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Inklusion an deutschen Schulen: Lehrer geben der Politik die Note 4,5

  • Wie läuft es mit der Inklusion an deutschen Schulen, elfeinhalb Jahre, nachdem Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat?
  • Eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung zeigt: Deutsche Lehrer stellen der Politik ein schlechtes Zeugnis aus.
  • In den Schulen fehle es an Personal, um die Aufgaben gut zu bewältigen – und nicht nur daran.
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Mehr als die Hälfte (56 Prozent) der Lehrer in Deutschland halten Inklusion grundsätzlich für sinnvoll – doch nur gut ein Viertel von ihnen (27 Prozent) sind der Auffassung, dass dies zurzeit praktisch sinnvoll umsetzbar ist. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Forsa-Befragung im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE).

Der Grund: Nach Auffassung des Großteils der Lehrer sind die Schulen weder personell noch in sonstiger Hinsicht hinreichend für die Aufgabe ausgestattet, Schüler mit und ohne Förderbedarf gemeinsam zu unterrichten. Den Landesregierungen und Kultusministerien geben die Lehrer für ihre Inklusionspolitik die Note 4,5. Befragt wurden im September und Oktober mehr als 2000 Lehrkräfte, davon 745 Lehrkräfte, die selbst in inklusiven Klassen unterrichten.

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Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft VBE, Udo Beckmann, sagte, Deutschland habe die UN-Behindertenrechtskonvention im März 2009 ratifiziert, dann aber nicht die notwendigen Konsequenzen daraus gezogen: nämlich unter Ausschöpfung der „verfügbaren Mittel“, wie es in der Konvention heiße, alles zu tun, „um nach und nach die volle Verwirklichung dieser Rechte zu erreichen“. Beckmann kritisierte: „Die Schulen können ihren Inklusionsauftrag unter den gegebenen Rahmenbedingungen nach wie vor nicht erfüllen.“ Das sei „ein fatales Zeugnis nach elfeinhalb Jahren Bewährungsprobe“.

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Konkret bemängeln die Lehrer, dass es vor allem an zusätzlichem Personal in den Schulen fehle, um die Aufgaben der Inklusion gut zu bewältigen. „Kommt eine Schülerin oder ein Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf hinzu, bleibt die Lerngruppe in der Regel gleich groß“, beklagt Beckmann. Das hätten zwei von drei befragten Lehrern so berichtet, führte er aus. An der Grundschule seien es sogar drei von vier gewesen. Jeder fünfte Lehrer (19 Prozent) hatte nach eigenen Angaben nur eine Woche oder weniger Zeit, um sich auf das inklusive Unterrichten vorzubereiten.

Ruf nach Doppelbesetzung

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Der VBE fordert eine Doppelbesetzung aus Lehrkraft und Sozialpädagoge in den betroffenen Klassen – und generell den verstärkten Einsatz von multiprofessionellen Teams, inklusive Sozialarbeitern und Psychologen, an Schulen. Zwar gebe es an vier von fünf Schulen mit inklusiven Lerngruppen Sozialpädagogen – deutlich mehr als noch vor fünf Jahren. Doch das unterstützende Personal könne oft nur zeitweilig, etwa an ausgewählten Schultagen, eingesetzt werden. Mängel sehen die Lehrer zudem bei Aus- und Fortbildung zum Thema Inklusion, aber auch bei den Schulbauten: Noch immer seien die wenigsten vollständig barrierefrei, es mangele aber auch an Räumen für kleinere Lerngruppen.

Von den mehr als acht Millionen Kindern und Jugendlichen in allgemeinbildenden Schulen in Deutschland haben laut VBE 6,5 Prozent einen festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf. Etwas weniger als die Hälfte von ihnen, insgesamt 235.000, werden demnach an einer Regelschule unterrichtet, die anderen an Förderschulen.

Die Folgen der Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie hat aus Sicht der Lehrer die Situation der betroffenen Schüler erheblich erschwert. Während der Schulschließungen sei es nicht gelungen, Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf ausreichend zu fördern – so beschreiben es 70 Prozent der Lehrer. Dort, wo Inklusion gelebt werde, hat es nach Meinung vieler einen Rückschlag gegeben: eben, weil der Alltag gefehlt habe. Bei den erneuten Schulöffnungen hätten die Ministerien die besonderen Bedürfnisse von Schülern mit Förderbedarf dann weitgehend vergessen, so die Kritik.

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