Historiker: Belarus nutzt Antisemitismus als Propagandawaffe

  • Mit Beginn der Proteste gegen Machthaber Lukaschenko im Sommer 2020 hat in Belarus die Judenfeindlichkeit zugenommen.
  • Der Historiker Alexander Friedman beobachtet die Szenerie und führt Interviews mit Gegnern und Anhängern des Regimes.
  • Er sagt: Die Staatspropaganda will die oppositionelle Bewegung als Bestandteil einer Weltverschwörung diskreditieren.
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Alexander Friedman (41) stammt aus Minsk, ist Historiker mit Schwerpunkt Osteuropa und arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt der Humboldt-Universität Berlin. Nach dem Beginn der Proteste gegen Machthaber Alexander Lukaschenko in Belarus im Sommer 2020 hat er Interviews mit Befürwortern und Gegnern des Regimes geführt und Essays zum Thema „Revolution und Antisemitismus“ veröffentlicht. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sprach mit ihm.

Herr Friedman, nach Ihrer Beobachtung hat der Antisemitismus in Belarus seit Beginn der Proteste gegen das Regime stark zugenommen. Wie kommt das?

Eine Tendenz dazu hat es schon immer gegeben. Die Zahl der Menschen mit antisemitischen Einstellungen ist beträchtlich, die US-amerikanische Anti-Diffamierungs-Liga hat sie 2014 auf fast 40 Prozent geschätzt. Antisemitismus ist ein Problem in ganz Osteuropa. Allerdings war die Situation in Belarus lange Zeit sogar besser als beispielsweise in Polen oder in Rumänien. Aber mit Beginn der Proteste hat die staatliche Propaganda das Thema für sich neu „entdeckt“. Quasi als Hebel gegen die Opposition.

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Alexander Friedman stammt aus Minsk und lebt seit 2000 in Deutschland. Er ist Historiker mit Schwerpunkt Osteuropa. © Quelle: privat

In Belarus leben nach offiziellen Zahlen nur etwa 14.000 Juden bei 9,5 Millionen Einwohnern. Es geht um eine absolute Minderheit.

Ja, aber die staatliche Propaganda zielte von Anfang an darauf ab, die gesamte Protestbewegung als eine von außen gesteuerte Verschwörung zu diskreditieren. Eine zentrale Figur ist dabei der liberale französische Philosoph und Publizist Bernard-Henri Lèvy. Bei ihm „verrät“ schon sein Name, welcher Abstammung er ist, und er wurde schon früher – beispielsweise während der Ukraine-Proteste 2014 – als „Drahtzieher“ der Maidanbewegung bezeichnet und in Russland mit einem Einreiseverbot belegt.

Welche Rolle hat Lèvy bei den Protesten in Belarus gespielt?

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Direkt zunächst gar keine. Aber er hat sich schon sehr früh, im August 2020, in Vilnius mit der dorthin geflohenen Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja getroffen und danach ein großes Porträt in der Pariser Wochenzeitschrift „Journal du Dimanche“ über die „Muse der Revolution“ geschrieben.

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Lèvy hat mit seinen Veröffentlichungen unter anderem auch im Wall Street Journal dazu beigetragen, die europäische und die amerikanische Öffentlichkeit auf die Proteste in Belarus aufmerksam zu machen. Und nun hat er sich bei den von russischen Spezialisten angeleiteten belarussischen Staatspropagandisten den Titel „Blutrünstiger Geier der Farbenrevolution“ erarbeitet.

Antisemitische Hetze ist also vor allem auf bekannte Persönlichkeiten wie Lèvy und den Philantropen George Soros fokussiert?

Das war nur anfangs so. Im Fall Tichanowskaja wurde sehr bald das Gerücht gestreut, sie sei selbst jüdischer Herkunft oder sie habe die israelische Staatsbürgerschaft. Und dann werden solche Konstruktionen immer weiter ausgebaut, dass letztlich eine große jüdische Weltverschwörung hinter allem steckt. Dabei wird dann auch noch der Holocaust instrumentalisiert.

Wie muss man sich das vorstellen?

Das geschieht auf sehr subtile Weise. Die Protestbewegung marschiert unter der nationalen Fahne Weiß-Rot-Weiß, die Lukaschenko 1995 abgeschafft hat. Ihr Ursprung geht auf das Jahr 1918 zurück, als erstmals eine unabhängige Volksrepublik Belarus ausgerufen wurde. Allerdings wurde diese Fahne während der Nazizeit auch von belarussischen Kollaborateuren benutzt.

Und darauf hebt die Propaganda heute ab: Seht ihr, ihr benutzt die Fahne von Hitlers Helfern, die die Juden ermordet haben. Man könnte dazu vieles sagen. Vielleicht nur so viel: Die heutige blau-weiß-rote russische Trikolore wurde auch von sowjetfeindlichen Truppen verwendet, die in Hitler-Deutschlands Diensten standen.

Wie wirkt das alles auf die kleine jüdische Minderheit im Land?

Ich denke, die Menschen sind sehr verängstigt. Fast die Hälfte der Juden in Belarus ist über 55 Jahre alt. Es handelt sich also um überwiegend ältere Menschen, die bislang relativ ruhig und in stabilen Verhältnissen gelebt haben. Man darf nicht vergessen: Die wirtschaftliche Situation in Belarus war lange Zeit besser als in der Ukraine.

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Und nun macht die Propaganda den Menschen Angst: Wenn die Protestler gewinnen, dann werdet ihr so schlecht leben wie die Leute in der Ukraine. Und so gibt es auch unter den Juden Befürworter, die für Lukaschenko sind.

Wenn Sie den Antisemitismus in Belarus und in Russland vergleichen – gibt es da Unterschiede?

Die russische Strategie ist deutlich intelligenter und differenzierter. Zum Beispiel hebt man im Fall Nawalny hervor, dass er sich vor Jahren antisemitisch geäußert haben soll, um ihn im Westen zu diskreditieren. Oder wenn vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi die Rede ist, wird immer wieder hervorgehoben, dass er jüdischer Herkunft ist.

Andererseits sind heute in Russland Juden in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens präsent. Während es in der Sowjetzeit unter Leonid Breschnew unmöglich war, „ganz oben“ anzukommen, finden Sie heute zum Beispiel auch Juden unter den Oligarchen, die sehr viel wirtschaftliche Macht besitzen.

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Sie hatten von ihrer Wohnung aus die Proteste nach den Präsidentenwahlen live gefilmt und kommentiert.  © Reuters

Das heißt, Russland ist in dieser Frage liberaler?

Von offizieller Seite des Staates auf jeden Fall. Wladimir Putin ist vielleicht das judenfreundlichste Staatsoberhaupt in der russischen Geschichte. Aber in weiten Teilen der Gesellschaft gibt es auch hier antisemitische Einstellungen nach dem Motto „An allem Unglück sind die Juden schuld“.

Wenn zum Beispiel über den ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparov berichtet wird, der ein sehr scharfer Kritiker des russischen Regimes ist, dann wird von der Propaganda immer seine „nicht russische Herkunft“ herausgestellt. Das Schema ist in etwa: gute Juden sind für Putin, schlechte Juden sind für Selenskyi.

Werfen wir zum Abschluss noch einen Blick auf die Ukraine.

Dort gibt es wirklich eine lange Tradition des Antisemitismus und auch in der jüngeren Vergangenheit hat es starke rechtsradikale Bewegungen gegeben. Aber ich habe den Eindruck, das Bild in der Gesellschaft wandelt sich. Es gibt eine neue Generation, die europäisch denkt und sich für Geschichte interessiert, auch für die der Juden in der Ukraine. Das stimmt mich optimistisch.

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