Impfstoff plus Impfpass: Europas doppelte Hoffnung

  • Warum, fragten wochenlang viele Deutsche, ziehen wir keine rein nationale Impfstrategie durch wie Israel?
  • Inzwischen aber wächst wieder mehr Verständnis für den gemeinsamen Weg in der EU.
  • Wenn die EU es schafft, den Bürgern bis zum Sommer sowohl Impfstoff als auch digitale Impfpässe zu verschaffen, werden viele den alten Kontinent mit neuen Augen sehen. Ein Kommentar von Matthias Koch.
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Corona erzeugt Stress. Und Stress verändert die Menschen: Der Demokratie tut diese Kausalkette nicht gut.

Die physiologischen Folgen von Stress sind allseits bekannt; Puls und Blutdruck steigen, wir atmen schneller, die Pupillen werden eng. Doch auch psychologisch verändert sich etwas. Das Gehirn sucht die schnelle, einfache Lösung – und es schiebt alles Komplexe beiseite. Psychologen assoziieren Stress mit „Schwarz-Weiß-Denken“ und „Tunnelblick“. Mit anderen Worten: Auch das Denken wird eng.

Corona hat genau diese Engstellung zum neuen deutschen Massenphänomen gemacht. Viele sind verspannt wie noch nie. Das aufrichtige Ringen um den besten politischen Weg, ein Kernbestandteil des Systems, geht vielen Deutschen nur noch auf die Nerven. „Wenn ich diesen Lauterbach schon sehe“, stöhnen die einen, die dringend lockern wollen. „Sterben mit Streeck“ wolle man nicht, eifern die anderen, die die dritte Welle fürchten. Und beiden Seiten schwillt der Kamm.

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Wer da als Politiker noch differenzieren oder gar integrieren will, hat es schwer. Die Lager streben heillos auseinander, vereint nur noch in ihrer Aufgeregtheit. Morddrohungen künden vom erschreckend weit fortgeschrittenen Stadium eines Schwarz-Weiß-Denkens, in dem das zuvor nur Primitive schon übergeht ins Gefährliche.

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Die Illusion der nationalen Strategie

In dieser Szenerie hat es jetzt keine Institution so schwer wie die Europäische Union, dieses ebenso ferne wie komplizierte Gebilde.

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Hier und da wurde in den aufgewühlten Debatten der letzten Wochen Europa glatt vergessen. Warum, schäumten viele Deutsche mit düsterem Blick, haben „die Brüsseler Bürokraten“ beim Impfen überhaupt etwas zu sagen? Warum setzt Deutschland nicht knallhart auf eine nationale Impfstrategie wie Israel? Wären wir dann nicht schon viel weiter?

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Merkel will EU-Impfpass in den nächsten drei Monaten
1:27 min
Dieser Impfausweis soll das Einreisen in die EU aus Drittstaaten während der Corona-Krise erleichtern.  © dpa/TNN

Theoretisch ja. Praktisch aber gibt es nun mal große Unterschiede zwischen einem strikt abgeriegelten Neun-Millionen-Staat im Nahen Osten und einem rundum offenen, nicht nur mit seinen neun unmittelbaren Nachbarländern eng vernetzten 80-Millionen-Staat mitten in Europa.

Auch wenn es eine Weile dauert und etwas komplizierter ist: Die Deutschen kommen, epidemiologisch wie ökonomisch, nur dann effektiv raus aus dieser Krise, wenn auch die EU insgesamt herausfindet. Alles andere ist eine Illusion.

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Die EU ist den Weg des Zusammenhalts gegangen, und das ist gut so. Was wäre geschehen, wenn Deutschland ein nationales Exportverbot für Covid-19-Impfstoffe verfügt hätte, wie es die USA etwa den Kanadiern zumuten? Und was wäre geschehen, wenn hiesige Politiker nach dem Vorbild Israels die Überstellung kompletter Patientendateien an den Pharmakonzern Pfizer zugesagt hätten? Beide Vorgehensweisen sind für Deutschland und Europa völlig indiskutabel.

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Astrazeneca bleibt ungenutzt – ist Brüssel schuld?

Ja, an der einen oder anderen Abzweigung hätte Brüssel mehr Tempo bewirken können. Vor allem die drohenden Probleme durch Produktionsengpässe wurden unterschätzt. Entscheidend aber ist: Die EU hat in einer historisch beispiellosen Anstrengung und in einem politisch wie rechtlich sauberen Verfahren ihren 440 Millionen Einwohnern 2,6 Milliarden Impfdosen gesichert. Deren technische Herstellung ist jetzt der Flaschenhals.

Bislang wurden in der EU zehn Millionen Menschen bereits vollständig geschützt. Es ist eine Zahl, die einerseits den langsameren Start der Europäer beschreibt – zugleich aber immerhin ihren Platz Nummer zwei in der Welt markiert, hinter den USA.

Diese Tabelle von Our World in Data zeigt die absolute Zahl vollständig geschützter Menschen. © Quelle: OurWoldInData

Inzwischen aber fällt ein kritischer Blick auf die Einzelstaaten der EU: Warum gelingt es ihnen nicht, die Impfstoffe, deren geringe Menge sie beklagen, wenigstens rasch zu verimpfen? In Deutschland etwa waren zwei Wochen nach der Lieferung von 1,45 Millionen Dosen Astrazeneca nur 270.986 Dosen verimpft. Der EU wird man diese Seltsamkeit schlecht anlasten können.

Ausgerechnet das ungeliebte Brüssel schickt jetzt sogar einen Sonnenstrahl der Hoffnung über den gequälten Kontinent – in Gestalt des digitalen EU-Impfpasses. Der freilich nützt wenig, wenn es auch im Sommer noch an Impfstoff fehlen sollte. Kommt aber bis dahin die erwartete Impfstoffschwemme, und können die Europäer dann endlich wieder reisen, werden viele durchatmen – und ihren eigenen Kontinent mit neuen Augen sehen.

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Wenn der Stress nachlässt, das zeigt die Erfahrung, endet auch der Tunnelblick.

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