Humboldt-Forum: Eröffnung mit vielen Fragen

  • Am Dienstag eröffnet im neuen alten Berliner Schloss das Humboldt-Forum. Kulturschätze aus aller Welt werden zu sehen sein.
  • Doch wer sind die rechtmäßigen Eigentümer? Wie viel Blut klebt an den Objekten?
  • Die Debatte um diese Fragen erschüttert zurzeit viele Museen – und wird zur außenpolitischen Frage.
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Der deutsche Kolonialismus galt lange Zeit als eine Art Kolonialismus light. Mit den Gräueltaten von Spaniern und Portugiesen in Lateinamerika oder von Franzosen, Belgiern und Briten in Afrika konnte man die deutschen Versuche, einen „Platz an der Sonne“ zu finden, nicht vergleichen. So war die allgemeine Erzählung, so dachten lange zumindest die Deutschen über die Deutschen.

In den vergangenen Jahren hat sich das Bild geweitet und verändert. Etwa durch die Debatten, die der Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama vorausgingen. Erst vor wenigen Wochen hat Deutschland – das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im heutigen Namibia – sich dazu bekannt.

Zuletzt hat der Historiker Götz Aly in seiner beeindruckenden wie bedrückenden Studie „Das Prachtboot“ nachgewiesen, wie grausam deutsche Kolonialisten in der Südsee mordeten und vergewaltigten, brandschatzten und raubten, Lebensräume zerstörten.

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Zentrum für Kultur, Kunst und Wissenschaft

Nun könnte man dies alles als Fall für Geschichtswissenschaftler und historisch interessierte Leser abheften. Doch das, was aus diesen neuen Erkenntnissen folgt, beeinflusst auch unsere Gegenwart. Nirgends wird das deutlicher als in der Debatte um die Rückgabe geraubter Kunstwerke und Alltagsgegenstände aus ethnologischen Sammlungen an die jeweiligen Herkunftsländer.

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In wenigen Tagen, am 20. Juli, werden viele Augen auf das neue Humboldt-Forum gerichtet sein. Nach langer Wartezeit öffnet in Berlin das rund 680 Millionen Euro teure interdisziplinäre Museum, ein Zentrum für Kultur, Kunst und Wissenschaft. Künftig nutzen es zwei Museen der Preußen-Stiftung, das Land Berlin und die Humboldt-Universität. Gezeigt werden unter anderem Exponate aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien sowie Objekte zur Geschichte Berlins.

Eine der Hauptattraktionen, wenn nicht sogar das schönste Stück der Sammlung, ist das sogenannte Luf-Boot. Dieses rund 16 Meter lange Holzboot wurde aus einem einzelnen Baumstamm gefertigt. Ohne auch nur ein winziges Teil Metall ist es hochseetauglich und konnte bis zu 50 Menschen transportieren. Zudem ist es reich verziert und zeigt die jahrhundertealte Kunstfertigkeit der Menschen aus der Südsee.

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Höhepunkt im neuen Humboldt Forum: Das 15 Meter lange Luf-Boot ist das weltweit letzte seiner Art – und wird das größte Objekt in der neuen Ausstellung sein. Es ist aber auch umstritten.

Genau jenes Luf-Boot hat Aly zum Anlass genommen, die Kolonialgeschichte der Deutschen in der Südsee näher zu untersuchen. Der Historiker hat einen familiären Bezug zu diesem Teil deutscher Geschichte, war doch ein Großonkel als Militärgeistlicher an Expeditionen ins damalige Bismarck-Archipel und nach Deutsch-Neuguinea – beides liegt im heutigen Papua-Neuguinea – beteiligt. Sogar eine Insel war damals nach Aly benannt, heute heißt sie wieder Siar.

In erster Linie waren es Kaufleute und Plantagenbetreiber – etwa die Brüder Hernsheim –, die in den späten 1870er- und 1880er-Jahren begannen, ihre wirtschaftlichen Interessen mit aller Gewalt durchzusetzen. Sie rodeten Wälder, versklavten Menschen, ignorierten Heiligtümer. Wenn die Einheimischen es wagten, sich zu wehren, oder ihnen Gewalttaten auch nur unterstellt wurden, holten sich die Kaufleute Hilfe beim Staat. In sogenannten Strafexpeditionen, teils von Reichskanzler Otto von Bismarck höchstpersönlich angeordnet, rückte die Kaiserliche Kriegsmarine aus, um mit Kanonen auf lediglich mit Speeren bewaffnete Inselbewohner zu schießen.

Die Hütten auf der Insel Luf wurden genauso zerstört wie die meisten der großen Boote

Besonders gründlich wüteten die Soldaten auf den Hermitinseln, von denen Luf die größte ist. Innerhalb weniger Wochen wurde ein großer Teil der Bevölkerung ermordet, einige Einwohner konnten auf andere Inseln fliehen, andere wurden als Arbeitssklaven zu Plantagen in der Region verbracht. Die Hütten auf der Insel Luf wurden genauso zerstört wie die meisten der großen Boote.

Wie das in Berlin gezeigte Boot in den Besitz der Kolonialherren gelangt ist, kann nicht mehr exakt zurückverfolgt werden. Es existiert zwar ein Kaufvertrag zwischen dem Völkerkundemuseum Berlin und dem Südseehändler Max Thiel. Wie das Prachtboot in dessen Hände gelangt ist, lässt sich aber nicht nachweisen. Thiel selbst schreibt an einer Stelle, es sei „in seine Hände übergegangen“. Nach einem rechtmäßigen Kauf klingt das nicht. So leitet auch Aly aus anderen Quellen zum Erwerb solcher Kulturgüter in der Kolonialzeit her, dass das Boot mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit geraubt wurde.

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Neue Perspektiven: Der Historiker und Politikwissenschaftler Götz Aly. © Quelle: dpa

Das Perfide ist: Nachdem die Kolonialherren den Südseebewohnern die Lebensgrundlage entzogen, Männer ermordet oder verschleppt, Frauen vergewaltigt und Dörfer zerstört hatten, gerierten sie sich als Retter der Kunstschätze. Dieses Narrativ hält sich bis heute. Abgewandelt findet es sich wieder in dem noch immer gehörten Argument, die Exponate müssten in europäischen Museen bleiben, da dort (und nur dort) die Voraussetzungen für den Erhalt dieser Gegenstände vorhanden seien.

Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt-Forums, steht im Foyer des Humboldt-Forums. © Quelle: Fabian Sommer/dpa

Ethnologische Museen in Deutschland und anderen westlichen Ländern haben lange Zeit ausweichende Angaben zum Erwerb ihrer Ausstellungsstücke gemacht oder sich zumindest nicht um die Wahrheit bemüht. Das gilt nicht nur für die Südsee. „Die vermeintliche Legalität der Ankäufe wurde zum autosuggestiven Mantra und ist es bis heute geblieben“, schreibt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“. Die Debatte um geraubtes Kulturgut hat zumindest dazu geführt, dass die Bundesregierung einen großen Teil der Benin-Bronzen aus deutschen Museen nach Nigeria zurückgibt.

Die allermeisten der neben dem Luf-Boot rund 65.000 Südseeobjekte seien zwischen 1880 und 1914 nach Berlin verschleppt worden, betont Götz Aly

Aus Papua-Neuguinea hingegen gebe es bis heute keine Rückforderungen, die das Luf-Boot betreffen, sagte vor Kurzem Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. „Man freut sich, dass das Boot hier ist.“ Er betonte aber, infolge der Recherchen Alys solle in der Ausstellung thematisiert werden, wie die deutschen Kolonialisten in der Südsee gewütet haben.

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Die allermeisten der neben dem Luf-Boot rund 65.000 Südseeobjekte seien zwischen 1880 und 1914 nach Berlin verschleppt worden, betont Aly. „So betrachtet“, schließt er, „muss die einst königliche ethnologische Sammlung, die heute zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehört, als Monument der Schande eingestuft werden.“

Lediglich Infotafeln zu zeigen wird auf Dauer keine Lösung sein

Entscheidend wird sein, wie das Humboldt-Forum und ähnliche Museen mit der Frage nach Restitution und Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit umgehen. Lediglich Infotafeln zu zeigen wird auf Dauer keine Lösung sein. Es ist aber ein Anfang.

Götz Aly: „Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten“. S. Fischer. 235 Seiten, 21 Euro

Bénédicte Savoy: „Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage“. C. H. Beck. 256 Seiten, 24 Euro.

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