In der CDU steigen die Aktien von Jens Spahn

  • Er sei doch noch viel zu unerfahren, haben ihm Parteifreunde aus der CDU immer wieder gesagt.
  • Doch als Gesundheitsminister trägt Jens Spahn gerade sehr viel Verantwortung in einer schweren Krise.
  • Am 16. Mai wird Spahn 40 Jahre alt – und aus der CDU hört man, die Zeit sei reif für einen neuen Blick auf den “jungen Mann”.
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Jens Spahn? Für den galt in der CDU über viele Jahre hinweg eine Art Doppelbeschluss. Erstens: Spahn ist ein guter Mann. Zweitens: Da er aber noch viel zu jung und viel zu unerfahren ist, stellt er sich bitte bis auf weiteres erstmal hinten an.

Auch Wohlwollende sagten dem aufstrebenden Mann aus dem Münsterland im Vier-Augen-Gespräch immer wieder einen Fünf-Wörter-Satz, den Spahn am Ende schon nicht mehr hören konnte: “Du hast doch noch Zeit.”

Die Zeiten ändern sich. Der zweite Teil des Doppelbeschlusses jedenfalls wird inzwischen nicht mehr mit der gleichen Lautstärke und Schärfe wiederholt wie in früheren Jahren. Er stimmt auch einfach nicht mehr.

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Zu jung? Am 16. Mai wird Spahn 40 Jahre alt. Auf den ersten Blick ist das kein besonders denkwürdiges Datum. In Deutschland jedoch hat schon aus juristischen Gründen das Erreichen dieses Alters eine besondere Bedeutung: Wer “das vierzigste Lebensjahr vollendet hat” kann nach Artikel 54 des Grundgesetzes zum Bundespräsidenten gewählt werden. Auch Bundesverfassungsrichter “müssen das 40. Lebensjahr vollendet haben”, so will es Paragraph 3 des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes.

Ein Gesundheitsminister vor dramatischer Kulisse

Die beiden Normen sind einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. In der politischen Szene aber spielen sie eine Rolle: als Maßstab für eine – wenn auch stets mutmaßliche – Einschätzung von Lebenserfahrung

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Der Gesetzgeber wollte bei den in ihrem rechtlichen Rang allerhöchsten Dienern des Staatswesens, über denen tatsächlich nur noch der blaue Himmel ist, eine gewisse Reife sicherstellen.

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Wer aber alt genug wäre, um Bundespräsident oder Richter am Bundesverfassungsgericht zu sein, kann nicht für das Amt des Kanzlers (für das es kein gesetzliches Mindestalter gibt) zu jung sein.

Ist Spahn zu unerfahren?

Auch an diesem Argument nagt der Zahn der Zeit, jeden Tag. Es mag sein, dass die Kanzlerin Spahn keinen Gefallen tun wollte, als sie ihn im Frühjahr 2018 zum Gesundheitsminister machte. In dem Ressort hatten schon viele Vorgänger viel Ärger; mächtige Interessengruppen können den Alltag eines Gesundheitsministers sehr unerquicklich werden lassen.

Bei Spahn aber ist jetzt alles anders. Er agiert vor einer dramatischen, sogar historischen Kulisse wie noch kein Gesundheitsminister vor ihm. Wer sich in dieser Krise bewährt, das ahnt Spahn, nimmt einen Bonus mit, der fast etwas Helmut-Schmidt-Haftes hat.

Anders als Friedrich Merz findet Spahn laufend öffentlich statt: Der Bundesgesundheitsminister gibt eine Pressekonferenz im Rahmen eines Besuchs an der Medizinischen Hochschule Hannover. © Quelle: imago images/photothek

Der Versuchung, nun allzu breitbeinig aufzutreten, hat Spahn widerstanden. Im Bundestag hielt er nachdenkliche Reden, für die ihn Politiker aller Parteien lobten. Und als ihn ein amerikanischer Fernsehsender auf die Erfolge Deutschlands ansprach, etwa auf die niedrige Quote von Toten, begann Spahn seine Bemerkungen mit dem Hinweis, er blicke nicht mit Stolz, sondern mit Demut auf die tollen Leistungen aller, die derzeit im Gesundheitswesen ihr Bestes geben.

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Das war dann nicht mehr der Ehrgeizling aus dem Münsterland, der da sprach. Das war schon “major league”, wie die Amerikaner sagen würden. Auch langjährigen Parteifreunden, die früher nicht zum Spahn-Fankreis gehörten, fielen Szenen wie diese auf.

Drei neue Tendenzen stärken Spahn

Doch es geht um weit mehr als nur Situatives. Drei über den Tag hinaus strukturell wirksame Tendenzen stärken derzeit Spahn:

1. Anders als Friedrich Merz findet Spahn laufend öffentlich statt. Er gibt Pressekonferenzen in Berlin, er besucht Krankenhäuser quer durch die Republik. Gern gesellt sich, wie zuletzt in Hannover, der jeweilige Ministerpräsident dazu. Spahn verkörpert Präsenz und Relevanz – beides hat Merz nicht zu bieten. Versammlungen darf der Sauerländer nicht abhalten, und etwas für die Menschen derzeit wirklich Wichtiges hat er genau genommen auch nicht mitzuteilen

2. Anders als Armin Laschet verstolpert Spahn seine Auftritte nicht. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident sammelte etwa bei der jüngsten Talkshow von Anne Will Minuspunkte. Laschet ließ den Eindruck aufkommen, er wolle die Situation an den Schulen schönreden, insbesondere, was deren mangelnde Vorbereitung aufs Hochfahren angeht. Auch konnte Laschet den Eindruck eigener Ratlosigkeit im Dilemma zwischen immer neuen virologischen und ökonomischen Warnungen nicht ganz zerstreuen. Ein Bundesgesundheitsminister hat es da strukturell ein bisschen einfacher: Wenn Spahn sich weiter auf die Abwehr medizinischer Gefahren konzentriert, kann er nichts falsch machen.

3. In Umfragen sieht Spahn, der nie der Liebling der Demoskopen war, inzwischen besser aus früher. Am 30. April meldete das Institut YouGov, 40 Prozent der Befragten schätzten den Umgang Spahns mit der Krise als "sehr gut "oder “eher gut” ein - bei Laschet sehen das nur 18 Prozent so. Im jüngsten Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen (24. April) wurde Spahn mit einem Sympathiewert von 1,5 als zweitbeliebtester CDU-Politiker nach Kanzlerin Angela Merkel notiert - deutlich vor Laschet (1,0) und Merz (0,1). Schon im März fiel den Demoskopen ein Aufwärtstrend bei Spahn auf: Die Arbeit des Gesundheitsministers wurde in einer Forsa-Umfrage besser bewertet als die Arbeit der Bundesregierung insgesamt.

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Fragt man allerdings derzeit bundesweit nach dem idealen Kanzlerkandidaten der Unionsparteien, hat Markus Söder, der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident, die Nase vorn.

Bremst Spahn bald den älteren Söder?

Spahn registriert das alles – und handelt entsprechend umsichtig. Wenn die CDU zusammensteht, kann sie die Kanzlerkandidatur des Bayern abbiegen. Spahn muss deshalb drei aktuell relevante Strömungen in der CDU hinter sich bringen. Erstens jene, die eigentlich lieber Merz wollen – und jedenfalls gern jemanden hätten, der sich als Reformer neue Ziele setzt in und für Deutschland. Zweitens jene, die sich von Laschet eine pragmatische, mittige Politik erhoffen, die niemanden abstößt. Und drittens jene, die am liebsten Merkel als Kanzlerin auf Lebenszeit installieren würden. Wenn Spahn das Kunststück fertig bringt, all diese Strömungen zu integrieren, hat er die Mathematik und die Mechanik der Macht auf seiner Seite.

Dann kann Spahn erstmals in seinem Leben einem Älteren, dem 53-jährigen Söder, sagen, er solle sich hinten anstellen.

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