„House of Cards“ unter dem Kirchendach

  • Die katholischen deutschen Bischöfe haben auf ihrer Vollversammlung über Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal gestritten.
  • Eine Mehrheit stimmt für den Beginn eines Reformprozesses, der die Kirche demokratischer machen soll.
  • Unklar ist, wie sich der Vatikan zu dem deutschen Reformprojekt verhalten wird.
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Der Versuch war aller Ehren wert. Drei Tage hatten die katholischen deutschen Bischöfe nun in Fulda zusammengesessen und beraten, was die Kirche aus Missbrauchsskandal, Vertrauensverlust und Gläubigenprotesten lernen und verändern muss. Und da saß nun also Kardinal Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, und beteuerte mit barocker Gestalt und fester Stimme, dass man die Beratungen habe „einmütig abschließen“ können. Was vielleicht sogar glatt durchgegangen wäre, wenn sein Kölner Kollege nicht schon sein Dagegen-Votum getwittert hätte – und wenn der Regensburger Bischof nicht auch schon vorab die „Unaufrichtigkeit“ des Reformprozesses beklagt und den Anlass, die Missbrauchsstudie, als „pseudowissenschaftlich“ diffamiert hätte.

Wenn so Einmütigkeit aussieht, dann möchte man in der katholischen Kirche lieber keinen Streit erleben. Und wer bislang hoffte oder gar glaubte, Kirche funktionierte so ganz anders als Politik und es gäbe hier weder Intrigen noch Machtspiele, der darf nun noch mal neu nachdenken. Nein, das hier ist nicht „House of Cards“. Das ist die Bischofskonferenz 2019.

Das Ziel: Eine demokratischere Kirche

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Genau ein Jahr ist es nun her, dass Wissenschaftler an gleicher Stelle, in Fulda, die MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht haben, die ein verheerendes Ausmaß von Verbrechen und Vertuschung in der Kirche enthüllte – und zugleich die strukturellen Mechanismen benannte, die die Taten ermöglichten.

Seitdem ist nichts beschlossen, aber viel passiert. In der katholischen Kirche in Deutschland stehen sich zwei Lager gegenüber. Da ist die große Mehrheit der Bischöfe und Gläubigen, denen klar ist, dass die Kirche ohne Reformen in der Bedeutungslosigkeit versinken wird. Sie haben, in der Kürze der Zeit, mehr erreicht, als zu erwarten war. So haben sie einen Reformprozess angestoßen, den „synodalen Weg“, der die Kirche, so vage vieles jetzt noch ist, demokratischer machen, den Zölibat beenden und Frauen Ämter erlauben könnte. Sie haben, zudem, gemeinsam mit Betroffenen Modelle für die Entschädigung der Opfer sexueller Gewalt entwickelt, die weit über alle staatlichen Modelle hinausgehen.

Ihnen entgegen stehen die Konservativen unter den Gläubigen und Bischöfen. Sie sind eine Minderheit – die sich bei den konservativen Kräften in Rom aber geschickt Verhör zu verschaffen versteht. Der Mahnbrief, den die deutschen Katholiken aus Rom erhielten, gab einen deutlichen Eindruck davon. Der Papst, getrieben auch von einem konservativen Umfeld, könnte mit deutschen Reformen rasch kurzen Prozess machen. Wie ernst es den deutschen Bischöfen mit den Reformen ist, wird sich erst dann erweisen: wenn sie sich für ihre Umsetzung in Opposition zu Rom stellen müssen.