Mehr als 200.000 Tote in der Pandemie: Indien steht vor dem Corona-Kollaps

  • Mehr als 300.000 Neuinfektionen und 2700 Todesfälle pro Tag, überlastete Krankenhäuser, nicht ausreichend Sauerstoff und Medikamente.
  • Die zweite Corona-Welle hat Indien fest im Griff.
  • Trotz internationaler Hilfe droht dem 1,35-Milliarden-Einwohner-Land der Corona-Kollaps.
Philipp Hedemann
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Neu Delhi. „Vor manchen Krankenhäusern stehen viele Krankenwagen und werden ihre Patienten nicht los. Teilweise sind sie auf der Suche nach einem freien Krankenhausbett zwei, drei Tage durch die ganze Stadt gefahren und haben keines gefunden. Manche Patienten sterben im Krankenwagen, und die Krankenhäuser haben nicht genug Platz, um die Leichen zu lagern“, sagt Dr. Suvirajh John, Chefarzt am renommierten Sir-Ganga-Ram-Krankenhaus in Delhi.

Verzweifelt kämpft der Mediziner in der indischen Hauptstadt gegen die heftige zweite Corona-Welle, und ist dennoch oft machtlos. Im ganzen Land mangelt es an Medikamenten, freien Krankenhausbetten und Sauerstoff, um schwer erkrankte Patienten zu beatmen.

Indien meldete am Mittwoch 3293 weitere Corona-Tote und 362.757 Neuinfektionen, ein globaler Höchstwert. Damit gab es zum siebten Mal in Folge mehr als 300.000 neue Fälle an einem Tag. Mit fast 18 Millionen Erkrankten ist Indien nach Angaben der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität mittlerweile nach den USA das Land mit den meisten Infizierten. Inzwischen hat das Land damit die traurige Grenze von 200.000 Todesfällen seit Beginn der Pandemie erreicht.

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Experten befürchten jedoch, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen dürfte, da in Indien nach wie vor wenig getestet wird. „Viele Krankenhäuser haben derzeit nicht genug medizinischen Sauerstoff. Das gesamte medizinische Personal arbeitet im Überlebensmodus bis zur körperlichen und emotionalen Erschöpfung und versucht, so viele Leben wie möglich zu retten“, berichtet Dr. Suvirajh John.

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Gesundheitssystem in Indien am Limit: 2000 Todesfälle an einem Tag
1:22 min
Indien hat am Dienstag mehr als 323.000 Corona-Neuinfektionen gemeldet – und damit den sechsten Tag in Folge mehr als 300.000 neue Fälle binnen 24 Stunden.  © Reuters

Trotz der rund um die Uhr arbeitenden Ärzte und Pfleger müssen derzeit Hinterbliebene in Krematorien aushelfen, um ihre verstorbenen Angehörigen einzuäschern. Mit der weltweit größten Ausgangssperre versuchte Indien zu Beginn der Pandemie den Corona-Kollaps zu verhindern.

Selbst China ist nicht so rigoros gegen die Ausbreitung des Virus vorgegangen. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft waren katastrophal, Staat und Hilfsorganisationen mussten Millionen Menschen mit Lebensmittelhilfslieferungen unterstützen. Doch die zunächst relativ geringen Infektions- und Todeszahlen schienen Premier Narendra Modi recht zu geben.

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Seit Anfang Juni letzten Jahres wurde der strikte Lockdown jedoch schrittweise gelockert, Anfang April kamen beim Kumbh Mela, dem größten hinduistischen Fest der Welt, Millionen Menschen zusammen, um gemeinsam und oft ohne Abstand und Maske zu feiern und im Ganges zu baden. Auch wenn die Teilnahme offiziell nur mit einem negativen Corona-Test erlaubt war, wurden die Feierlichkeiten sowie überlaufene Wahlkampfveranstaltungen und gut besuchte Cricket-Spiele zu Superspreader-Events.

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„Kein anderes Land der Welt hatte so einen schnellen Anstieg der Corona-Infektionszahlen wie Indien. Wir haben mit einer zweiten Welle gerechnet, aber wir haben nicht damit gerechnet, dass sie so dramatisch werden würde“, sagt Dr. Suvirajh John.

Christian Wagner, Indien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, hatte schon zu Beginn der Pandemie damit gerechnet, dass das öffentliche indische Gesundheitssystem irgendwann unter der Wucht von vielen Neuinfektionen kollabieren könnte. Er glaubt, dass der Kampf der indischen Regierung gegen die Pandemie von Anfang an kaum zu gewinnen war.

„Mit dem unterfinanzierten und oft maroden öffentlichen Gesundheitssystem konnte man einer solchen Herausforderung nicht Herr werden. Zwar wurden die Ausgaben für den Gesundheitsbereich zuletzt erhöht, aber man kann während einer Pandemie nicht nachholen, was in Jahrzehnten zuvor versäumt wurde“, so der Indien-Experte.

Die zweite Corona-Welle sei derzeit „außer Kontrolle“, meint auch Franklin Jones, Chef des Katastrophenmanagements der internationalen Hilfsorganisation World Vision in Indien. „Die Menschen betteln um ein Krankenhausbett für sich und ihre Angehörigen, einige Menschen sterben auf den Gehwegen vor den überfüllten Kliniken. Mancherorts ist der Sauerstoff ausgegangen und beatmete Patienten sind deshalb in Krankenhäusern erstickt und so gestorben. In Teilen der Bevölkerung herrscht Panik!“, so der erfahrene Helfer.

Auch mehr als 100 World-Vision-Mitarbeiter und Familienmitglieder haben sich schon mit dem Coronavirus infiziert. Allein in der letzten Woche starben zwei von ihnen.

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Angehörige von Corona-Patienten stehen mit leeren Sauerstoffzylindern vor einer Sauerstoff-Abfüllstation in Neu-Delhi. © Quelle: Naveen Sharma/SOPA Images via ZU

Schwarzmarkt für überlebensnotwendige Sauerstoffflaschen

Vor allem der Mangel an Sauerstoff für Beatmungspatienten macht Jones Sorge. Die indische Regierung setzt bereits Militärflugzeuge und Züge ein, um Sauerstoff in die besonders betroffene Hauptstadt zu bringen, und in den sozialen Netzwerken und auf dem Schwarzmarkt versuchen verzweifelte Angehörige zu überteuerten Preisen überlebensnotwendige Sauerstoffflaschen aufzutreiben.

„Leider horten auch Erkrankte, die nicht beatmet werden müssen, Sauerstoff und wichtige Medikamente für den Notfall. Das verschärft die Lage. Die Regierung hat die Industrie angewiesen, sofort Sauerstoff herzustellen, aber ich befürchte, dass die dramatische Situation sich noch mindestens zehn Tage lang verschlimmern wird, bevor die Lage sich hoffentlich entspannt“, sagt Franklin Jones von World Vision.

Die indische Regierung hat die Hilfsorganisation deshalb darum gebeten, sie bei der Beschaffung von Sauerstoff und medizinischer Ausrüstung für die staatlichen Krankenhäuser zu unterstützen. Außerdem betreibt World Vision Aufklärungsarbeit zur Vermeidung von Infektionen und klärt über die Impfkampagne der Regierung auf. Denn trotz der dramatisch hohen Zahl an Neuinfektionen gibt es in Teilen der Bevölkerung noch immer von Fake News über mögliche Nebenwirkungen geschürte Vorbehalte gegenüber der Impfung.

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Pratibha Srivastava ist eine der offiziell mehr als 17,6 Millionen Inderinnen und Inder, die sich bereits mit Coronavirus angesteckt haben. Die 53-Jährige infizierte sich Ende März in der Millionen-Stadt Bhopal. „Obwohl ich mich sofort in Quarantäne begeben habe, habe ich auch meine beiden Kinder und meinen Mann angesteckt. Die derzeit in Indien vorherrschende Virusmutation ist sehr aggressiv. Ich hatte hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, trockenen Husten und war sehr erschöpft“, berichtet die Koordinatorin der Welthungerhilfe.

Würde sie sich heute infizieren und schwer erkranken, wäre es nicht gewährleistet, dass sie überhaupt ein Bett im Krankenhaus bekäme und dort im Notfall beatmet werden könnte. „Die Menschen, die jetzt schwer erkranken, haben Angst, dass sie das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen“, berichtet die Expertin für öffentliche Gesundheit.

Mehrere ihrer Familienangehörigen und Freunde sind bereits an Corona gestorben. Angst macht ihr, dass mittlerweile auch viele jüngere Menschen ohne Vorerkrankungen schwer erkranken. „Es gibt einfach viel zu wenig Testkapazitäten. Von symptomfrei Erkrankten, die das Virus unwissentlich verbreiten, geht deshalb eine große Gefahr aus“, berichtet die Entwicklungshelferin.

Um einer weiteren Eskalation der Corona-Krise in Indien entgegenzuwirken, führt die Welthungerhilfe unter anderem Aufklärungskampagnen zum Schutz vor einer Ansteckung durch, hat ihre Aktivitäten im Hygiene- und Sanitärbereich ausgeweitet und kümmert sich um Menschen, die aufgrund der Corona-Krise vom Hunger bedroht sind.

Sogar Erzfeind Pakistan unterstützt Indien

Aus Angst vor der Ausbreitung der derzeit in Indien dominanten Virusmutante B.1.617 hat Deutschland unterdessen wie viele weitere Länder einen weitgehenden Einreisestopp für Indien verhängt.

Zugleich sagten Deutschland, die USA, Großbritannien und weitere Staaten – darunter Erzfeind Pakistan – Indien zu, das Land schnell mit Sauerstoff, Beatmungs- und Röntgengeräten, Impfstoffrohmaterialien, Medikamenten, Schnelltests und Schutzkleidung zu unterstützen.

Trotz der derzeit dramatischen Situation gibt Dr. Suvirajh John vom Sir-Ganga-Ram-Krankenhaus in Delhi sich kämpferisch. Der Arzt: „Unser Land hat in der Vergangenheit schon viele Katastrophen wie Hungersnöte durchgemacht. Aber diese zweite Covid-19-Welle stellt uns alle auf eine unerwartete harte Probe. Doch Inder sind sehr gut darin, sich in Krisen neu zu erfinden. Wir werden auch diesen Kampf gewinnen.“

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