Brandbeschleuniger Corona: Zahl hungernder Menschen steigt wieder

Die Hand einer Frau hält die Hand eines Kindes, das wegen Unterernährung in einem Krankenhaus im Jemen behandelt wird. Die Welthungerhilfe warnt vor neuen Gefahren für die Ernährungssicherheit durch den Klimawandel in ohnehin gefährdeten Staaten.

Die Hand einer Frau hält die Hand eines Kindes, das wegen Unterernährung in einem Krankenhaus im Jemen behandelt wird. Die Welthungerhilfe warnt vor neuen Gefahren für die Ernährungssicherheit durch den Klimawandel in ohnehin gefährdeten Staaten.

Berlin. Noch zehn Jahre. Dann soll der Hunger auf der Welt besiegt sein. So zumindest haben es die Vereinten Nationen (UN) vor fünf Jahren in ihrer „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ beschlossen. Insgesamt 17 Ziele für eine sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Entwicklung haben sich die UN mit der Agenda 2030 gesetzt. Eines der ehrgeizigsten Ziele darunter ist es, den Hunger in der Welt bis zum Jahr 2030 vollständig abzuschaffen. Doch die Welt befindet sich nicht auf Kurs.

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Während es lange Zeit so aussah, als bessere sich die Situation in vielen Ländern, macht der Welthunger-Index 2020 (WHI) derlei Hoffnungen zunichte. Der Bericht, den die Welthungerhilfe am Montag in Berlin vorgestellt hat, zeichnet ein ernüchterndes Bild. „Der Index zeigt deutlich, dass wir nicht auf dem Weg sind, den Welthunger bis 2030 zu besiegen“, sagte Marlehn Thieme, Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe. Zwar habe sich die Lage im globalen Durchschnitt seit dem Jahr 2000 von „ernst“ zu „mäßig“ verbessert, doch schreite der Fortschritt nur sehr langsam voran.

Zahl der Hunger leidenden Menschen steigt an

37 Länder werden bis 2030 an der Herausforderung scheitern, ein niedriges Hungerniveau zu erreichen, prognostiziert die Welthungerhilfe. Denn während der prozentuale Anteil derer, die ihren täglichen Kalorienbedarf nicht decken können, stagniert, steigt ihre absolute Zahl an. So blieb der Anteil der unterernährten Menschen an der wachsenden Weltbevölkerung seit 2018 konstant bei 8,9 Prozent. Gleichzeitig stieg die absolute Zahl der Hungerleidenden seit 2018 um zehn Millionen auf nunmehr 690 Millionen Menschen an. Vor fünf Jahren waren es noch rund 630 Millionen Menschen gewesen. Als Gründe nannte die Welthungerhilfe bewaffnete Konflikte, Armut, Ungleichheit, Epidemien und den Klimawandel.

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Gemessen wird der Fortschritt auf dem Weg zu einer Welt ohne Hunger anhand der vier Indikatoren Unterernährung, Auszehrung, Wachstumsverzögerung bei Kindern und Kindersterblichkeit auf globaler, regionaler und lokaler Ebene. Der WHI-Wert jedes Landes wird je nach Schweregrad als „niedrig“, „mäßig“, „ernst“, „sehr ernst“ oder „gravierend“ eingestuft. Wichtig ist der Index vor allem als Aufklärungsinstrument.

Noch immer wird die Hungerlage in 40 Ländern als „ernst“, in elf gar als „sehr ernst“ eingestuft. In einigen Ländern, darunter Venezuela und Teile Südasiens, hat sich die Hungersituation zuletzt verschlechtert. Hinzu kommt: Auch innerhalb der einzelnen Länder herrscht zum Teil ein großes Ungleichgewicht. So sind besonders häufig ethnische Minderheiten, aber auch Frauen, von Hunger und extremer Armut betroffen. Die höchste Rate von hungernden Menschen und Kindersterblichkeit hat weltweit der afrikanische Kontinent südlich der Sahara.

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Klimawandel und bewaffnete Konflikte als Treiber für den Welthunger

Der Welthungerbericht 2020 umfasst Daten bis einschließlich 2019. Demzufolge sind Faktoren wie die Corona-Pandemie, die massiven Überschwemmungen in Teilen Afrikas und die Heuschreckenplage in Ostafrika und Südasien noch nicht in den Index einberechnet.

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, warnte vor einem dramatischen Anstieg an Hunger leidenden Menschen infolge des Klimawandels. Aufgrund der Erderhitzung nehme die Häufigkeit von Krisen und Naturkatastrophen zu, zwischen den Krisen gebe es keine Erholung mehr.

Doch auch die Covid-19-Krise sei ein „Brandbeschleuniger“, so der Generalsekretär. Die UN-Welternährungsorganisation (FAO) geht davon aus, dass zwischen 80 bis 130 Millionen Menschen weltweit durch die Corona-Pandemie in den Hunger getrieben werden. Die Weltbank rechnet mit einem Plus von 150 Millionen Menschen, die durch die Folgen der Pandemie in extreme Armut geraten. Aufgrund von zunehmenden bewaffneten Konflikten in einigen Staaten steigt zudem die Zahl der Länder, über die keinerlei Daten vorliegen. Derzeit liegt sie bei 25.

Trotz allem glaube er daran, dass es möglich sei, das Ziel einer hungerfreien Welt bis 2030 noch zu erreichen, sagte Mogge. In der Verantwortung stehe auch jeder Einzelne. So müssten auch Deutschland und die EU umdenken, hin zu einem lokalen und nachhaltigen Ernährungssystem, appellierten Mogge und Thieme.

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