In Berlin regiert nur noch die Hitze

  • Ist das schon die zweite Welle oder nicht? In Berlin hat eine seltsame Ratlosigkeit Einzug gehalten.
  • Das hat auch mit der Abwesenheit aller führenden Politiker zu tun.
  • Vielleicht driftet Deutschland in diesen stillen heißen Tagen unbemerkt in eine schwierige neue Phase hinein.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

seit Tagen wächst die Sorge, dass eine zweite Pandemiewelle heranrollt. Oder ist sie längst da? Unsere Berliner Korrespondenten Daniela Vates und Tim Szent-Ivanyi haben sich das Infektionsgeschehen genau angeschaut und gehen in ihrem heutigen Bericht der Frage nach, ob die Politik richtig reagiert. Nicht diese oder jene einzelne Zahl ist zu hoch. Aber das Gesamtbild hat neuerdings etwas Beunruhigendes. So lässt die Zahl der Landkreise, die keine neuen Fälle melden, seit einiger Zeit stetig nach. Die Welle hat sich noch nicht erhoben, aber bei dem ein oder anderen entsteht mit Blick auf diese Daten so etwas wie ein Vor-Tsunami-Gefühl.

Wie aber reagiert ein Minister, der gar nicht da ist, sondern irgendwo in seinem Urlaubsort abschaltet und die Füße hochlegt?

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Der Tag Die Themen des Tages und besondere Leseempfehlungen: Das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland. Jeden Morgen um 7 Uhr.

Auch Politiker, klarer Fall, haben ein Recht auf eine Sommerpause – gerade nach den zurückliegenden belastenden Monaten. Aber müssen sich alle gleichzeitig verabschieden? Die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Ulrike Demmer, wird heute in der Bundespressekonferenz Fragen beantworten. Aber außer ihr bekommen die Hauptstadtjournalisten heute niemanden von der Regierung zu sehen.

Die AfD “begrüßt” die verquere Superspreader-Demo

Dabei ist die deutsche Politik gerade doppelt gefordert. Erstens müsste dringend jemand ein strenges Wort sprechen, was die Einhaltung der Corona-Regeln angeht. Die Deutschen scheinen gerade so etwas wie einen sommerlichen Durchhänger zu haben – das ist verständlich und gefährlich zugleich.

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Zweitens wäre auch etwas mehr intellektuelle Schärfe gefragt in den Debatten nach der verqueren Superspreader-Demo vom Wochenende. Allen Ernstes verkündete soeben der Co-Vorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, er könne darin kein Fehlverhalten erkennen: “Die Menschen sind für ihre Grundrechte auf die Straße gegangen. Das kann man nur begrüßen und dafür steht auch die AfD.”

Was soll das werden, eine Kampfansage? Früher gab es in den Parteizentralen von CDU und SPD Leute, die in solchen Fällen die Hörner gesenkt und den nötigen Streit ausgetragen hätten. Die Älteren erinnern sich noch an Typen wie Heiner Geißler von der CDU und die ruppige Art, mit der er gegen die damaligen rechtsgerichteten Republikaner vorging. Heute gibt es solche intellektuellen Kraftzentren außerhalb des Regierungsapparats schon gar nicht mehr. Und da der jetzt in den Leerlauf schaltet, regiert in Berlin wirklich nur noch die Hitze.

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Schwere Explosion erschüttert Beirut

In Beirut kam es am Dienstagabend zu einer mächtigen Explosion. Tausende Menschen wurden verletzt, viele getötet. © Quelle: Hassan Ammar/AP/dpa

Bei einer gewaltigen Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut sind am Dienstag Dutzende Menschen gestorben, Tausende wurden verletzt. Die Detonation ereignete sich im Hafengebiet, von dem große Teile zerstört wurden.

Videos zufolge begann die Katastrophe mit einem Brand in einem Hafengebäude. In dessen Rauchsäule sind mehrere kleinere Explosionen zu sehen, die an Feuerwerkskörper erinnern. Kurz darauf folgt eine gewaltige Detonation mit einer Pilzwolke und einer Druckwelle, die sich blitzschnell kreisförmig nach außen ausbreitet. “Das war wie eine Atomexplosion”, berichtet ein Zeuge aus der Nähe von Beirut.

Während US-Präsident Trump über einen “Angriff” spekuliert und von einer “Art Bombe” wissen will, geht man im Libanon von einer anderen Ursache für die Katastrophe aus. Laut dem libanesischen Ministerpräsidenten Hassan Diab könnte sich eine große Menge Ammoniumnitrat entzündet haben, die in der Halle am Hafen gelagert worden sei. Hier wird der Tag neue Erkenntnisse bringen.

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Das Zitat des Tages

Hier hat niemand es verdient, grimmig angeschaut zu werden. Und wenn man die Supermarktkassiererin anlächelt oder die Reinigungskräfte, dann macht das etwas mit der kompletten Gesellschaft.

Catarina Lachmund, Happiness Research Institute, Kopenhagen, im ZDF zu der Frage, warum Dänen regelmäßig auf Platz eins in Europa liegen, wenn in Umfragen nach dem Volk geforscht wird, das sich am glücklichsten fühlt

Leseempfehlungen

Heute wird es spannend vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt. Im Prozess um den Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke steht – endlich – die Aussage des Angeklagten bevor. Eingelassen hatte sich Stephan Ernst zwar schon bei den Ermittlungsrichtern, aber mit zwei Versionen, die widersprüchlicher kaum sein könnten: In einer ersten Vernehmung kurz nach der Festnahme gestand der Neonazi den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten umfangreich. Dann wechselte Ernst seinen Anwalt, zog das Geständnis zurück – und stellt die Tat seither als Unfall dar. Was er nun wirklich vor Gericht aussagen wird, ist noch völlig offen. RND-Reporterin Julia Rathcke wird früh morgens vor Ort sein, um 10 Uhr soll der Verhandlungstag beginnen. Was bis jetzt geschah, lesen Sie hier.

Die Bundesregierung hat ihre Reisewarnung für Teile der Türkei aufgehoben. Was das für Urlauber konkret bedeutet, beschreibt Maike Geißler aus unserem Reisereporter.

Für die jüngste Folge der RND-Serie über den deutschen Adel hat Redakteurin Hannah Scheiwe keinen Geringeren als Charles Alexander Graf von Faber-Castell getroffen, und zwar im Faber-Castell-Schloss in Stein bei Nürnberg. In der Gegend nennen sie den Mann Bleistiftgraf. Nach einer Führung durch das eindrucksvolle Schloss, das für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt wird, sprach Faber-Castell über sein Leben und seine Arbeit. Der 40-Jährige hat mit seiner Frau zwei kleine Kinder – die vielleicht auch irgendwann in das Familienunternehmen einsteigen könnten, als zehnte Generation.

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Große Räume, viele Arbeitsplätze nebeneinander und teilweise ein täglicher Wechsel der Nutzer: Großraumbüros werden in Corona-Zeiten kritisch betrachtet. Noch schlimmer sah es anfangs in den modernen Coworking-Spaces aus, in denen sich Mitarbeiter unterschiedlicher Firmen ihre Arbeitsstätte teilen. Mit neuen Hygienekonzepten gehen die Betreiber jetzt in die Kurve – und feiern sogar schon das erste “Corona Safe House”. Wie das funktionieren kann, beschreibt Lilly von Consbruch.

Termine des Tages

  1. Frankfurt: Vor dem Oberlandesgericht wird der Prozess wegen der Tötung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke fortgesetzt.
  2. Wiesbaden: Das Statistische Bundesamt veröffentlicht Zahlen zu jungen Erwachsenen, die im Haushalt der Eltern wohnen.
  3. Washington: Demokraten und Republikaner verhandeln über staatliche Hilfen für arbeitslos gewordene Amerikaner.

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Aus dem Newsroom: Matthias Koch

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