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Was hat er mit dem Dugin-Anschlag zu tun?

Moskaus Staatsfeind Nummer eins: der Mann, der Russlands Ruf retten könnte

Ilya Ponomarev bei einer Pressekonferenz. Heute lebt der Politiker im Exil.

Ilya Ponomarev bei einer Pressekonferenz. Heute lebt der Politiker im Exil.

Aus Sicht des Kremls wirkte der Abgeordnete Ilja Ponomarjow immer schon lästig, unberechenbar, vielleicht gar gefährlich. Der junge Mann aus Nowosibirsk, der größten Stadt Sibiriens, war quirliger als andere, aber auch ein Quertreiber, wie man sie nicht gern sieht im russischen Parlament, der Staatsduma.

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Die Duma soll ein willenloses Abnickgremium sein, so jedenfalls will es Staatschef Wladimir Putin. Ponomarjow stand für eine solche Rolle nie zur Verfügung, dazu ist er zu selbstbewusst.

Schon als Teenager gründete Ponomarjow seine erste IT-Firma, er verkaufte westliches digitales Know-how an russische Konzerne und Behörden. Dabei fiel dem jungen Mann ins Auge, dass einiges faul ist im Staat Russland: Landauf, landab sah er Korruption und Misswirtschaft, beides klagte er, anders als in der Duma üblich, auch öffentlich an. Aus seiner Sicht stinkt der Fisch vom Kopf her. Im Jahr 2011 half er, die Massenproteste gegen eine weitere Amtszeit von Wladimir Putin zu organisieren. Später gehörte Ponomarjow zu den Gründern einer neuen russischen Partei, eines Bündnisses aus Sozialdemokraten und Grünen.

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Warnung an Ponomarjow: „Putin wird dich vernichten“

Zum dramatischen endgültigen Bruch mit dem Regime kam es, als Ponomarjow im März 2014 die Stirn hatte, als einziger Abgeordneter der Duma gegen die – in Russland weithin bejubelte – Annexion der Krim zu stimmen. Das Ergebnis – 445 Jastimmen, eine Neinstimme – ließ damals weltweit aufhorchen: „Wer ist diese eine Stimme?“, fragte prompt die „New York Times“ – und beschrieb ihren Leserinnen und Lesern das bisherige Leben und Werk des Trotzkopfs aus Sibirien.

Schon damals trieb Ponomarjow die Sorge um, Putin werde sich nicht mit der Krim begnügen, sondern bald neue Angriffe auf das Nachbarland beginnen. „Unglücklicherweise habe ich recht behalten“, sagte Ponomarjow acht Jahre später, im März 2022, in einem Interview mit der CNN-Journalistin Christiane Amanpour.

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Ponomarjow hatte inzwischen in der Ukraine Zuflucht gefunden. In Russland drohte ihm Gefängnis – und vielleicht gar Schlimmeres. „Putin wird dich vernichten“ – mit diesen Worten hatten viele, auch Freunde, ihn gewarnt.

Tatsächlich entzog der russische Staat dem Andersdenkenden nicht nur das Abgeordnetenmandat. Putins Justiz hantierte, als Ponomarjow sich ins Ausland absetzte, auch schon mit Unterschlagungsvorwürfen, die den heute 47 Jahre alten, verheirateten Vater zweier Kinder in eine Strafkolonie hätten führen können.

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Freiwillig in Haft zu gehen wie Alexej Nawalny hielt Ponomarjow für den falschen Weg. Lieber folgte er dem Beispiel anderer russischer Dissidenten wie Leonid Wolkow und Ljubow Sobol, die derzeit in Orten wie Vilnius und Tallinn politisch gegen Putin arbeiten.

Ponomarjow allerdings tritt dem russischen Vormarsch gegen die Ukraine nicht nur mit Worten entgegen. Nach seiner Übersiedlung ins Nachbarland reihte er sich ein in die ukrainische Armee. Und statt sich in der Furcht vor Putin zu verlieren, dreht Ponomarjow inzwischen den Spieß um. In einem in vor Kurzem veröffentlichten Appell rief er seine russischen Landsleute allen Ernstes auf, mit Waffengewalt gegen Putin vorzugehen: „Es wird Opfer geben, aber das ist der Preis.“

Freies Russland – ein Tagtraum?

Einige Passagen lesen sich, als spreche da der Vordenker einer neuen Führung in Moskau: „Ins schöne Russland der Zukunft werden wir nur diejenigen mitnehmen, die zu den Waffen gegriffen haben, um Putins faschistisches Regime zu stürzen.“

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Begierig wurden Ponomarjows Sätze von Anti-Putin-Aktivisten aufgegriffen. Ponomarjow habe „alle Russen öffentlich zu den Waffen gerufen, um Krieg gegen das Putin-Regime zu führen“, schrieb etwa Igor Sushko, ein ukrainisch-amerikanischer Kremlkritiker mit einer sechsstelligen Zahl von Followern auf Twitter. Ponomarjows Ziel sei „ein freies Russland“.

Der Anschlag auf dem Kremlideologen Alexander Dugin, bei dem dessen Tochter ums Leben gekommen ist, könnte nun eine erste öffentlichkeitswirksame Aktion von Ponomarjows Gefolgsleuten gewesen sein. Am Sonntagabend sagte der ehemalige Duma-Abgeordnete in einem Fernsehinterview, dass der mutmaßliche Anschlag auf Dugins Auto von einer bisher unbekannten russischen Untergrundgruppe ausgeübt worden sei. Demnach solle die Gruppe Nationale Russische Armee (NRA) heißen.

Moskau: Tochter von rechtem Ideologen Dugin bei Autoexplosion getötet

Nach Angaben russischer Ermittler war unter dem Auto auf der Fahrerseite ein Sprengsatz befestigt. Dugina starb noch am Unfallort.

Einem Bericht des ukrainischen Nachrichtenportals „The Kyiv Independent“ zufolge sagte Ponomarjow: „Gestern Abend fand in der Nähe von Moskau ein folgenschweres Ereignis statt. Dieser Angriff schlägt eine neue Seite im russischen Widerstand gegen den Putinismus auf. Neu – aber nicht die letzte.“ Die Gruppe habe ihn ermächtigt, eine Erklärung abzugeben, behauptete er: „Wir erklären Präsident Putin zum Usurpator der Macht und zum Kriegsverbrecher, der die Verfassung geändert, einen Bruderkrieg zwischen slawischen Völkern entfesselt und russische Soldaten in den sicheren und sinnlosen Tod geschickt hat.“

Ponomarjows Aussagen kommen in einem Moment, in dem Russlands Armee nicht gut dasteht. Nach dem gescheiterten Marsch auf Kiew im Frühjahr kommen die Russen nun auch im Süden kaum noch voran. In der Großstadt Kherson droht ihnen gar ein groß angelegter Gegenangriff, womöglich noch im August.

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„Ins schöne Russland der Zukunft werden wir nur diejenigen mitnehmen, die zu den Waffen gegriffen haben, um Putins faschistisches Regime zu stürzen.“

Ilya Ponomarev,

früherer russischer Abgeordneter und jetziger Dissident.

Könnte damit der Moment eines bewaffneten Aufstands in den russischen Streitkräften näher rücken? Ponomarjow selbst jedenfalls scheint daran zu glauben. Immer wieder gab er in Interviews die Losung aus, kein russischer Herrscher könne eine Niederlage im Krieg politisch überleben – und dass Putin in der Ukraine auf eine Niederlage zusteuere, stehe fest.

Folgt man Darstellungen der Ukraine, gibt es schon seit Mai immer mehr Überläufer aus Russland. Längst wachse, vom Westen weitgehend unbemerkt, die „Legion Freiheit Russlands“. Ihr Slogan ist eine Abwandlung der jüngsten Moskauer Ansprache zum 9. Mai. Putin sagte damals am Ende seiner Rede: „Für Russland, für den Sieg“. Der Slogan der Legion indessen lautet: „Für Russland, für die Freiheit“. Die sich gegen Putin rüstenden russischen Kämpfer, prahlt der ukrainische Präsidentenberater Oleksiy Arestovich im „Odessa-Journal“, hätten nicht nur ihre eigenen Kompanien auf ukrainischem Boden, sie hätten „inzwischen sogar schon ihre eigene Musik, ihre eigene Subkultur“.

Droht ein russischer Bürgerkrieg?

Spaltungen drohen offenbar nicht nur der russischen Armee, sondern der russischen Gesellschaft insgesamt. Der Moskauer Soziologe Greg Judin, Politikwissenschaftler an der Moscow School for the Social and Economic Sciences, sagte dieser Tage der „taz“, Putins System stehe unter Druck wie nie zuvor. „Ich glaube, dass es in Russland zu einem Bürgerkrieg kommen wird: zwischen ultrareaktionären imperialen Kräften, die das Land ins 19. Jahrhundert zurückführen wollen, und sogenannten republikanischen Kräften, die zum Beispiel Nawalny verkörpert.“

Auf die Frage nach der Mitverantwortung der gesamten russischen Gesellschaft für Moskaus Angriffskrieg sagt Judin: „Um mit Hannah Arendt zu sprechen: Kraft dessen, dass jeder Mensch einer politischen Gemeinschaft angehört, trägt er für diese auch Verantwortung. Davon kann sich niemand freimachen.“

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Die gesamtgesellschaftliche Verantwortung treibt auch Ponomarjow um. Es könne nicht wahr sein, schreibt er, dass seine russischen Landsleute sich darauf beschränken, etwa ihre sanktionsbedingten Probleme bei der Nutzung von Kreditkarten zu beklagen: „Erzählt das mal den Bewohnern von Butscha – denen schoss man von hinten in den Kopf. Oder den Frauen, die in Mariupol vergewaltigt wurden.“

Ilja Ponomarjow: Kampf um den Ruf des eigenen Landes

Flucht sei keine Lösung, betont Ponomarjow. In Russland jetzt sei Widerstand gefragt, wie einst in Deutschland unter Hitler. Ponomarjow deutet auf damalige antifaschistische Untergrundkämpfer, er erwähnt sein Vorbild Willy Brandt ebenso wie den Warschauer Aufstand im August 1944. All diese Versuche seien bedeutsam gewesen, „auch wenn das Schicksal ihnen keinen Erfolg gegönnt hat“.

In diesen Passagen seines Appells wird deutlich: Der in Moskau als „Verräter“ verfolgte Dissident Ponomarjow macht sich mehr als die eigene Regierung Sorgen um Russland.

Ermittlungen in Butscha: Ein Beamter der Staatsanwaltschaft prüft Hinweise auf massenhafte Kriegsverbrechen in dem wochenlang von Russen besetzten Kiewer Vorort.

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In diesem Denken ähnelt er dem Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Bis zuletzt plagten Stauffenberg Zweifel, ob die Tötung des Diktators und der anschließend geplante Umsturz gelingen würden. Am 20. Juli 1944 war es am Ende allen egal, man musste jetzt handeln, so oder so. Henning von Tresckow ermutigte Stauffenberg mit einem berühmt gewordenen Ausspruch: Es komme nicht mehr auf dieses oder jenes Ergebnis an, „sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat“.

In diesem Sinne gewinnt jetzt in Kreisen des russischen Widerstands auch Ponomarjow Profil: als ein Mann, der vielleicht nicht alles zu Ende gedacht hat, der aber als Vertreter eines anderen Russlands aufsteht – und versucht, den weltweiten Ruf seines Landes zu retten.

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