Rekordschäden und mindestens 21 Tote

Wie der Monsterhurrikan „Ian“ in Florida selbst einen politischen Hardliner kurzfristig weichspült

Braucht plötzlich Hilfe aus Washington: Nach dem Hurrikan „Sandy“ vor zehn Jahren hatte der ultrarechte Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, Bundeshilfen für das überschwemmte New York noch vehement abgelehnt.

Braucht plötzlich Hilfe aus Washington: Nach dem Hurrikan „Sandy“ vor zehn Jahren hatte der ultrarechte Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, Bundeshilfen für das überschwemmte New York noch vehement abgelehnt.

Washington. Keine 200 Kilometer westlich von seinem Anwesen Mar-a-Lago in Palm Beach riss gerade ein monströser Wirbelsturm Häuser und Bäume mit sich, zerstörte Brücken und schleuderte Boote aufs Land, als Donald Trump eine wichtige Nachricht über seine Propagandaplattform „Truth Social“ absetzte: „Donald Trump wurde mit einem Erdrutschsieg zum besten Präsidentengolfer der Geschichte gewählt“, ließ der 76-Jährige die Menschheit wissen.

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Ein solches Maß an Empathielosigkeit können sich aktive Regierungspolitiker kaum leisten. Hurrikan „Ian“, der stärkste Wirbelsturm in der Geschichte Floridas, hat nicht nur im „Sunshine State“ dramatische Verwüstungen und Überflutungen hinterlassen. Er wirft auch Terminpläne und politische Planungen in Washington und Tallahassee über Bord: Eine Sitzung des Untersuchungsausschusses zum Kapitolsturm wurde abgesagt. Präsident Joe Biden gibt tägliche Fernsehbotschaften zu der Naturkatastrophe. Und Floridas Gouverneur Ron DeSantis hat eilig sein Sakko gegen eine Jacke mit dem Emblem der Katastrophenschutzbehörde Fema getauscht.

„Der tödlichste Hurrikan in der Geschichte Floridas“

Noch ist es zu früh für eine Schadensbilanz. Doch die Bilder von Floridas Golfküste, die derzeit pausenlos im amerikanischen Fernsehen laufen, lassen das Schlimmste befürchten. Mit Geschwindigkeiten von bis zu 240 Stundenkilometern ist „Ian“ auf das Ufer getroffen und trieb meterhohe Wassermassen ins Land. Mehr als 2,6 Millionen Haushalte waren am Freitag ohne Strom. Mindestens 21 Menschen verloren nach ersten Erhebungen von Freitag ihr Leben. Doch die Zahl der Todesopfer dürfte noch steigen. „Die entstandenen Schäden sind historisch“, sagte DeSantis. „Das könnte der tödlichste Hurrikan in der Geschichte Floridas sein“, warnte Biden.

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Ein Auto wird unter einem Boot begraben: Szene der Verwüstung in Fort Myers.

Ein Auto wird unter einem Boot begraben: Szene der Verwüstung in Fort Myers.

Noch vor drei Tagen waren Biden und DeSantis die wohl schärfsten politischen Antipoden im derzeitigen Kongresswahlkampf. Der ultrarechte Gouverneur von Florida hat den Präsident nicht nur öfter mit Verbalinjurien belegt. Er schaffte auch 18 Millionen Dollar Steuergelder beiseite, um Tausende Migranten aus Lateinamerika in einem zynischen PR-Spektakel als Protest gegen Bidens Einwanderungspolitik nach Washington, New York und auf die Urlaubsinsel Martha’s Vineyard zu schaffen.

Florida kann die Katastrophe nicht alleine bewältigen

Nun ist der Hardliner, der sich Hoffnungen auf eine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2024 macht, plötzlich mit Milliardenschäden in seinem Heimatstaat konfrontiert. „Er weiß, dass er diese Katastrophe nicht alleine bewältigen kann“, sagt David Jolly, ein ehemaliger republikanischer Abgeordneter aus Florida: „Ironischerweise braucht er niemanden in Amerika so sehr wie Joe Biden.“

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Gleichzeitig ist ein Erfolg der Katastrophenhilfe auch für den unter schlechten Umfragewerten leidenden Präsidenten politisch wichtig. Der Hurrikan könne „das politische Erbe für beide Politiker bestimmen“, schreibt die „Washington Post“.

Zwei historische Vorbilder scheinen diese These zu stützen. So dürfte die verspätete und schlecht gemanagte staatliche Reaktion auf Hurrikan „Katrina“ im Jahr 2005 ein wichtiger Grund gewesen sein, weshalb George W. Bush das Weiße Haus vier Jahre später als einer der unbeliebtesten Präsidenten der jüngeren Geschichte verließ. Umgekehrt machte die zupackende Antwort des Gouverneurs Chris Christie auf Hurrikan „Sandy“ im Jahr 2012 den Republikaner in seinem Heimatstaat New Jersey enorm populär.

Einsatz an der Heimatfront: Die Katastrophe in Florida stellt auch Präsident Joe Biden als Krisenmanager auf eine Probe.

Einsatz an der Heimatfront: Die Katastrophe in Florida stellt auch Präsident Joe Biden als Krisenmanager auf eine Probe.

Die Bundesregierung stehe bereit, „in jeder denkbaren Weise zu helfen“, versicherte Joe Biden denn auch am Donnerstag und kündigte einen baldigen Besuch in Florida an. Auf die Frage, wie die Zusammenarbeit mit dem dortigen Gouverneur laufe, antwortete der Präsident: „Tatsächlich sehr gut.“ Man habe bereits vier- oder fünfmal telefoniert: „Es geht nicht um unsere politischen Meinungsverschiedenheiten, sondern darum, das Leben und die Häuser von Menschen zu retten.“ Ungewohnt staatstragend äußerte sich auch DeSantis: „Menschen kämpfen um ihr Leben, und ihre ganze Existenzgrundlage steht auf dem Spiel“, sagte er beim rechten Sender Fox News. Wer in dieser Situation nicht „die Politik auf die Seite schieben“ könne, habe seinen Job verfehlt.

Ganz einfach ist die neue seriöse Rolle des Rechtspopulisten der Öffentlichkeit freilich nicht zu vermitteln. Nicht nur hat DeSantis in der Vergangenheit stets die Gefahren der Klimakrise heruntergespielt, die nach Einschätzung von Experten die Häufigkeit und Stärke von Wirbelstürmen erhöht. Auch stimmte DeSantis 2013 im Kongress mit „Nein“, als New York 2013 nach dem Hurrikan „Sandy“ um Bundeshilfe bat. Der von schweren Überschwemmungen getroffenen Millionenmetropole warf er eine „Kreditkartenmentalität“ vor.

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