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Berufsverbände lehnen Impfpflicht für Lehrerinnen und Pflegekräfte ab

  • Während die Inzidenzen ansteigen, gerät die Impfkampagne ins Stocken.
  • Ein Mitglied des Deutschen Ethikrats fordert die Einführung einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen.
  • Lehrerverbände und Gewerkschaften reagieren empört.
Feliks Todtmann
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Paris/Berlin. Pädagogenverbände wehren sich gegen die Forderung nach Einführung einer Impfpflicht für Mitarbeiter in Schulen und Kitas. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Maike Finnern, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Wir sind gegen eine Impfpflicht. Nach unseren Rückmeldungen ist die Impfquote unter den Beschäftigten bereits sehr hoch.“

Sie könne die Debatte unter dem Gesichtspunkt der Gleichbehandlung nicht nachvollziehen. Damit Kitas und Schulen in der Pandemie verlässlich öffnen können, brauche es mehr als eine Impfung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: „Unsere Bildungseinrichtungen müssen krisenfest und zukunftsorientiert gemacht werden. Dafür brauchen wir Investitionen in Gebäude und Luftfilteranlagen sowie dauerhaft in zusätzliches Personal, damit in kleineren Gruppen gearbeitet werden kann.“

Beschäftigte in Schulen und Kitas sollten zu Corona-Impfungen verpflichtet werden, forderte Wolfram Henn, Humangenetiker und Mitglied des Deutschen Ethikrats, in der „Rheinischen Post“. „Wir brauchen eine Impfpflicht für das Personal in Kitas und Schulen“, sagte Henn. Lehrkräfte, Erzieher und Erzieherinnen sollten vor allem Kinder unter zwölf Jahren schützen, die keine Impfung bekommen könnten. „Wer sich aus freier Berufswahl in eine Gruppe vulnerabler Personen hineinbegibt, trägt eben besondere berufsbezogene Verantwortung.“

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Lehrerverbände lehnen die Impfpflicht ab

„Um den Präsenzunterricht zu sichern, brauchen wir keine Impfpflicht für die Lehrkräfte“, sagte die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing. Sie kritisierte, dass zu Beginn der Impfkampagne nur Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen für eine Impfung priorisiert wurden und nicht alle Lehrkräfte. Sie fordert, dass das Förderprogramm des Bundes für Luftfiltergeräte auf alle Schulen ausgeweitet werden solle. Bislang sollen lediglich Schulen mit Schülerinnen und Schülern bis zwölf Jahren gefördert werden.

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Unterstützung bekam Wolfram Henn hingegen von Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. Er sprach sich in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe für eine verpflichtende Impfung für medizinische Berufe aus. In Frankreich bereitet die Regierung derzeit einen Gesetzentwurf vor, der eine Impfpflicht für Pflegekräfte vorsieht. Angesichts steigender Infektionszahlen und einer „unzureichenden“ Impfquote hatte der wissenschaftliche Beirat der französischen Regierung die Einführung der Pflichtimpfung für medizinisches Personal empfohlen.

„Impfverpflichtung wirkt kontraproduktiv“

Der frühere Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Uwe Janssens, warnte vor der Einführung einer Impfpflicht für Pflegekräfte. „Wir sind überzeugt, dass eine Impfverpflichtung kontraproduktiv wirkt. Mit Zwang lassen sich Impfskeptiker und Impfgegner nicht überzeugen“, sagte Janssens dem RND. Eine Pflicht zur Impfung würde letztlich dazu führen, dass das Gesundheitssystem jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlieren würde, die sich bewusst aktuell, aus welchen Gründen auch immer, gegen eine Impfung entschieden haben.

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Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, rechnet damit, dass Masken nicht mehr aus dem Alltag verschwinden werden.  © dpa

Er plädierte für mehr Aufklärung und Kommunikation im Zusammenhang mit den Corona-Impfungen. „Wir müssen stärker dafür werben, wohin uns die Impfungen führen können, dass es sich lohnt, sich impfen zu lassen.“ Er wünscht sich mehr konstruktive, motivierende und vor allem regionale Informationsangebote, die zeigten, dass die Impfstoffe zum einen sicher sind und zum anderen neben dem Eigenschutz die Patienten, eigene Angehörige und Mitmenschen schützen können.

Über 35 Millionen Menschen sind vollständig geimpft

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Ähnlich äußerte sich die Präsidentin des Deutschen Pflegerates, Christine Vogler. „Wir plädieren für gute Aufklärungs- und Kommunikationswege, um Impfkritikern zu begegnen. Bußgelder, Sanktionen oder Effiktivitätserwägungen bei Impfungen lehnen wir ab.“ Denkbar seien berufliche Sanktionen hingegen, wenn Angestellte im Gesundheitssystem wissentlich Fehlmeldungen verbreiten. Sie verwies darauf, dass es zudem keine validen Daten zu Impfquoten unter Pflegekräften und medizinischem Personal gibt.

Während die Delta-Variante sich weiter ausbreitet und die Inzidenzen ansteigen, verliert die Impfkampagne an Tempo. Wurden im Juni zu Spitzenzeiten täglich mehr als eine Million Menschen geimpft, liegt die Zahl der täglich verabreichten Impfungen seit Anfang Juli weit unter der Millionengrenze. Nach den aktuellen Angaben des Bundesgesundheitsministeriums waren am Montag (12. Juli) mehr als 35 Millionen Menschen in Deutschland vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Das entspricht 42,6 Prozent der gesamten Bevölkerung. Fast 49 Millionen oder 58,5 Prozent der Menschen in Deutschland haben mindestens eine Impfdosis erhalten.

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