Holocaust-Gedenken: Wir müssen uns sorgen

  • Selten zuvor verband sich das Gedenken an die Opfer des Nationalismus mit so vielen aktuellen Mahnungen und Bekenntnissen wie in diesem Jahr.
  • Dabei zeigte sich: Wie wir die Ermordeten heute ehren, hält zuallererst uns selbst den Spiegel vor.
  • Die Erkenntnisse der diesjährigen Gedenktage sind dabei äußerst beunruhigend, kommentiert Steven Geyer.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Gedenken hat oft mehr mit der Gegenwart zu tun als mit der Vergangenheit. Das gilt auch und gerade für das Gedenken an die deutschen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus. Schließlich musste der heutige Konsens aller demokratischen Kräfte in diesem Land, wonach die Bundesrepublik auf der Mahnung und dem Versprechen „Nie wieder Auschwitz“ fußt, im Laufe der Jahrzehnte erst erarbeitet, errungen, ja: erkämpft werden.

Auch den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und die damit verbundene Gedenkstunde im Deutschen Bundestag, die an diesem Mittwoch begangen wurde, gibt es ja erst seit 1996.

Neue Töne mischen sich ins Gedenken

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Im Umkehrschluss heißt das: Wie die Deutschen des Holocausts gedenken, ist nicht für alle Zeit entschieden. Wer sagt, dass künftige Mehrheiten die Gedenkstunde im Bundestag, wie sie an diesem Mittwoch stattfand, nicht wieder abschaffen? Und was hieße das dann?

Solche Fragen müssen wir uns stellen, wenn sich ins Gedenken in diesem Jahr bislang unbekannte Töne mischen: Wenn Anhänger einer im Bundestag vertretenen Partei fragen, wann der deutsche „Schuldkult“ endlich ende. Wenn Politiker der „bürgerlichen Mitte“ selbst am Gedenktag nichts dabei finden, die deutsche Schuld ins Verhältnis zum muslimischen Antisemitismus zu setzen. Und wenn das Staatsoberhaupt, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, in Israel wie im Bundestag schmachvoll einräumen muss: Die Selbstgewissheit war trügerisch, die Deutschen hätten ein für allemal verstanden.

Zu Recht warnte Steinmeier in seiner Gedenkrede, dass „der alte Ungeist“ von Ausgrenzung, Nationalismus und autoritärem Denken sich inzwischen wieder als „Antwort auf die offenen Fragen unserer Zeit“ anbiete und dass uns „unsere Zeit genau daran prüft“.

Anzeige

In letzter Konsequenz muss diese Einsicht sogar die Sorge auslösen, ob die Demokratie auch in Krisenzeiten stark genug ist, um eine Tyrannei der Mehrheit wirklich zu verhindern.

Das wahre Wunder überflügelt die Tagespolitik

Anzeige

Die Antworten der Demokraten auf all diese Fragen fallen höchst unterschiedlich aus. Das zeigte sich auch in der Gedenkstunde des Bundestages, als Israels Präsident Reuven Rivlin seinen historischen Auftritt für einige tagesaktuelle Bemerkungen zum umstrittenen Nahostplan von Donald Trump nutzte. Verständlich ist das allemal: Ein Staat, der sich als jüdisch und demokratisch versteht, muss seinerseits aus dem Holocaust folgern, seine unbestreitbar existenzielle Bedrohung ernst zu nehmen.

Das Wunder dieses Tages aber überflügelt die Tagespolitik: Es besteht darin, dass Israel das heutige Deutschland als Partner, als Mitstreiter und sogar als Freund sieht. Auch das dürfen wir nicht verspielen.


Anzeige




  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen