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  • Ikea und Co.: Kleine Filialen in der City als Retter der Innenstädte?

Möbel für die Innenstadt: Liebling, wir haben den Ikea geschrumpft

  • Kleine Filialen im Stadtzentrum statt Megafiliale am Rande der Stadt: Können neue Citykonzepte von Riesen wie Ikea den Wegbruch des klassischen Handels durch Amazon und Corona ausgleichen?
  • Sind sie die Rettung der Städte?
  • Fest steht: Um den reinen Warenumschlag geht es immer weniger.
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Berlin/Potsdam. Die Corona-Krise versetzt Deutschlands Einkaufsstraßen den Todesstoß, so ist es landauf, landab zu lesen. Die erzwungene Schließzeit im Frühjahr ließ den Onlinehandel boomen. Die zu Beginn der Pandemie verlorenen Kunden kommen bis heute nicht zurück. Einzelhändler gehen Pleite – oder suchen nach neuen Wegen.

Aber wo ist die Krise überhaupt? Nicht überall im Land ist sie gleichermaßen zu spüren. In Berlin-Pankow ist davon an einem sonnigen Septembertag nichts zu spüren. Der Bezirk im Nordosten der Hauptstadt boomt seit Jahren besonders bei jungen Familien, und auch an diesem Tag ballt sich das pralle Leben am alten Dorfanger. Unmittelbar an der Straßenbahn-Haltestelle Rathaus Pankow zieht der Wochenmarkt Besucher jeden Alters an. Das Rathauscenter ist trotz Maskenpflicht und bestem Wetter ebenfalls gut besucht. Bars, Bistro, Biosupermarkt – alles zieht Kunden an.

Hier funktioniert die lokale Einkaufsstraße noch. Und genau hier versucht sich ein globales Unternehmen an einer Zukunft, in der die deutsche Innenstadt eine tragende Rolle spielt. Nebenan hat kürzlich eine Ikea-Filiale eröffnet. Deutschlands kleinste, mit nur 500 Quadratmetern Verkaufsfläche.

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Zum Vergleich: Ein Ikea am Rande der Stadt nimmt mindestens 22.000 bis 35.000 Quadratmeter ein. Auch im Minimöbelmarkt ist alles in schwedisch blau-gelb gehalten. An einer Wand prangt ein großes gelbes „Hej“. Es riecht nach Holz und Kunststoff, nach Farbe und frischem Textil, so wie in jedem Haus des schwedischen Möbelriesen.

Kein Bällebad, keine Köttbullar

Bereits im Eingangsbereich sind verschiedene Küchenmodelle aufgebaut, unterschiedlich eingerichtet und arrangiert, aber alle gleichermaßen detailverliebt gestaltet. Die Unterschiede zu sonstigen Ikea-Besuchen fallen sofort auf: keine überdimensionierten blauen oder gelben Tragetaschen, keine Einkaufswagen und keine Orientierungspfeile für den Rundgang. Kein Bällebad, keine Köttbullar. Dafür aber umso mehr Ikea-Teammitglieder, die einen erwartungsfroh anschauen. Der Raum ist überschaubar, der Kunde kann von einem Ende zum anderen gucken – das ist neu.

Rechter Hand direkt am Eingang des Pankower Planungsstudios – dem ersten seiner Art überhaupt in Deutschland – wird die Produktpalette an Küchenfronten, Wasserhähnen, Arbeitsplatten sowie Tür- und Schubladengriffen in allen Formen und Farben präsentiert. Küchen bilden den Schwerpunkt im Konzept der Planungsstudios, die der Konzern in Großstädten populär machen will.

Ikea entert die Stadtzentren oder „Nachbarschaften“, wie Dennis Balslev, Chef von Ikea Deutschland, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt. „Es geht darum, dass immer weniger Menschen ein Auto besitzen und nicht mehr in die großen Läden fahren. Die wollen wir auch erreichen und ihnen dort begegnen, wo sie leben“, beschreibt Balslev den Kern der neuen Strategie.

Planungsstudios und kleinere innenstädtische XS-Stores sind sogenannte Touchpoints oder auch Flagship-Stores und befinden sich in der Entwicklungsphase. Ende Oktober soll dem ersten Planungsstudio in Pankow das zweite in Potsdam folgen – mit 1600 Quadratmetern, in allerbester Lage mitten in der Fußgängerzone. Hier zeigt sich der Wandel der Stadtzentren ganz besonders beispielhaft: In dem Stadtpalais, das innen schon fast fertig in Ikea-Farben strahlt, saß vorher eine Filiale des Textildiscounters C&A. Der hat Potsdam wie viele andere Standorte aufgegeben.

Eine Chance für die Möbelbranche und die Stadtzentren?

Kann das auch die Rettung für die Stadtzentren sein? Kann ausgerechnet ein Riesenkonzern wie Ikea jetzt dafür sorgen, dass die Menschen wieder vermehrt vor die Tür gehen und in ihren Fußgängerzonen bummeln? „Wir sind eine gute und positive Marke, auf die Städte und Bezirke stolz sind, wenn sie sie bei sich haben“, meint Balslev.

Während er für den Mode- und Elektronikhandel weitere Probleme sieht, glaubt er an eine Chance für die Möbelbranche und die Stadtzentren selbst. „Gerade nach Corona ist es wichtig, dass wir sowohl innerhalb als auch außerhalb der Städte Präsenz zeigen, um voranzukommen und auch Stadtzentren attraktiv zu halten.“

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Dazu gehöre eben auch, dass man nicht mehr einen ganzen Tag verplanen müsse, um bei Ikea zu shoppen. In den Planungsstudios ist das Möbelhaus darauf aus, zu beraten. Deshalb arbeiten dort trotz der wesentlich kleineren Fläche so viele Angestellte. Artikel direkt mitzunehmen ist nicht möglich. Ausgestellt sind Küchen und Schranksysteme.

„Die Möbelbranche lebt davon, dass Kunden anfassen, sich hinsetzen, hinlegen und die Produkte ausprobieren. Wir beginnen eine Kombination aus Onlineshopping und physischem Erlebnis zu schaffen“, beschreibt Balslev den Hintergrund. „Der Kunde braucht Kontakt zu anderen Menschen.“

Planungsstudios soll es nur in den Metropolen geben

Diesen Kontakt bauen Kunde und Ikea-Team ad hoc auf. Filialleiterin Judith Wollmann steht in einer geräumigen, dunklen und modernen Küche und erzählt über Lebensweise und Marotten der fiktiven Familie, die dort lebt. Die Familie lebt nachhaltig, pflanzt in Hängetöpfen Ableger, um sich ein Stück weit selbst zu versorgen.

Außerdem wird so wenig Müll wie möglich produziert. Die Einkaufsnetze und Behältnisse für verpackungsfreien Einkauf von Lebensmitteln liegen in einer Schublade. Der Kühlschrank ist voller Behältnisse, um Verpackungsmüll zu vermeiden, die Küchenfront ist aus recycelten PET-Flaschen gefertigt.

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Das kommt an bei der grün-bürgerlichen Zielgruppe. Solche Geschichten sollen, ebenso wie die Planungsstudios selbst, Ikea zu einem neuen Image verhelfen.

„Wir wollen bis 2030 CO₂-positiv sein“, kündigt Balslev an. „Das wird schwer in zehn Jahren, aber wir haben den Weg voll eingeschlagen. Mit angepassten Fertigungsabläufen, einer Nullverschwendungspolitik, auf die wir hinarbeiten, und Maßnahmen wie der, nur noch LED-Leuchtmittel im Sortiment zu haben“, beschreibt der Däne.

Die großen, fast nur mit dem Auto erreichbaren Märkte will der Möbelgigant auch nicht einstampfen. Zu gut laufe es dort, und zu viel würde Ikea dort investieren, sagt Balslev. Planungsstudios soll es nur in den Metropolen geben. Nach Berlin mit Potsdam wird als nächster Schritt München dran sein.

Die Innenstädte aber veröden anderswo. In den Zentren der mittelgroßen Städte sucht Balslev nicht nach Flächen, die Hoffnung auf Flagship-Stores globaler Marken aus dem Internet oder von der grünen Wiese wäre trügerisch. Hier soll jetzt der Staat einspringen.

Aufgeschreckt durch die Schließungspläne von Karstadt Kaufhof fordern Gemeindebund und Städtetag den Bund auf, die Kommunen beim Kauf von Immobilien in den Einkaufsstraßen zu unterstützen.

„Wir müssen relativ schnell sein“, sagt Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, „weil die Vermieterszene auch relativ schnell ist. Wenn jemand sein Haus neu vermietet hat an jemanden, der bestimmte Interessen hat, die vielleicht nicht in unsere Innenstadt passen oder nicht in unser Konzept passen, dann ist das ein Problem. Also sind wir unter Zeitdruck.“

Dedy fordert einen Bodenfonds oder eine Erweiterung der Städtebauförderung durch Bund und Länder, damit Städte – vorübergehend – sogenannte Schlüsselimmobilien erwerben und günstig weitervermieten können. „Die Innenstadt ist das Gesicht der Stadt“, sagt Dedy. „Und dieses Gesicht der Stadt glänzt nicht überall, sondern sieht manchmal etwas traurig aus.“

Um den reinen Warenumschlag geht es immer weniger

Eine Reihe von Städten versucht dieses Gesicht bereits wieder schön zu schminken – koste es, was es wolle. Die hessische Großstadt Hanau mietet eine leer stehende Bekleidungsfiliale und reicht die Flächen günstig an Start-up-Läden weiter. An Rhein und Ruhr warten viele Städte auf Geld aus dem „Sofortprogramm zur Stärkung unserer Innenstädte“ des Landes Nordrhein-Westfalen. 70 Millionen Euro stehen zur Verfügung, um leerstehende Ladenlokale anzumieten oder zu kaufen und mit Abschlägen von bis zu 80 Prozent lokalen Händlern anzubieten.

Für den Herbst hat zudem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) eine Reihe von Workshops angekündigt, um strauchelnden Stadtzentren zu helfen. Es soll dabei unter anderem um „kreative Neunutzung leerstehender Ladengeschäfte“ gehen, um „Digitalisierung des Handels in den Innenstädten“ sowie um die „Rückholung kleiner Geschäfte und Manufakturen in die Innenstädte“.

Am Ende könnte eine Zwei-Klassen-Gesellschaft stehen: In Boomstädten siedeln sich in Flagship-Stores die großen Marken vom Stadtrand oder aus dem Internet an. In weniger beliebten Orten muss die Kommune die Mieten subventionieren, damit das Zentrum belebt ist. Verändern werden sich die Städte so oder so. Um den reinen Warenumschlag geht es immer weniger, sondern um eine Mischung aus Wohnen, Arbeiten, sozialen Einrichtungen und Begegnungen. Alles das, was nicht mit einem Klick zu erledigen ist. Es wäre eine Bewegung zurück zum Ursprung der europäischen Stadt.

“Staat, Sex, Amen”
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