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IG Metall-Chef fordert mehr Klimaschutz: "Wer, wenn nicht wir?”

  • IG-Metall-Chef Jörg Hofmann vertritt Millionen Beschäftigte in Deutschland.
  • Viele von ihnen bangen angesichts verstärkter Klimaschutz-Anstrengungen um ihre Jobs.
  • Trotzdem ruft die Gewerkschaft zur Teilnahme an den Fridays-for-Future-Demonstrationen auf - im Interview erklärt Hofmann, warum.
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Berlin. Herr Hofmann, die Fridays-for-Future-Bewegung ruft zum Klimastreik auf. Warum machen die Gewerkschaften mit?

Zum politischen Streik aufrufen können wir natürlich nicht. Aber wir begrüßen es, wenn Mitglieder der IG Metall an den Demonstrationen teilnehmen. Wir müssen jetzt beim Klimaschutz zu Potte kommen. Wer, wenn nicht wir im entwickelten Industrieland Deutschland, soll den Umbau zu einer klimafreundlichen Industrie denn vormachen? Und dies, ohne dass es zu sozialen Verwerfungen kommt. Allerdings fürchte ich, dass in der Klimapolitik der Berg kreißt und eine Maus gebiert. Die meisten Branchen, in denen wir unsere Mitglieder haben, stehen mitten im Umbruch zur Dekarbonisierung.

Und das bringt bei den Arbeitnehmern keine Ängste mit sich?

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Doch, und daher verlangt Klimaschutz immer auch Sicherheit für die Beschäftigten in den betroffenen Branchen. Klimaschutz ist zwingend notwendig, um unseren Planeten lebenswert zu erhalten. Wir dürfen aber den Klimaschutz nicht gegen Wachstum und Beschäftigung setzen. Und Klimaschutz ist immer auch eine Verteilungsfrage. Wer trägt die Kosten?

Unterscheiden sich die Interessen der jungen Fridays-for-Future-Aktivisten nicht fundamental von denen der Metaller, die jetzt um die Zukunft ihrer Jobs bangen?

Es ist eine Bewegung, die zurecht für ein Thema sensibilisieren will und viel angestoßen hat. Die Stärke liegt nicht in einer detaillierten Programmatik der Umsetzung. Bei ihren konkreten Forderungen kommen wir zu anderen Ergebnissen. Ich halte einen CO2-Preis von 180 Euro pro Tonne von heute auf morgen nicht für einführbar, ohne dass es zu sozialen Verwerfungen kommt. Es ist auch nicht möglich, die deutsche Industrie bis 2035 völlig emissionsfrei zu machen, ohne dass uns Massenarbeitslosigkeit und Wohlstandsverluste drohen.

Und wo besteht dann bitte Konsens?

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Wir sind völlig einig, dass die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden müssen. Und dass dafür viel mehr getan werden muss als bisher. Ich erkenne auch in der Fridays-for-future-Bewegung die Bereitschaft, darüber nachzudenken, wie Klimaschutz nicht zur weiteren gesellschaftlichen Spaltung und zu Sicherheit für die Beschäftigten führt.

Den Fortschritt zu verweigern und auch noch den letzten Arbeitsplatz zu verteidigen, wäre nicht nachhaltig.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann
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Wieso sollte – angesichts der möglichen Einschnitte, die zu erwarten sind – das IG-Metall-Mitglied mit der roten Fahne für den Klimaschutz demonstrieren?

Wir hatten ja Ende Juni bereits eine Großdemonstration in Berlin, bei der es um grundlegenden Wandel unserer Wirtschaft ging – auch vor dem Hintergrund der Klimaschutz-Herausforderungen. Da waren 50.000 Kolleginnen und Kollegen mit roten Fahnen dabei. Das IG- Metall-Mitglied ist eben auch Bürger mit Interesse an gesunder Umwelt und Klimaschutz. Es ist aber auch Verbraucher mit dem Interesse an bezahlbarer Energie und Mobilität. Und daher ist uns klar: Den Fortschritt zu verweigern und auch noch den letzten Arbeitsplatz zu verteidigen, wäre nicht nachhaltig. Was wir sichern müssen, ist, dass die Beschäftigten statt Arbeitslosigkeit Perspektiven auf gute Arbeit haben, auch wenn sich das Tätigkeitsfeld ändert.

Was wäre denn nachhaltig?

Wir müssen unsere Industrie treiben, bei CO2-Vermeidung und Klimaschutz vorneweg zu marschieren und die Beschäftigten mitzunehmen. Das sichert Arbeitsplätze für die Zukunft. Halbherzigkeit wäre jetzt gefährlich.

Wo sehen Sie die?

Ich habe mir selbst auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt einen Eindruck verschafft. Bei den Autos hat sich eine Menge getan. Das Angebot an vollelektrischen und Hybrid-Fahrzeugen ist inzwischen beachtlich. Trotzdem bleibt die Frage: Sind die Angebote schon so gut, dass die Kunden sie annehmen?

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Und? Sind sie?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Vorrangig ist jetzt, dass flächendeckend Ladeinfrastruktur aufgebaut wird. Da sind wir bislang kaum einen Millimeter vorangekommen. Wir haben bisher gerade mal rund 1.800 Schnelllade-Punkte. Zum Vergleich verweise ich gerne auf die Zahl der Tankstellen in Deutschland. Da haben wir mehr als 14.000.

Lesen Sie auch ein anderes Interview zum Thema: Sarah Wiener: “Wir vernichten Ressourcen, die wir zum Überleben brauchen”

Wir brauchen nicht Verzicht, wir brauchen mehr Alternativen!

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann

Wieviel hat Klimaschutz mit Verzicht zu tun? Verzicht auf Fliegen? Verzicht auf Autofahren?

Wir brauchen nicht Verzicht, wir brauchen mehr Alternativen! Mobilität ist ein Freiheitsgewinn, den wir nicht zurückdrehen sollten. Wir sollten lieber fragen, wie wir gegen ein weiter wachsendes Verkehrsaufkommen ankommen.

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Und wie kommen wir dagegen an?

Durch Umsteuern auf Öffentlichen Nahverkehr, Car-Sharing und alternative Logistik-Konzepte. Die Politik kann dafür einiges tun. Sie kann investieren, Innovationen fördern und auch über das Ordnungsrecht einiges anstoßen. Vom Fleisch bis zum Auto auf Verbote zu setzen, bringt uns nicht weiter.

Porsche fahren sollte weiter möglich bleiben?

Wenn der Porsche ein Elektro-Porsche ist – warum nicht? Wir könnten viel in diese Richtung erreichen, wenn die Kfz-Steuer umgebaut würde und Fahrer schwerer Fahrzeuge mit Verbrenner einen stärkeren finanziellen Beitrag zum Klimaschutz leisten müssten.

Von Forderungen nach einem SUV-Verbot halten Sie nichts?

Nein. Das geht am Thema vorbei, entscheidend ist die CO2-Reduktion.

Warum sind Sie so pessimistisch, was das geplante Klimapaket der Bundesregierung angeht?

Warten wir ab. Wir sind überzeugt, dass es einer großen Innovationsoffensive bedarf. Und die muss sozial gerecht finanziert werden. Weder in der Verteilungsfrage noch bei der Finanzierung von Zukunftsaufgaben hat die Bundesregierung bisher viel Mut gezeigt. Stattdessen streitet sie sich über die Frage von Emissionshandel oder einer CO2-Steuer im Verkehr. Beides hat keine große Lenkungswirkung und wirkt vermutlich ungerecht. Im Verkehr fehlen die Alternativen, höhere Preise helfen da nicht.

Höhere Preise wären ein Fehler?

Wir müssen aufpassen, dass wir die Menschen nicht gegen den Klimaschutz aufbringen. Der Staat sollte dafür sorgen, dass Bürgerinnen und Bürger eine echte Wahl haben. Pendler brauchen realistische Alternativen. Oder man setzt beim Autokauf an: Wer richtig Geld spart, wenn er ein Elektroauto kauft, wird sich dafür entscheiden. Anreize kann ich mir auch für den Austausch von Heizungen vorstellen.

Eine „Fridays For Future“-Demonstration vor dem Berliner Reichstagsgebäude.

Können mit dem, was jetzt auf dem Tisch liegt, die deutschen Klimaschutz-Zusagen eingehalten werden?

Ich weiß nicht, ob der Mut für eine langfristige Investitions-Offensive reicht. Wir brauchen einen langen Atem. Und es geht nicht ohne eine soziale Balance. Bei den Klimaschutz-Kosten müssen die stärkeren Schultern auf jeden Fall mehr tragen als die schwächeren.

Mehr lesen: Fridays for Future: Über 400 Klimastreiks am Freitag, 20.09.2019, in Deutschland