bleibt noch?

Wir werden andere Innenstädte haben. Es wird eine starke Veränderung geben in den Strukturen. Wer jetzt schon zu wissen glaubt, wer durchkommt und wer nicht, ist ein Spökenkieker. Es ziehen sich nationale und internationale Ketten zurück, und auch lokale Mittelständler werden in die Insolvenz getrieben.

Wie bewerten Sie die neue Ikea-Strategie mit Planungsstudios und XS-Stores?

Ikea verabschiedet sich davon, der ausschließliche Grüne-Wiese-Markt zu sein. Das sind interessante Ansätze, die den Innenstädten dort neue Perspektiven bieten, wo sie klassische Läden verlieren. Ikea geht aber nicht unterschiedslos an jeden Standort, sondern hat sich für die ersten zwei Planungsstudios in Pankow und Potsdam die sich am stärksten entwickelnden und dynamischsten Orte der Region ausgesucht. Wo Stadt wächst, braucht man gute Möbelplanung.

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Ein Beispiel: In Potsdam zieht Ikea in einen ehemaligen C&A-Standort, was sagt uns das?

Der Wandel am Handel ist das Entscheidende, nicht nur weil es sich reimt. Solange es noch ausreichend Player gibt, wird es auch Nachfrage nach Standorten geben, zumindest in den Toplagen.

Die Kommunen sollen – unterstützt vom Bund – Immobilien in den Innenstädten kaufen und günstig weitervermieten, um Händler zu locken? Ist das sinnvoll?

Ein stärkeres Engagement in den Innenstädten ist sinnvoll, weil die Folgekosten toter Innenstädte viel höher sein würden, als jetzt Investitionen zu tätigen. Wenn erst einmal revitalisiert werden müsste, wäre es viel teurer.

Wofür gehen wir überhaupt noch in die Innenstädte?

Wir werden wieder in die Innenstädte gehen, weil eines nicht nachlässt: Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen und braucht zwischenmenschliche Interaktion. Das Bedürfnis für ein kurzes Gespräch, für einen Schnack an der Kasse, wird die Menschen wieder in die Stadt bringen. Auch das ist eine Einsicht, die wir schon vor Corona hatten: Es kann nicht mehr um den reinen Warenverkauf gehen. Flächen werden umgewidmet zum Wohnen, für Cafés, für Events, für alles, was die Städte lebendig macht. Denn lebendig müssen sie bleiben.

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