Historikerin Hedwig Richter: “Das ist Luxemburgs Tragik”

  • Die Historikerin Hedwig Richter hat sich mit Massenpolitisierung im Kaiserreich beschäftigt.
  • Prominente Sozialistinnen wie Clara Zetkin und Rosa Luxemburg sind zwar bis heute bekannt, aber alles andere als typisch für die Epoche.
  • Die politischen Aufbrüche von Bürgerinnen und Arbeiterinnen gleichermaßen hatten ein anderes Ziel als die Revolution.
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Berlin. Frau Richter, Sie schreiben über den „Aufbruch in die Moderne“ und die Massenpolitisierung um 1900. Zu dieser Zeit wurden auch immer stärker Frauen politisch aktiv. Was folgte daraus?

Frauen wurden zum ersten Mal in Massen als Bewegung aktiv. Überraschend ist, dass die Geschichte des Kaiserreichs immer noch oft fast ohne Frauen erzählt wird. Wie kann man ihre anbrechende Emanzipation übersehen?

Die Sozialistin Clara Zetkin spricht vom „unüberbrückbaren Klassengegensatz“ zwischen „Bürgerfrauen und Proletarierinnen“. Hatten diese beiden Welten überhaupt etwas miteinander zu tun?

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Es gab wohl mehr Zusammenarbeit, als viele bisher gedacht haben. Wir haben uns zu sehr auf Zetkin konzentriert, die sich scharf abgegrenzt hat. Andere Sozialistinnen wie Lily Braun haben mit den Bürgerlichen zusammengearbeitet. Es gab nicht überall diesen scharfen Gegensatz. Auch der Arbeiterbewegung war beispielsweise klar, wie entscheidend Bildung ist. Etliche Parlamentarierinnen der Weimarer Republik haben zuvor in der Arbeiterbewegung Weiterbildungskurse gemacht. Die waren Dienstmädchen und haben diese Möglichkeiten genutzt. Und die bürgerlichen Frauen haben sich nicht einfach nur in irrelevanten Wohltätigkeitskränzchen engagiert, sondern sie hatten erkannt, dass soziale Gerechtigkeit das Thema ihrer Zeit war.

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Rosa Luxemburg ist in vielem ein Sonderfall. Sie kommt aus einer bürgerlichen jüdischen Familie in Russisch-Polen, promoviert und wird Sozialistin. Sie fällt überall auf, auch in ihrer Radikalität. Wie passt sie in Ihre Erzählung?

Rosa Luxemburg ist eine unglaublich beeindruckende Person. Sie war nur 1,46 Meter groß, kommt aus Russisch-Polen: Wie gelang es ihr, in der Politik ernst genommen zu werden? Ich denke, das hat mit ihrer Sprachgewalt zu tun, mit ihrer umwerfenden, klaren Intelligenz. Allerdings gehören auch die Umstände dazu: Zwanzig Jahre zuvor hätte sie kaum diese Resonanz gefunden. In der Arbeiterbewegung diskutierte man über Reform oder Revolution. Und Rosa Luxemburg sagte: Für mich gehört das zusammen! Es ist typisch für die Jahre um 1900, dass man Dinge neu denkt. Rosa Luxemburg denkt radikal anders.

Und sie endet tragisch, ermordet von Freikorps-Soldaten.

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Richter: Ja, ein entsetzlicher Tod. Ein schreckliches Unrecht. Intellektuell bestand ihre Tragik in ihrem Beharren auf Revolution. Doch in Rechtsstaaten – und das Kaiserreich war ein Rechtsstaat – ergeben Revolutionen einfach nicht so viel Sinn. Als es zum Umsturz kommt und sie 1919 den bewaffneten Aufstand unterstützt, macht nur eine ganz kleine Gruppe mit. Luxemburg hat immer – anders als etwa Lenin – auf die Massen gesetzt. Aber die folgen ihr nicht. Schon im Kaiserreich zogen die zunehmend vor, was dann auch sukzessive kam: Reformen – Versicherungen, Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhungen, Konsum. Das ist Luxemburgs Tragik.

Hedwig Richter: „Aufbruch in die Moderne. Reform und Massenpolitisierung im Kaiserreich“, Suhrkamp, 175 Seiten, 16 Euro

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