Immer mehr Freiheiten: Können wir dem Sommer trauen?

  • Die Infektionszahlen sinken rapide, das Impfen geht voran, die Länder lockern – doch zugleich mahnen Experten weiter zur Vorsicht.
  • Wie verlässlich ist die Entwicklung? Was macht diese widersprüchliche Situation mit uns?
  • Ein Stimmungsbild zu Pfingsten, dem Fest der neuen Freiheiten.
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Berlin. Da ist er also, dieser großartige, lange vermisste und jetzt, wo er endlich wieder da ist, fast noch irritierende Anblick: der erste Cappuccino. Im Freien. Am Tisch. Gebracht von einer echten Kellnerin oder einem echten Kellner.

Gut, die Sonne hält sich noch etwas zurück mit ihrer Wärme. Aber vielleicht hat sie einfach ein Gespür dafür, dass es sie gerade noch gar nicht braucht, um diese Tage zu etwas Besonderem zu machen. Dass da ein paar andere, scheinbar alltägliche Dinge gerade völlig reichen: ein Besuch im Biergarten; ein Bummel durch die Geschäfte der Innenstadt oder gar, für die ganz Schnellen, zwei Nächte in einem Hotel am Meer.

Alles das geht jetzt wieder. Nicht überall, aber in immer mehr Ländern und Regionen. Oder geht das vielleicht alles gerade schon etwas schnell?

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Veränderung im Eiltempo

Ein Gefühl von Freiheit und Erleichterung macht sich jedenfalls in Deutschland breit. Eine Ahnung, dass diese Pandemie unseren Alltag bald nicht mehr dominieren wird – und so wird dieses Pfingsten gerade zum Fest der raschen Lockerungen: Nach Schleswig-Holstein öffnen zum Beispiel auch Niedersachsen und Bayern wieder ihre Hotels und Pensionen, in Brandenburg kann man jetzt zumindest schon wieder in Ferienwohnungen und -häusern oder auf Campingplätzen übernachten.

All das ist die Reaktion auf jene Zahlen, die seit Wochen mit beeindruckender Geschwindigkeit talwärts eilen. Am Freitag etwa bedeuteten jene 8769 Neuinfektionen einen erneuten Rückgang um 23 Prozent gegenüber der Vorwoche – als die Zahlen wegen des langen Himmelfahrtswochenendes als möglicherweise unzuverlässig niedrig galten. Bis auf Thüringen liegen alle Bundesländer unter der Inzidenz von 100, was die Bundesnotbremse lockert und auch den Cappuccino im Freien vielerorts wieder möglich macht.

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Das alles ist vor allem ein Produkt von raschem Impfen, vielen Tests und noch immer recht konsequenter Vorsicht der allermeisten. Nur liegen die Warnungen vor Inzidenzen von über 300 und vollen Intensivstationen eben auch erst wenige Wochen zurück.

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Eben noch düsterste Prognosen, jetzt schon beste Aussichten: Es ist ein Frühjahr der Extreme, das wir erleben, epidemio­logisch wie psychologisch. Aber können wir den Aussichten für diesen Sommer jetzt wirklich schon trauen? Oder ist er ein flüchtiger Geselle, den wir durch Übermut noch rasch vertreiben können?

Nachfrage also beim SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, der zwar manchen als virologischer Bruder Leichtfuß gilt, der aber andererseits auch schon im Januar, im tiefen Winter, einen „Supersommer“ vorhergesagt hatte. Für ihn, erklärt er am Telefon, seien die kommenden „zwei bis drei Wochen“ entscheidend: „Wir müssen lange genug durchhalten, um in eine Situation niedriger Inzidenzen zu kommen“, betont er, „am besten deutlich unter 25.“ Er sei aber zuversichtlich, dass dies auch gelingen wird: „Die Menschen verhalten sich deutlich vorsichtiger – und wollen sich so kurz vor einer Impfung nicht noch infizieren.“

Zudem habe das Impfen einen starken Effekt: Eine Impfquote von 50 Prozent, wie Deutschland sie bis Ende Juni erreichen will, rechnet Lauterbach vor, senke den R-Wert um 30 Prozent, also etwa von 0,7 auf 0,5 – und sorge so für einen expo­nen­tiellen Rückgang der Infektionszahlen.

Was einem entspannten Sommer jetzt noch gefährlich werden könnte, seien zwei Dinge: zum einen die sogenannte indische Variante des Coronavirus. Diese macht in Deutschland inzwischen 2 Prozent aller Ansteckungen aus und ist laut Studien um 50 Prozent ansteckender als die bislang vorherrschende britische Variante. Allerdings wird sie von den jetzt genutzten Impfstoffen erfasst, weshalb Lauterbach eine rasche Verbreitung für unwahrscheinlich hält.

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Manche riskante Schritte

Gefährlich könnte sie vor allem in Kombination mit dem zweiten Faktor werden, einer „zu frühen und zu starken Öffnung“, also wenn der Impffortschritt die Lockerungen nicht ausgleicht – und hier gibt es zwischen Epidemiologen und Epidemio­loginnen und Politikern und Politikerinnen in den Ländern doch einen Dissens, was „zu früh zu stark“ bedeutet.

Lauterbach plädiert zum Beispiel dafür, den Wechselunterricht in den Schulen bis zu den Sommerferien beizubehalten – „vor allem auch, um neben den Kindern auch die Eltern nicht zu gefährden, die überwiegend noch nicht geimpft sind“. Fast zeitgleich kündigt Niedersachsen dagegen bei einer Inzidenz unter 50 die Rückkehr in den vollen Präsenzbetrieb an.

Lauterbach hält auch die zum Beispiel im Saarland geplante Öffnung der Innengastronomie für „einen riskanten Schritt“, die per Gericht erwirkte Öffnung des Tourismus in Niedersachsen auch für Nichtlandesbewohner sieht er als „nicht hilfreich“, ebenso wenig wie die dort zwischendurch offenbar ernsthaft erwogene Abschaffung der Maskenpflicht in Geschäften. Den Cappuccino draußen hält Lauterbach dagegen für voll und ganz vertretbar – solange die Testpflicht auch für den Außen­bereich bestehen bleibt.

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Lauterbachs Botschaft ist klar: Es sieht sehr gut aus. Aber es ist eben auch noch nicht alles geschafft. Es gibt leider durchaus noch Spielraum, das Erreichte auch wieder zu gefährden.

Das passt dann auch zu dem, was Jens Spahn und Lothar Wieler am Freitag in der Bundespressekonferenz erklären. „Die aktuellen Zahlen machen uns zuversichtlich“, sagt der Bundesgesundheitsminister da und meint damit zum Beispiel jenes mehr als eine Prozent der Deutschen, das derzeit täglich eine Impfung erhält. „Die dritte Welle ist gebrochen“, sagt Spahn. „Aber die Pandemie ist noch nicht vorbei.“

Es ist diese stets seit mehr als einem Jahr oft ähnliche Mischung aus Zuversicht und Mahnung, aus Lob und Appell, die auch diese Pressekonferenz durchzieht. „Wenn wir zusammenhalten, ringen wir gemeinsam dieses Virus nieder“, verspricht Wieler, der Chef des Robert Koch-Instituts.

Epidemiologisch hat sich die Situation zuletzt enorm verbessert. Psychologisch aber ist sie vielleicht komplizierter denn je.

Wir, jedenfalls die meisten von uns, sind erschöpft, genervt, müde. Noch vor wenigen Wochen sollten wir Angst haben, auf der Intensivstation keinen Platz mehr zu bekommen.

Jetzt dürfen, sollen wir wieder in Geschäfte und Biergärten strömen, in der Warteschleife der Impfhotline nicht verzweifeln. Zugleich sollen wir natürlich nie vergessen, dass immer noch ein gefährliches Virus umgeht und im Herbst vielleicht die vierte Welle droht. Geht das irgendwie zusammen?

Planbarkeit – und Verdrängung

Von einer „psychischen Extremsituation“ spricht jedenfalls Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisations­psychologie an der Universität Leipzig, der in einer Langzeitstudie seit dem vergangenen Frühjahr 600 Teilnehmende regelmäßig befragt. Da sei also einerseits ein Gefühl von Kontrolle und Planbarkeit, das uns die Tests, das Impfen und die damit verbundenen Lockerungen zurückgäben. Ein Gefühl, das notwendig ist für unser Wohlbefinden und das tägliche Funktionieren.

„Gleichzeitig schwant uns, dass die Pandemie noch lange nicht vorbei ist“, sagt Zacher angesichts der weiter bestehenden Mahnungen und Warnungen vor vorschnellen Lockerungen. Genau das aber führe zur Angst vor erneutem Kontrollverlust und zum Versuch, diesen zu bewältigen, oft mittels Verdrängung („So schlimm wird es schon nicht werden“) oder auch durch de­mons­tra­ti­ven Leichtsinn.

Wir müssten also unseren Wunsch nach Planbarkeit vereinbaren mit einer eher abstrakten Vernunft und Vorsicht. Genau darauf „sind Menschen jedoch nur bedingt vorbereitet“, erklärt Zacher. „Genau wie der Klimawandel ist die Pandemie für viele nach wie vor eine sehr abstrakte Bedrohung, aufgrund derer sie nur bedingt ihr Verhalten ändern wollen.“

Beides steht sich für den Psychologen nun genau gegenüber: unser Wunsch nach Normalität einerseits – und andererseits die Erkenntnis, dass es sie in ihrer alten Form vielleicht nie wieder geben wird. „Das zu akzeptieren fällt den allermeisten Menschen schwer“, sagt Zacher, „denn es benötigt große geistige und emotionale Anstrengung, um Kontrolle über die Situation zu gewinnen und neue Routinen zu etablieren.“

Was daraus folgt, ist letztlich zweierlei: für die Politik der dringende Auftrag, ein Hin und Her der Regeln und einen Rückfall in alte Strenge möglichst zu vermeiden, weil wenig unser Bedürfnis nach Verlässlichkeit so sehr verletzt. Und dann aber für jeden Einzelnen eine ganz schlichte Erkenntnis: dass auch ein Kaffee im Freien zu jenen Routinen zählen kann, die das Leben nicht unbedingt schlechter machen.

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