Pandemielage – Hospitalisierung künftig neben Inzidenz entscheidend

  • Vor Beginn der Impfungen galt in der Politik „Intensiv folgt Inzidenz“.
  • Doch inzwischen lässt sich mit der Zahl der Infektionen die tatsächliche Pandemielage nicht mehr richtig beurteilen.
  • Die Bundesregierung zieht daraus die Konsequenzen.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Angesichts der wachsenden Impfquote und der damit verbundenen Verhinderung schwerer Erkrankungen will die Bundesregierung die Beurteilung der Pandemielage nicht mehr allein von den Infektionszahlen abhängig machen. Als zusätzlicher Parameter soll künftig auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen von Covid-19-Erkrankten herangezogen werden.

Damit reagierte die Regierung auf Vorschläge des Robert Koch-Instituts (RKI) und anderer Wissenschaftler. Um die Hospitalisierungsrate genau erfassen zu können, werden die Krankenhäuser durch eine am Dienstag in Kraft tretende Verordnung verpflichtet, mehr Daten als früher zu melden, etwa Alter, Art der Behandlung und den Impfstatus von Corona-Erkrankten. Das sorgte bei den Kliniken für Kritik.

Melderate war in der Kritik

Anzeige

Schon seit Beginn der Pandemie hatte es Kritik an der Verwendung der sogenannten Inzidenz als alleiniges Kriterium für das politische Agieren gegeben. Tatsächlich handelt es sich lediglich um eine Melderate, die allein von der Zahl der Tests abhängt.

Dennoch hatte sich der Wert als Leitindikator durchgesetzt, weil vor Beginn der Impfkampagne ein direkter Zusammenhang zwischen der Sieben-Tage-Inzidenz und der einige Wochen später registrierten Auslastung der Intensivstationen nachweisbar war.

Weil inzwischen insbesondere die ältere Generation durchgeimpft ist und Jüngere nicht mehr so schwer erkranken, wird dieser Zusammenhang jedoch immer schwächer. „Die Inzidenz verliert zunehmend an Aussagekraft“, erklärte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dazu.

Anzeige

„Keine Abkehr von Inzidenz“

Ein Sprecher des Gesundheitsministers sagte, die Hinzunahme der Hospitalisierungen sei nicht als eine Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz zu verstehen. Der Wert bleibe einer der Hauptparameter, weil sich mit ihm regionale Entwicklungen und längerfristige Trends sehr gut bestimmen ließen.

Anzeige

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) plädierte dafür, durch einen Koeffizienten die aktuelle Zahl der Geimpften zu berücksichtigen und gegebenenfalls die Grenzwerte für das Wirksamwerden von Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zu erhöhen.

Auf Bundesebene sind derzeit keine Regeln in Kraft, die automatisch ab einer bestimmten Sieben-Tage-Inzidenz greifen. Die Bundesnotbremse, die ab einer Inzidenz von 100 wirksam wurde, ist ausgelaufen. Auf Länderebene sind allerdings eine Reihe von Regeln allein von der Sieben-Tage-Inzidenz abhängig.

„Auf mehrere Parameter stützen“

Die künftige Berücksichtigung weiterer Daten stieß in der Wissenschaft auf Zustimmung. „Schon vor eineinhalb Jahren wäre es wichtig gewesen, sich zur Einschätzung der Pandemielage auf mehrere Parameter zu stützen und nicht nur auf die sogenannte Inzidenz. Das ist jetzt umso dringlicher“, sagte der Mediziner Matthias Schrappe von der Universität Köln dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Wir brauchen Hospitalisierungs- und Intensivrate als Parameter, um bei fortschreitender Durchimpfung der Bevölkerung eine Aussage über die Bedeutung der täglichen Melderaten treffen zu können“, betonte Schrappe, der zusammen mit weiteren Gesundheitsexperten die Konzentration auf die Inzidenz immer wieder kritisiert hatte.

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) begrüßte die Pläne. Hauptgeschäftsführer Gerald Gaß plädierte dafür, auch die Positivrate bei den Corona-Tests stärker zu beachten, um ein Gesamtbild der Pandemielage zu bekommen.

Er warnte im Gespräch mit dem RND aber auch vor „erheblichem Mehraufwand“ und Doppelstrukturen durch die neuen Berichtspflichten für die Kliniken. „Es ist für die Kliniken kein Problem, Fakten wie Alter und Impfstatus bei den Patienten abzufragen. Doch nach jetzigem Stand kann das nicht aus den automatischen Datenprozessen gezogen werden“, erläuterte er.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen