Impfkampagne in Brennpunkten – warum erst jetzt?

In Köln-Chorweiler impfen mobile Teams die Anwohner.

In Köln-Chorweiler impfen mobile Teams die Anwohner.

Deutschland hat ein Problem mit sozialer Ungleichheit. Das ist seit Jahrzehnten so.

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Dennoch kommt die Politik erst vier Monate nach der ersten Impfung und mehr als ein Jahr nach dem ersten Lockdown auf die Idee, sozial Benachteiligte verstärkt zu impfen. Das ist zu spät und zeigt mal wieder, dass wir in Sachen sozialer Gerechtigkeit gern mal die Augen verschließen.

Die Inzidenzen veranschaulichen das Corona-Problem. Die Stadt Köln geriet jüngst in die Schlagzeilen, weil das ärmere Viertel Chorweiler eine Inzidenz von 543 und das Villenviertel Hahnwald zeitweise eine Inzidenz von null hatte.

Beengter Wohnraum und wenig Geld für Masken

Dass Armut und Gesundheit zusammenhängen, ist nicht neu. Schon 2010 gab das Robert-Koch-Institut einen Report heraus, wonach Frauen und Männer mit niedrigem Einkommen eine geringere Lebenserwartung haben.

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Demnach ist das Risiko für einen Herzinfarkt, eine Diabeteserkrankung und chronische Bronchitis bei Ärmeren erhöht. Auch viele Migranten und Menschen mit Einwanderungsgeschichte gehören zur ärmeren Bevölkerungsschicht.

Das belegen Daten aus dem Jahr 2019: So ist das Armutsrisiko von Menschen mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund.

Für diese Missstände gibt es mehrere Gründe. Die Ernährung, die maßgeblich mit dem Einkommen zu tun hat, ist ein Faktor. Auch psychosomatische Belastungen infolge von Ausgrenzung spielen eine Rolle.

Was bedeutet all das für die Corona-Realität der Betroffenen? Sie leben mit mehr Menschen in beengten Wohnungen, haben weniger Geld für Schutzmasken und arbeiten kaum im Homeoffice.

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Vielfach sind sie an ihren Arbeitsplätzen schlecht geschützt – als Leiharbeiter in Fleischfabriken, als Verkäufer und in anderen Servicejobs. Sie sind auch häufiger auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.

Corona-Lage in Brennpunkten war abzusehen

Schon zu Anfang des ersten Lockdowns hätte die Politik dieses Problem in den Blick nehmen und handeln müssen. Es war doch abzusehen: Das Wissen um die fehlende Gerechtigkeit ist seit Jahrzehnten vorhanden. Andere Länder, zum Beispiel die USA, thematisierten bereits im Frühjahr 2020 die Gefahr, die für an den Rand gedrängte Gruppen mit weniger Einkommen von dem Virus ausgeht. Hierzulande wurde das wie ein Tabu behandelt – aus Angst vor Rassismus- und Klassismusvorwürfen.

Stattdessen sollten wir der Wahrheit ins Auge sehen: Ärmere Menschen und somit auch migrantische Gemeinden sind stärker vom Coronavirus betroffen. Dazu gibt es zwar keine Zahlen, weil die Herkunft und das Einkommen bei einer Corona-Erkrankung oder einem Klinikaufenthalt nicht erfasst werden, aber Hausärzte und Intensivmediziner berichten davon. An diesem Missstand ist nicht die Herkunft oder das Bankkonto schuld, sondern die mangelnde Unterstützung.

Sozial Benachteiligte bevorzugt impfen

Nun versuchen mehrere Städte, strukturell Benachteiligten zu helfen, indem sie über die Impfung aufklären und mehr Dosen bereitstellen. Darunter Bremen, das in der nächsten Zeit vermehrt Impfungen in strukturell benachteiligten Vierteln anbieten möchte. Oder Hamburg, wo Hausarztpraxen in Brennpunkten mehr Impfstoff bekommen.

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Berlin will dem Kölner Vorbild folgen und mobile Impfteams bereitstellen.

So oder so müssen die Politiker viel mehr tun – und zwar ohne PR-Show, aber mit der gleichen Energie, die sie für das Thema „Freiheiten für Geimpfte“ aufbringen. Immerhin erkranken sozial Benachteiligte nicht nur häufiger, sie leiden auch verstärkt unter dem Lockdown, weil sie in beengten Wohnungen bleiben müssen und dort das Gefühl der Perspektiv­losigkeit steigt.

Sozial Benachteiligte müssen aufgrund ihrer schwierigen Lebenssituation bevorzugt geimpft werden. Das muss nun dringend geschehen.

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