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Impfmobile in sozialen Brennpunkten – dringend überfällig oder Show im Wahljahr?

  • Nach Köln planen nun auch Berlin, Hannover und andere Städte den Einsatz von mobilen Impfteams in sozialen Brennpunkten.
  • Je ärmer und dichter besiedelt ein Stadtteil ist, desto höher liegen oft die Infektionszahlen.
  • Doch Kritiker wie der Amtsarzt Patrick Larscheid bezeichnen die Aktion als undurchdachten Aktionismus – und fordern mehr Aufklärung.
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Köln/Berlin. Die Impfaktion in sozialen Brennpunkten Kölns kann weitergehen. Seit Montag steht ein Impfbus im Hochhausviertel Chorweiler. Hier werden alle Menschen unabhängig vom Alter oder Priorisierungsgruppe geimpft, die einen Wohnsitz im Viertel haben.

Zuerst wurden Restbestände aus den Kölner Impfzentren verimpft, dann 1000 vom Land Nordrhein-Westfalen bereitgestellte Dosen des Vakzins von Johnson & Johnson. Das Land stellt nun weiteren Impfstoff zur Verfügung. Am Wochenende soll auch vor der Kölner Zentralmoschee geimpft werden.

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In Berlin sollen noch vor Pfingsten ebenfalls mobile Impfteams in Brennpunkten zum Einsatz kommen. Einen Bus wie in Köln soll es nicht geben. Geplant ist, Stadtteiltreffs, Jugendklubs und Schulgebäude als temporäre Impfzentren aufzubauen. Das sagte Falko Liecke, Gesundheitsstadtrat im Bezirk Neukölln, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Der Senat will 10.000 Dosen des Impfstoffs von Johnson & Johnson bereitstellen, der nur einmal gespritzt werden muss.

Infektionszahlen in Großstädten: Brennpunkte am stärksten betroffen

In allen Großstädten liegt die Zahl der Corona-Infektionen in dicht besiedelten Vierteln und sozialen Brennpunkten deutlich über der in Villenvierteln und Einfamilienhaussiedlungen. Neben Köln und Berlin planen auch Hannover, Frankfurt am Main und andere Städte den Einsatz mobiler Impfteams.

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Der Deutsche Städtetag begrüßt das: „Nur wenn wir einen Großteil der Menschen aus allen Bevölkerungsschichten überzeugen, kann die Impfkampagne erfolgreich sein. Soziale Unterschiede dürfen hier nicht bremsen“, sagt Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy dem RND. Mobile Impfteams und Aufklärung müssten Hand in Hand gehen.

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„Alle großen Städte haben die stadtteilbezogenen Inzidenzen im Blick. Und sie kümmern sich darum, Menschen zielgruppengenau anzusprechen, die über übliche Kommunikationswege schwer erreichbar sind.“ Ziel sei laut Hauptgeschäftsführer Dedy, dass die bestehenden Impfangebote von priorisierten Personen akzeptiert und angenommen würden.

Gleichzeitig gehe es darum, die coronabedingten Verhaltensregeln und Verbote zu vermitteln: „Hier nutzen die Städte unter anderem die bestehenden Strukturen in den Stadtteilen. Das reicht von Migrantenselbstorganisationen, Integrations- und Kulturvermittlern, Streetworkern, der Stadtteil- und Schulsozialarbeit bis zu den Informationskanälen von Kitas und Jugendeinrichtungen.“

Grünen-Chef Habeck: Impfmobile könnten „vor Aldi, Moscheen und auf Marktplätzen zum Einsatz“ kommen

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Auch der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck sprach sich für den Einsatz mobiler Impfteams aus. „Man muss den Impfstoff zu den Menschen bringen und nicht die Menschen zu dem Impfstoff“, sagte er.

Impfmobile könnten „vor Aldi, Moscheen und auf Marktplätzen zum Einsatz“ kommen, schlug Habeck vor. Wenn irgendwann die Kinder in der Schule geimpft werden dürften, müsste man auch die Eltern mit ansprechen.

Hamburg möchte keine Impfbusse in sozialen Brennpunkten

Hamburg wird diesen Weg nicht gehen. Mobile Impfteams seien bereits unterwegs gewesen, um die Wohnungslosen mit dem Einmalimpfstoff von Johnson & Johnson zu versorgen, sagt Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde. Gefährdete Gruppen würden bevorzugt mit Impfterminen versorgt, in dieser Woche etwa die Beschäftigten im Lebensmitteleinzelhandel.

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„Das ist viel zielgenauer, als mittags einen Impfbus auf den Marktplatz zu stellen – dann erreichen wir diese Leute nicht, weil sie arbeiten“, sagt Helfrich. Bereits seit März werden Hausarztpraxen in acht Stadtteilen mit hohen Infektionsraten bevorzugt mit Impfstoff versorgt, dazu gehören Veddel, Steilshoop und Lohbrügge.

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Berliner Gesundheitsamtchef Larscheid: „Vor allem mangelt es an der Aufklärung.“

Sind Impfbusse wie in Köln also eher eine populistische Aktion im Wahljahr? So sieht es Patrick Larscheid, der Leiter des Gesundheitsamts im Berliner Bezirk Reinickendorf. „Die mobilen Impfteams – das ist eine unvorbereitete, undurchdachte Aktion, die sehr von oben herab wirkt“, sagt er dem RND.

„Bewohner bestimmter Kieze werden pauschal zu ‚sozial Schwachen‘ erklärt, denen man etwas Gutes tut. Aber wir haben keinen Impfstoff für eine Show zu verschenken, zurzeit verwalten wir noch den Mangel. Und vor allem mangelt es an der Aufklärung.“

Falschinformationen zu den Impfungen kursieren in vielen Sprachen – und führen so zu Ablehnung

Larscheid kennt all die Vorbehalte, Gerüchte und Falschinformationen, die in vielen Sprachen kursieren. Und er benennt sie offen. „Unser Problem ist, dass manche Gruppen das Impfen ablehnen, und zwar massiv“, sagt er.

„Da hilft es nichts, denen die Spritze vor die Nase zu halten oder den Impfbus vor die Tür zu fahren.“ Viele russischsprachige Menschen seien von den russischen Fernsehkanälen so beeinflusst, dass sie sagten: „Ich will nur Sputnik, den Kapitalistenimpfstoff lehne ich ab.“

Bei arabischsprachigen Menschen kursiere oft die Angst, dass die Impfung unfruchtbar machen könnte. „Ein irakischer Arzt stellt Videos auf Youtube, in denen er behauptet, die CIA würde die Muslime unfruchtbar machen. Das hat eine große Resonanz“, berichtet Larscheid. „Wenn wir in die Geflüchtetenunterkünfte kommen, sind nur 10 bis höchstens 20 Prozent der Bewohner impfbereit. Aber sie sind zu überzeugen, wenn man sie aufklärt.“

Larscheid hat sich vor die Kamera gestellt und ein Video gedreht, in dem er mit den Mythen aufräumt. „Bitte lassen Sie sich impfen“, sagt er am Ende.

Das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten hat es in 15 Sprachen synchronisiert. „Ich kenne zwölf Ärzte mit zwölf verschiedenen Herkunftssprachen, wir gehen in Moscheen, wir gehen in Unterkünfte, wir kümmern uns schon seit Monaten“, sagt Larscheid und klagt: „Vom Land und vom Bund kommt da bis heute sehr wenig.“

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