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Unkonventionell – und ungerecht? Die Debatte über Impfgeschenke nimmt Fahrt auf

  • Mit Impfgeschenken und ‑anreizen versucht die Politik vielerorts, Menschen zu Impfungen gegen das Coronavirus zu bewegen.
  • Das Ziel: eine Herdenimmunität.
  • Heiligt der Zweck in diesem Fall die Mittel? In Deutschland herrscht darüber Uneinigkeit.
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Obwohl es in Ländern wie den USA, Russland oder Griechenland mittlerweile genügend Corona-Impfstoff gibt, gerät die Impfkampagne vielerorts ins Stottern. Denn es mangelt an Freiwilligen. Mit verschiedenen Impulsen versuchen daher Politikerinnen und Politiker weltweit, mehr Bürgerinnen und Bürger für eine schützende Spritze gegen Covid-19 zu begeistern, zum Beispiel mit Lotterien, Flugtickets oder – im Falle der USA – mit Waffen als Belohnung.

In Deutschland dagegen ist die Debatte über Impfanreize und ‑geschenke noch in vollem Gange.

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Debatte um Impfanreize: Verband fordert mobile Impfstellen für soziale Brennpunkte

FDP-Gesundheits­politikerin Christine Aschenberg-Dugnus ist sicher: „Um der Ausbreitung der Delta-Variante entgegenzuwirken, gilt es, den Impffortschritt so schnell wie möglich voranzubringen.“ Sie sprach sich gegenüber dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) für entsprechende Anreize aus, etwa in Freizeitparks oder Naturkunde­museen. Die Idee: Wer sich dort impfen lässt, nutzt die Attraktionen den Rest des Tages gratis.

Stärker auf Menschen zuzugehen, um ihnen ein Impfangebot zu machen, fordert auch die Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, Verena Bentele. Mit Blick auf soziale Brennpunkte schlug sie auf RND-Anfrage mobile Impfstellen an Orten, die Menschen im Alltag aufsuchen, vor, etwa im Supermarkt oder der Fußgängerzone.

Impfgeschenke: Materielle Anreize zum Impfen sind umstritten

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, sagte, es sei wichtig, mit den Bürgerinnen und Bürgern zu reden und ihnen ihre Ängste zu nehmen. Von Impfgeschenken distanzierte er sich jedoch: „Mit materiellen Hilfen sollte man nicht anfangen. Das wäre ungerecht gegenüber den anderen, die sich ohne solche Hilfen haben impfen lassen“, sagte Sofuoglu dem RND.

Gerd Landsberg, Hauptgeschäfts­führer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, bezeichnete materielle Vorteile im Zusammenhang mit der Corona-Impfung darüber hinaus als „nicht zielführend“. „Allerdings können symbolische Aktionen wie die Verlosung eines Fahrrads unter geimpften Personen die Aufmerksamkeit für dieses Thema erhöhen und einen zusätzlichen Anreiz schaffen.“

Wesentlich wichtiger sei jedoch, alle Menschen mit guter und sachlicher Information von der Schutzwirkung der Impfung und den damit verbundenen Vorteilen für Freiheit und Gesundheit zu überzeugen, sagte Landsberg dem RND.

In Sachsen bekommen Freiwillige für ihre Corona-Impfung einen 10-Euro-Einkaufs­gutschein

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Tatsächlich hat aber schon jemand den Anfang gemacht: In Sachsen gibt es bereits Belohnungen, um die lahmenden Impfungen auf Touren zu bringen. Mit 49,1 Prozent einfach Geimpften ist das Land zurzeit bundesweites Schlusslicht in der Kampagne.

Einen 10-Euro-Einkaufs­gutschein erhalten die ersten 100 Personen, die sich am Donnerstag und Freitag im Impfmobil des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) vor einem Chemnitzer Einkaufszentrum die Spritze setzen lassen. Sponsor ist das Chemnitz-Center, nicht das DRK. „Dafür hätten wir auch nicht die Mittel“, sagt DRK-Sachsen-Sprecher Kai Kranich. „Impfen ist eine gesamt­gesellschaftliche Aufgabe, wir suchen weitere Kooperations­partner.“

So wie den Fußball-Zweitligisten Erzgebirge Aue. Am Wochenende konnten dort 400 Fans am Stadion geimpft werden, zum zweiten Termin soll es noch eine Dankesgeste der Mannschaft geben. Impfen als Event – das ist auf jeden Fall günstiger als eine Lotterie.

Große Koalition nimmt Abstand von materiellen Impfanreizen

Aus der großen Koalition kommen zum Thema Impfanreize kritische Stimmen: „Ich persönlich würde mich gegen die Einführung von Impulsen wie finanziellen Anreizen oder Impfgeschenken aussprechen“, sagt Michael Hennrich, Gesundheits­politiker der Union, auf RND-Anfrage. Die Entscheidung, sich impfen zu lassen, liege bei den Bürgerinnen und Bürgern. Eine „wie auch immer ausgestaltete Covid-19-Impfpflicht“ werde es mit CDU und CSU nicht geben, betonte Hennrich und verwies auf Informations- und Impfangebote, die „vielfach vorhanden“ seien.

Der Koalitionspartner sieht das ähnlich: „Gesundheit ist für mich als Ärztin kein Glücksspiel“, sagte die gesundheits­politische Sprecherin der SPD-Bundestags­fraktion, Sabine Dittmar. Statt Impfanreize zu setzen, halte sie es für „stimmiger und auch erfolgs­versprechender“, die Bürgerinnen und Bürger noch stärker über die Impfung aufzuklären.

„Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass es immer noch viele Personen gibt, die noch kein Impfangebot erhalten haben oder sich nicht aktiv darum bemühen“, gab die Sozialdemokratin zu. Die Impfstrukturen in Deutschland seien teilweise zu starr: „Wir müssen die Menschen in ihrer jeweiligen Lebenssituation besser abholen“, forderte Dittmar und schloss sich dem Vorschlag mobiler Impfteams in Fußgängerzonen oder bei Veranstaltungen an.

Den Vorstoß hatte etwa SPD-Gesundheits­experte Karl Lauterbach gemacht: Bei Twitter hatte er sich zuletzt deutlich zu Impfanreizen positioniert. „Wir müssen mit dem Impfstoff auf die Straße“, schrieb er am Dienstag. „In die Ausgehmeilen, vor die Shisha-Bars, vor die Cafés. Nur so kommen wir an die 85 Prozent der Erwachsenen heran.“ Das Ziel: eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus.

Bereits am Donnerstag hatte sich außerdem der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) gegenüber den Zeitungen der Essener Funke-Mediengruppe für Anreize ausgesprochen, um die Bereitschaft zur Corona-Impfung zu erhöhen. Denkbar seien aus seiner Sicht etwa Verlosungen, bei denen unter den Impfbereiten ein Fahrrad, ein Fremdsprachenkurs „oder ein anderer schöner Preis“ ausgegeben wird.

RKI: Zahl der täglichen Corona-Impfungen sinkt

Seit Wochen bewegt sich die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz im einstelligen Bereich. Am Donnerstag­morgen lag sie laut Robert Koch-Institut (RKI) bei 5,2. Zeitgleich breitet sich demnach aber die zuerst in Indien entdeckte Delta-Variante des Coronavirus aus. Sie dominiert nach der jüngsten Auswertung der Behörde erstmals in Deutschland – mit einem Anteil von 59 Prozent.

Immer wieder betonen Politik und Wissenschaft daher, wie wichtig eine hohe Impfquote im Kampf gegen Mutationen ist. Dennoch lassen viele Bürgerinnen und Bürger ihre Impftermine ausfallen: Nach RKI-Angaben ist Zahl der täglichen Injektionen in den vergangenen zwei Wochen deutlich zurückgegangen. So wurden am Mittwoch laut der Behörde 961.083 Dosen verabreicht, in den Vorwochen waren es mehr als eine Million Spritzen am Tag.

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