Fünf Tipps für Deutschland aus Bangladesch

  • Aus dem oft überschwemmten armen Land kommen jetzt Hinweise, die auch im reichen Deutschland Leben retten können.
  • Warum hat Deutschland kein Cell-Broadcast-Warnsystem? Warum prüft es nicht kritischer seine Siedlungsgebiete?
  • „Ihr seid nicht immun gegen die Folgen des Klimawandels“, warnt Prof. Saleemul Huq, Direktor des Internationalen Instituts für Klimawandel und Entwicklung (ICCCAD) in Bangladesch, im Gespräch mit dem RND.
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Wie können in einem so reichen Land so viele Fehler auf einmal gemacht werden?

Der Klimaforscher Saleemul Huq traute seinen Augen kaum, als er dieser Tage in Bangladesch die Fernsehberichte aus Deutschland über die todbringenden Überschwemmungen sah.

Huq hat schon viele Flutgebiete gesehen, rund um den Erdball. Der 68-Jährige ist Direktor des Internationalen Zentrums für Klimawandel und Entwicklung (ICCAD) mit Sitz in Dhaka, zugleich Senior Fellow am International Institute for Environment and Development (IIED) mit Sitz in London. Er hat an allen Klimagipfeln der letzten Zeit teilgenommen und wichtige Artikel zu den Berichten des Weltklimarats beigesteuert.

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„Wacht auf, ihr seid nicht immun“: Professor Saleemul Huq, Direktor des Internationalen Zentrums für Klimawandel und Entwicklung (ICCAD), mit Sitz in Dhaka, Bangladesh. © Quelle: ICCCAD

Derzeit sitzt er in Dhaka, der Hauptstadt des oft überschwemmten Dritte-Welt-Lands Bangladesch, und blickt fassungslos auf Bilder aus dem Tal der Ahr, in Rheinland-Pfalz, Germany.

„Verrückt und traurig zugleich“ sei das, was er da sehe, sagt Huq dem RedaktionsNetzwerk Deutschland in einem Telefongespräch am Montag. Wie, beispielsweise, kommen Menschen auf die Idee, sich noch in ihrem Keller aufzuhalten, während draußen schon Autos am Haus vorbeigeschwemmt werden? Huq betont, wie betroffen ihn das gemacht habe – wohl auch deshalb, weil er weiß, wie es anders geht: „Bei einer Flut wie dieser muss eigentlich kein einziger Mensch sterben.“

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„Cell-Broadcast-Warnsystem hat viel verändert“

Bangladesch, ein von Naturkatastrophen weitaus stärker als Deutschland geplagtes Land, meldete früher oft Tausende von Flutopfern. Im Laufe der letzten Jahrzehnte aber bekam das Land es hin, die Zahl der Toten massiv zu reduzieren – trotz einer Tendenz zu immer stärkerem Hochwasser. „Fluten erleben wir hier nach wie vor“, sagt Huq. „Aber wir sterben darin nicht mehr.“

Seine Äußerungen lassen sich verdichten zu fünf Tipps für die Deutschen:

1. Mehr Bewusstsein für die Gefahr: Allzu lange, sagt Huq, hätten die Deutschen offenbar in dem Glauben gelebt, die Auswirkungen des Klimawandels gingen sie als reiches Volk in der Mitte Europa nicht viel an. Doch die Bedrohung durch Fluten treffe nun mal nicht nur Küstenbewohner, sondern auch Binnenländer, und sie treffe Wohlhabende ebenso wie Arme. „Wacht auf“, sagt Huq. „Ihr seid nicht immun.“ Mehr als sie vielleicht ahnten, müssten die Deutschen ihre innere Einstellung überprüfen und die Gefahren endlich ernster nehmen. In Deutschland habe es vor dieser Katastrophe nicht an meteorologischen Daten gefehlt, sondern an einer angemessenen Reaktion darauf.

An der Kante: Sturm, Starkregen und die Gezeiten nagen an der Küste in der Region Bhola in Bangladesh. Der größte Teil des Landes liegt weniger als zehn Meter über dem Meeresspiegel – und ist damit extrem verwundbar durch Effekte des Klimawandels. © Quelle: imago images/NurPhoto

2. Cell-Broadcast-Warnsystem: Dem Professor aus Bangladesch will nicht in den Kopf, warum Deutschland noch immer kein Cell-Broadcast-Warnsystem hat. Diese Systeme erlauben es, in bestimmten Regionen jedem Mobiltelefonnutzer wie mit einem Radiosender eine Warnmeldung zu senden – ob er will oder nicht und auch ganz unabhängig davon, welche Apps er geladen hat. Das Cell-Broadcast-Warnsystem habe in Bangladesch in den vergangenen Jahren sehr viel verändert. Inzwischen habe in Bangladesch fast jeder Erwachsene ein Mobiltelefon. Jeder sei auch daran gewöhnt, auf Warnungen frühzeitig zu reagieren, oft schon ein bis zwei Tage vorher.

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Cell-Broadcast-Warnungen gibt es unter anderem in Japan, Kanada, den USA und Israel. In der EU ist ein System für 2022 in Planung, nationale Varianten laufen unter anderem in den Niederlanden und in Italien.

3. Warnung durch Helfer vor Ort: In den letzten Stunden vor einer Überflutung habe sich der Einsatz von Freiwilligen bewährt, die mit Megafonen Gefährdete in bestimmten Siedlungen warnen. „Wenn man das systematisch macht, ist im entscheidenden Moment wirklich niemand mehr in seinem Haus, und es steht auch kein Auto mehr in den Überflutungszonen.“

Häuser aufgeben, Menschen umsiedeln

4. Resilienz von Häusern verbessern: Bau und Einrichtung von Kellerräumen in Flusstälern gehören aus Sicht von Huq auch in Mitteleuropa auf den Prüfstand. Sinnvoll seien dagegen Investitionen in eine größere Standsicherheit von Häusern und ihrer höher gelegenen Stockwerke.

5. Ganze Siedlungsgebiete kritisch überprüfen: Auch wenn es schwer falle, sagt Huq, müssten sich die Deutschen dem Gedanken öffnen, dass manche Zonen, die seit Jahrhunderten bewohnt sind, sich dazu in Zukunft möglicherweise nicht mehr eignen. „Die Extremwetterereignisse werden ja nicht weniger, sondern immer häufiger und immer heftiger.“ Problematisch sei die auf den ersten Blick attraktive Bebauung flussnaher Gebiete in engen Tälern. Im US-Bundesstaat Louisiana seien aus diesem Grund bereits reihenweise Häuser, die niemand mehr versichern wollte, aufgegeben worden. In Großbritannien werde sogar offen über das Aufgeben ganzer Dörfer gesprochen, etwa im Fall der ungewöhnlich tief liegenden Küstengemeinde Fairbourne im Nordwesten von Wales.

Viele Maßnahmen gegen den Tod im Wasser, von zusätzlichen Schutzvorschriften bis hin zu Umsiedlungsprojekten, stießen erfahrungsgemäß erstmal auf Widerstand, sagt Huq. Das beobachtet er weltweit. Letztlich führe aber kein Weg vorbei an einer besseren Anpassung der Menschen an die neuen Verhältnisse: „Wer die Gefahren kleinredet, zahlt am Ende den höheren Preis, finanziell wie menschlich.“

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