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Kostenübernahme bei Homöopathie: Es ist nicht okay, wie es ist

  • Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat angekündigt, an den Erstattungsregeln der Krankenversicherung für die Homöopathie nicht zu rütteln.
  • Kritiker fordern hingegen ein Verbot der Kostenübernahme.
  • Das ist überzogen, aber ein „weiter so“ darf es auch nicht geben, kommentiert Tim Szent-Ivanyi.
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Berlin. Vor knapp zehn Jahren reagierte ein junger CDU-Gesundheitspolitiker sehr zufrieden auf die Forderung eines SPD-Kollegen, der Gesetzgeber solle den Krankenkassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen: „Wir haben die Wahltarife für Homöopathie zu rot-grüner Zeit auf Wunsch von SPD und Grünen gemeinsam eingeführt. Sollte die SPD hier nun gesprächsbereit sein, können wir sie morgen abschaffen.“

Der damalige Kritiker war Karl Lauterbach, heute Bewerber um den Posten des SPD-Parteichefs, der junge CDU-Politiker war – man ahnt es – Jens Spahn, der jetzige Bundesgesundheitsminister. Lauterbach hat seine Meinung bis heute nicht geändert, Spahn verkündete hingegen gerade: „Es ist so okay, wie es ist.“ Angesichts des geringen Anteils an den Gesamtausgaben könne es den Kassen ruhig weiter erlaubt bleiben, homöopathische Mittel zu bezahlen, so sein Argument.

Emotionsgeladener Glaubenskrieg

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Wer hat recht? Um die Homöopathie tobt ein emotionsgeladener Glaubenskrieg, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Fakt ist: Es gibt keine nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte Studie, die die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel nachweist. Das hat jüngst die oberste französische Gesundheitsbehörde mit einer der umfangreichsten Untersuchungen zu diesem Thema gezeigt. Deshalb wird dort die Kostenerstattung gestrichen.

Auch in Deutschland gilt: Medikamente und Behandlungsmethoden werden nur bezahlt, wenn sie den Patienten tatsächlich helfen – nicht nur gefühlt, sondern gemessen an strengen Standards.

Die Homöopathie ist davon allerdings ausgenommen. Behandlungen und Substanzen können von den gesetzlichen Krankenkassen auf freiwilliger Basis bezahlt werden – egal, was die Wissenschaft sagt. Die meisten Kassen zahlen aber nicht deshalb, weil sie trotzdem von der Wirksamkeit der Kügelchen überzeugt sind. Sie übernehmen die Kosten nur, weil sie um Kunden buhlen. „Sonst schmieren wir in allen Rankings ab“, sagt der Chef einer großen Kasse – im vertraulichen Gespräch.

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Schlicht verbieten wäre die naheliegende Lösung. Wenn es Globuli weiter auf Kassenkosten gibt, wie muss sich dann ein Krebskranker fühlen, der sich an jeden Strohhalm klammert, aber eine extrem teure Chemotherapie mit unklaren Studienergebnissen nicht bekommen darf? Es geht hier um die Grundprinzipen der gesetzlichen Krankenversicherung: Gerechtigkeit und Solidarität.

Auch Glauben kann helfen

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Aber deshalb ein Verbot der Kostenerstattung für die Kügelchen? Auch Glauben kann heilen. Der sogenannte Placeboeffekt darf nicht unterschätzt werden. Hier gibt es allerdings bisher unklare Erkenntnisse. Einige Studien kommen zu dem Schluss, dass Homöopathie hilfreich für die Heilung ist und sogar Kosten spart. Andere Untersuchungen haben ergeben, dass die Kosten für die Allgemeinheit am Ende höher sind, weil durch eine homöopathische Behandlung Krankheiten verschleppt werden, die dann teuer von der Schulmedizin geheilt werden müssen.

Eindeutig ist hingegen, dass sich die Homöopathie bemüht, einen ganzheitlichen Blick auf den Patienten zu bekommen. Schon die Erstanamnese dauert mindestens eine Stunde – von dieser Zeit träumen Kassenärzte und Patienten bei der klassischen Schulmedizin nur, obwohl sie genauso notwendig wäre.

Ein Verbot wäre mithin überzogen, aber ein einfaches „weiter so“ ist auch keine Lösung. Die Wissenschaft muss sich intensiver darum kümmern, ob sich Schulmedizin und Homöopathie gut ergänzen können – oder ob die Kügelchen unterm Strich die Solidargemeinschaft mehr belasten.

Ist Letzteres der Fall, dann wäre folgendes Modell überlegenswert: Wer die Homöopathie will, bekommt sie voll bezahlt. Der Patient ist zufrieden, die Kassen sparen Geld für klassische Medikamente. Hilft die Homöopathie dann aber doch nicht und die Schulmedizin wird zusätzlich in Anspruch genommen, dann wird eine Selbstbeteiligung an den Mehrkosten fällig.

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