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Holger Stahlknecht: Vom Hoffnungsträger zum Problemfall

Holger Stahlknecht (CDU), als Innenminister von Sachsen-Anhalt entlassen.

Holger Stahlknecht (CDU), als Innenminister von Sachsen-Anhalt entlassen.

Magdeburg. Eine Zeit lang scheint Holger Stahlknecht alles zu gelingen, und danach einfach gar nichts mehr. Besonnen managt er mit seinem Krisenstab das Jahrhunderthochwasser von 2013. Klar und verständlich gibt er bundesweite Interviews und duelliert sich mit der AfD im Landtag mitunter rhetorisch so brillant, dass der gesamte Plenarsaal, inklusive der Angegriffenen, anerkennend applaudiert. Vor zwei Jahren wird er mit 85 Prozent Zustimmung und langem Applaus zum CDU-Landeschef gewählt und gilt als ausgemachter Nachfolger für Ministerpräsident Reiner Haseloff. Nun kündigte er auch seinen Rücktritt von diesem Posten an.

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Seit Freitag sitzt er nicht mehr auf der Wartebank, sondern im politischen Abseits. Nach einem Interview der „Magdeburger Volksstimme“, zieht Regierungschef Haseloff wenige Stunden nach Erscheinen des Interviews die Notbremse. Stahlknecht wird als Innenminister entlassen. Begründung: schwer gestörtes Vertrauensverhältnis. Stahlknecht habe mitten in den Bemühungen, die Kenia-Koalition zu retten, unabgestimmt eine CDU-Alleinregierung in den Raum gestellt, teilt die Staatskanzlei mit.

Stahlknecht ist im Dienst immer akkurat gekleidet, mit gut sitzenden Anzügen, Krawatte und passendem Einstecktuch. Die Oper ist ihm privat näher als das Bierzelt, er raucht Pfeife, schwärmt von Klavier- und Jazzabenden - und bleibt den geselligen Stammtischrunden von Fraktion und Basis lieber fern.

Manchen gilt er nur als Westdeutscher

Er gilt manchen in der CDU als Westdeutscher, ungeachtet der Tatsache, dass der Mann aus Hannover Anfang der Neunziger als junger Wirtschaftsstaatsanwalt nach Sachsen-Anhalt kam - und blieb. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und als passionierter Jäger auch mehrere Hunde. Stahlknecht war viele Jahre Bürgermeister seines kleinen Heimatortes Wellen in der Börde - zu Beginn noch parteilos.

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Es hätten alle Parteien darum geworben, dass er ihr Parteibuch nehme, erzählte Stahlknecht einmal. Er entscheidet sich für das der Christdemokraten und macht schnell Karriere. Im Jahr 2002 hängt er den Job des Staatsanwalts an den Nagel und wechselt als Abgeordneter in den Landtag, vier Jahre später ist er Vize-Fraktionschef, fünf weitere Jahre später Innenminister. Schon vor der Landtagswahl 2016 ermutigt ihn mancher, gegen Haseloff anzutreten, um CDU-Spitzenkandidat zu werden. Doch Stahlknecht lässt dem Amtsinhaber den Vortritt.

Seit Übernahme des CDU-Vorsitzes wendet sich das Blatt

Ausgerechnet nach der Übernahme des CDU-Vorsitzes 2018 wendet sich das Blatt. Erst häufen sich die Fehler, dann verlässt Stahlknecht das Gespür und auch das Glück. Die Kritik an der fehlenden Polizeipräsenz vor der Synagoge beim Terroranschlag von Halle, das Rumeiern der Landes-CDU beim Umgang mit einem Kreis-Vorstand mit Neonazi-Tattoo und die gescheiterte Berufung des Polizeigewerkschafters Rainer Wendt sind nur die auffälligsten Beispiele.

Als in der Corona-Krise in vielen Bundesländern die Krisenstäbe der Regierungen unter Führung der Innenminister starten, bleibt Stahlknecht nahezu unsichtbar. Stattdessen übernimmt Haseloff erst selbst die Führung in der Krise - und dann auch die erneute Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2021. Der wichtigste Traum von Stahlknecht ist geplatzt - auch wenn er es wegzulächeln versucht.

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Dann meldete er sich ausgerechnet mit einem nicht abgesprochenen Interview mitten in der brenzligsten Phase des verfahrenen Koalitionsstreits zum Rundfunkbeitrag zu Wort. Nicht wenige werteten das als Versuch, Haseloff doch noch auszustechen und Ministerpräsident zu werden. Der Versuch geht nach hinten los.

RND/dpa

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