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Historikerin: Deutsche Führung plante, viele Millionen Menschen verhungern zu lassen

  • Vor 80 Jahren begann mit dem Unternehmen „Barbarossa“ der Krieg gegen die Sowjetunion.
  • Schon die Planung war von Beginn an verbrecherisch, sagt die Historikerin Babette Quinkert.
  • Eine Ausstellung in Berlin widmet sich jetzt den 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen.
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Berlin. Am frühen Morgen des 22. Juni 1941 dringen 153 Divisionen der deutschen Wehrmacht, unterstützt von Verbänden aus Finnland, Rumänien und Ungarn, auf das Territorium der Sowjetunion vor. Ohne Kriegserklärung startet Deutschland mit dem Unternehmen „Barbarossa“ einen verbrecherischen Angriffskrieg, in dessen Folge die Völker der UdSSR 27 Millionen Todesopfer zu beklagen haben. Mit mehr als drei Millionen Toten bilden die sowjetischen Kriegsgefangenen eine der größten Opfergruppen. Ihnen ist jetzt eine Ausstellung im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst gewidmet. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sprach dazu mit der Historikerin und Kuratorin der Ausstellung Dr. Babette Quinkert.

Frau Quinkert, der Überfall trifft die Sowjetunion völlig unvorbereitet, das Land wird in den ersten Tagen förmlich überrannt. Hatte sich Stalin auf den 1939 geschlossenen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt verlassen?

Die Führung in Moskau war nicht naiv. Stalin rechnete durchaus mit einem Angriff des Deutschen Reiches, allerdings zu einem späteren Zeitpunkt, frühestens 1942. Dafür gab es auch Argumente. Zum Beispiel war Deutschland noch nicht so hoch gerüstet, wie es für den Angriff im Osten eigentlich geplant war. 1940, im Jahr der Entscheidung für den Überfall, gab es allerdings Versorgungsengpässe im deutschen Herrschaftsgebiet. Für die NS-Führung entstand ein großer Zeitdruck. Es ging darum, möglichst schnell an die Ressourcen in der Sowjetunion heranzukommen, um den Krieg weiterführen zu können.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnete am 18. Juni die Ausstellung „Dimensionen des Verbrechens“ im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, die den 5,7 Millionen Sowjetischen Kriegsgefangenen gewidmet ist. © Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Es hat Warnungen aus verschiedenen deutschen Widerstandskreisen gegeben. Warum fanden sie in Moskau kein Gehör?

In Moskau hielt man diese Warnungen für Provokationen der kapitalistischen Staaten, um einen Konflikt zwischen der Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschland anzuheizen.

Aber unter den Informanten waren altgediente Topagenten, wie etwa Richard Sorge, der in Tokio saß und sehr genaue Informationen zum Angriffstermin lieferte.

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Spione sind zwar zuverlässig, bekommen vielleicht aber manchmal auch falsche Informationen, die bewusst gestreut werden, um Provokationen zu erzeugen. Völlig erschöpfend wird sich vermutlich nicht mehr beantworten lassen, warum Stalin nicht auf Sorge und viele andere Informanten gehört hat.

Anfangs werden deutsche Soldaten in manchen Dörfern noch als Befreier begrüßt. Das ändert sich, als sie ganze Ortschaften niederbrennen und Verbrechen an der Zivilbevölkerung begehen. War das brutale Vorgehen auch eine Angstreaktion?

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Die Annahme einer Angstreaktion hilft uns bei der Suche nach Antworten nicht weiter. Bereits die Planung des Krieges gegen die Sowjetunion war verbrecherisch. Die deutsche politische und militärische Führung plante, die sowjetische Führungsschicht zu ermorden und viele Millionen Menschen in den besetzten Gebieten verhungern zu lassen, vor allem unter der russischen Zivilbevölkerung.

Diese Planungen und die Anpassungen, die dann in der Praxis des Krieges erfolgten, sind grundlegend für die Erklärung der Massenverbrechen. Die Entscheidungen der Führungsebenen waren immer von sicherungs-, ernährungs- und arbeitspolitischen Interessen geprägt, die unlösbar mit ideologischen und rassistischen Vorstellungen verwoben waren.

Schon im Herbst 1941 hatten die Deutschen das Baltikum, Belarus und weite Teile der Ukraine besetzt. Juden, Partisanen und Kommissare der Roten Armee werden von den sogenannten Einsatzgruppen besonders verfolgt. Gibt es dazu neue Erkenntnisse?

In den letzten Jahrzehnten hat es eine weiter differenzierte Täterforschung gegeben. Neben den Einsatzgruppen mordeten auch Polizeibataillone und Verbände, die dem Reichsführer SS Heinrich Himmler direkt unterstanden. Letztlich waren aber alle Besatzungsinstitutionen an der Verfolgungs- und Mordpolitik beteiligt, auch die Wehrmacht.

Die politischen Funktionäre in der Roten Armee wurden bei ihrer Gefangennahme erschossen. Grundlage dafür war der Kommissarbefehl der Wehrmacht vom 6. Juni 1941, der vorsah, Politkommissare der Roten Armee nicht als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern an Ort und Stelle zu erschießen.

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Die Karte zeigt die ersten Operationen des Unternehmens „Barbarossa“, bis es vor den Toren Moskaus scheiterte. © Quelle: Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften

Bei der Verfolgung und Ergreifung der Opfer in den besetzten Gebieten setzte der Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, auch auf „Helfer vor Ort“. Welche Dimension erreichte das?

Alle deutschen Besatzungsinstitutionen beteiligen sich an der Verfolgungs- und Mordpolitik gegen die jüdische Bevölkerung in den besetzten sowjetischen Gebieten. Dies gilt auch für die Massenmorde an den Roma, an kranken und behinderten Menschen oder an „Partisanenverdächtigen“. Dabei griffen die Deutschen auch auf einheimische Hilfe zurück.

Schätzungen gehen von etwa einer Million Personen aus, die in den besetzten sowjetischen Gebieten mit der Wehrmacht oder mit der Besatzungsverwaltung kooperiert haben. Allerdings war nur ein kleiner Teil direkt an Morden beteiligt.

Ein Beispiel für die Einbindung in die Vernichtungspolitik sind die sogenannten Trawniki. Dies war eine Gruppe von etwa 5000 Personen, die von der SS – hauptsächlich unter den sowjetischen Kriegsgefangenen, aber nicht nur – rekrutiert und in dem Ort Trawniki in der Nähe von Lublin zu Wachmännern ausgebildet wurden. Die SS setzte sie 1942 auch beim Mord an polnischen Jüdinnen und Juden ein, zum Beispiel in den Vernichtungslagern Sobibor, Belzec und Treblinka.

Im neuen „Lebensraum“ im Osten wollten die Eroberer auch Platz schaffen für die Ansiedlung von Deutschen. Welche Rolle spielten die „Lebensraumplanungen“ in der Besatzungspolitik?

Die Siedlungsplanungen des NS-Regimes spielten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion praktisch keine Rolle. Die verbrecherischen „Lebensraumplanungen“ blieben nach dem Scheitern des Blitzkrieges im Spätsommer/Herbst 1941 Papier. Massenverschleppungen folgten eher arbeitspolitischen Interessen des NS-Regimes, wie die millionenfache Ausbeutung von sowjetischen Zivilistinnen und Zivilisten als „Ostarbeiter“ im Deutschen Reich. Man brauchte Arbeitskräfte.

Bis Kriegsende nahm die Wehrmacht etwa 5,7 Millionen Soldaten und Soldatinnen der Roten Armee gefangen. Wie wurden sie – auch im Vergleich zu Kriegsgefangenen anderer Nationen – behandelt?

Bereits vor dem Überfall auf die Sowjetunion entschied die Wehrmacht, den gefangen genommenen Angehörigen der Roten Armee die internationalen Schutzbestimmungen zu verwehren und bestimmte Gruppen von ihnen zu ermorden. Eine Vielzahl von Gefangenen wurde erschossen. Die meisten starben jedoch aufgrund einer völlig unzureichenden Versorgung an Hunger und Krankheiten, vor allem bis zum Frühjahr 1942

Zwar besserte sich die Lage der sowjetischen Kriegsgefangenen ab 1942 etwas, weil sie als Arbeitskräfte für das NS-Regime immer wichtiger wurden. Ihre Behandlung war jedoch bis zum Kriegsende viel schlechter als die der Kriegsgefangenen aus anderen Ländern. Von den 5,7 Millionen sowjetischen Gefangenen kamen mehr als drei Millionen in deutschen Gewahrsam um. Das ist mehr als die Hälfte. Die Todesrate bei den Kriegsgefangenen aus den westalliierten Ländern lag bei etwa 3,6 Prozent.

Die Historikerin Babette Quinkert hat die Ausstellung in Berlin-Karlhorst kuratiert. © Quelle: Deutsche-Russisches Museum

Nun widmet sich die von Ihnen kuratierte Ausstellung „Dimensionen eines Verbrechens“ den sowjetischen Kriegsgefangenen, die zu einer der größten Opfergruppen im Zweiten Weltkrieg zählen. Warum wurde bis heute kaum an sie erinnert?

Das Schweigen in der Bundesrepublik hängt natürlich eng mit dem Kalten Krieg zusammen. In seinem Kontext sollte es keine Erinnerung an die sowjetischen Opfer bzw. die deutschen Verbrechen an ihnen geben. In der DDR wurden in der Erinnerungspolitik vor allem die Widerstandsaktionen von sowjetischen Kriegsgefangenen hervorgehoben. Und die offizielle Erinnerung in der Sowjetunion konzentrierte sich auf den Sieg über den Faschismus und das Gedenken an im Kampf gefallene Heldinnen und Helden.

Die ehemaligen Kriegsgefangene waren aus der Erinnerungsgemeinschaft ausgeschlossen. Sie galten lange generell als „Deserteure“ und „Verräter“ und wurden in den postsowjetischen Staaten erst in den 1990er- Jahren vollständig rehabilitiert. Wir wollen mit unserer neuen Ausstellung Besucherinnen und Besuchern einen ersten Einstieg in das Thema ermöglichen und dazu beitragen, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen einen angemessenen Platz in der deutschen Erinnerungslandschaft bekommen.

Bei der Rückkehr in die Heimat erwarteten die sowjetischen Kriegsgefangenen also keineswegs ein Empfang mit offenen Armen.

Sie trafen auf ein immenses Misstrauen der sowjetischen Behörden, die ihnen generell „Desertation“, „Verrat am Vaterland“ und eine Zusammenarbeit mit den Deutschen unterstellten. Die Zurückkehrenden wurden in sogenannten Filtrationslagern überprüft, etwa 15 Prozent als Strafe in Zwangsarbeiterlager gebracht. Ein Teil konnte direkt nach Hause, die meisten dienten aber weiterhin in der Armee oder wurden zum Wiederaufbau des Landes eingesetzt.

Die Verknüpfung von Kriegsgefangenschaft und „Verrat“ hatte aber noch viel langfristigere Auswirkungen. Viele der ehemaligen Kriegsgefangenen litten jahrzehntelang unter gesellschaftlichen Diskriminierungen, zum Beispiel bei der Berufs- oder Arbeitsplatzwahl.

Gibt es Erhebungen darüber, welche Nationalität unter den sowjetischen Kriegsgefangenen die größte Gruppe darstellte?

Während des Kriegs mobilisierte die Sowjetunion insgesamt etwa 34 Millionen Soldatinnen und Soldaten. Sie gehörten – entsprechend der multiethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung – Dutzenden von Nationalitäten an. Neben den russischen Armeeangehörigen bildeten die ukrainischen und die belarussischen Soldatinnen und Soldaten die zahlenmäßig größten Gruppen. Genauere Erhebungen liegen allerdings bisher nicht vor.

In der Ausstellung werden zwölf Biografien von sowjetischen Kriegsgefangenen dokumentiert, wodurch unterscheiden sich ihre Schicksalswege?

Ein zentrales Anliegen der Ausstellung ist es, viele verschiedene Perspektiven aufzuzeigen. Diese Multiperspektivität drückt sich auch in der Auswahl der Biografien aus. Sie zeigen exemplarisch die Vielfalt der sowjetischen Kriegsgefangenen, sowohl in Bezug auf ihre Ethnie – Russen, Ukrainer, Georgier, Kasachen, Tataren etc. – als auch auf ihre soziale Herkunft: vom Landarbeiter über den gelernten Schlosser bis hin zur Studentin oder zum Hochschulprofessor.

Auch ihre Schicksalswege unterscheiden sich bewusst. Es werden Personen vorgestellt, die durch Erschießungen oder Hunger ermordet wurden. Es gibt aber auch Beispiele für die Kooperation mit den Deutschen. Die Ausstellung möchte so zu einer differenzierten Betrachtung und einem respektvollen Erinnern beitragen.

Info: Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin wird am 22. Juni um 4 Uhr morgens an den Überfall auf die Sowjetunion erinnern. Die Neue Philharmonie Berlin wird das Adagio für Streicher von Samuel Barber aufführen und es werden 1418 weiße Luftballons in den Himmel aufsteigen. Sie symbolisieren die 1418 Tage der Dauer des „Großen Vaterländischen Krieges“.

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