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Herero-Aktivist kritisiert Einigung der Bundesregierung mit Namibia

  • Die Bundesregierung erkennt zum ersten Mal offiziell den Völkermord an den Herero und Nama an.
  • Vertreter der beiden Volksgruppen kritisierten das Abkommen jedoch bereits im Vorfeld.
  • Auch der in Deutschland lebende Herero-Aktivist Israel Kaunatjike zeigt äußert grundlegende Kritik
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Berlin. Der in Berlin lebende Herero-Aktivist Israel Kaunatjike hat die Einigung der Bundesregierung mit der Regierung Namibias zur Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama kritisiert. „Deutschland hat vor allem mit der namibischen Regierung verhandelt, aber nicht mit den authentischen Vertretern der Herero und Nama“, sagte Kaunatjike dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Dabei ist die namibische Regierung nicht legitimiert, für die Herero und Nama zu sprechen.“

Die Herero und Nama hätten das Recht, ihre Geschichte selbst zu verhandeln. „Indigene Völker haben einen Anspruch darauf, selber mit der Täterregierung zu verhandeln.“ An den Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia nahmen zwar auch Vertreter der Volksgruppen teil, jedoch waren nicht alle der Herero- und Nama-Organisationen eingebunden. Zwei dieser Organisationen, die Ovaherero Traditional Authorities und die Nama Traditional Leaders Association bezeichneten das erwartete Abkommen bereits Mitte Mai als Verrat durch die namibische Regierung.

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Der in Namibia geborene Israel Kaunatjike ist Teil des Bündnisses „Völkermord verjährt nicht“ und setzt sich seit mehr als 15 Jahren für die Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama durch das Deutsche Kaiserreich ein.

Vertreter der Herero und Nama fordern Reparationszahlungen

Kaunatjike kritisierte auch, dass in den Verhandlungen nicht über Reparationszahlungen, sondern „sondern über Versöhnung und das Heilen von Wunden“ gesprochen worden sei. Die Forderung nach Reparationen war auch von Herero- und Nama-Organisationen in Namibia aufgestellt worden. „Was nun beschlossen wurde, ist ein kleines Entwicklungshilfeprogramm, mit Reparationszahlungen hat das nichts zu tun“, sagte der Aktivist und Bildungsreferent. Einen Rechtsanspruch auf Entschädigung lehnt die Bundesregierung ab, hat sich nun aber zur Zahlung von 1,1 Milliarden Euro über einen Zeitraum von 30 Jahren bereit erklärt. Bundesaußenminister Heiko Maas bezeichnete das am Freitag als „Geste der Anerkennung des unermesslichen Leids, das den Opfern zugefügt wurde“.

Die namibische Regierung sei „korrupt und und in Geldnot“, sagte Kaunatjike. Er befürchte deshalb, dass die Zahlungen aus Deutschland von der Regierung in Windhoek missbraucht werden. Durch die Verhandlungen mit der namibischen Regierung seien außerdem die Nachfahren vertriebener Herero und Nama in Nachbarländern wie Südafrika, Botswana, Simbabwe oder Angola ausgeschlossen worden.

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Auch eine Entschuldigung durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im namibischen Parlament in Windhoek war am Freitag angekündigt worden. Bei Israel Kaunatjike stößt das auf Kritik. Ein gutes Vorbild sei der Kniefall Willy Brandts in Warschau. „Frank-Walter Steinmeier sollte nicht im namibischen Parlament sprechen, sondern an die Orte gehen, an denen Herero und Nama ermordet wurden.“

Linke: Entschädigungen wurden ausgeklammert

Die Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Amira Mohamed Ali, äußerte ebenfalls deutliche Kritik an der Bundesregierung. „Es ist beschämend, dass es mehr als 100 Jahre gedauert hat, bis Deutschland den vom deutschen Kolonialreich an den Herero und Nama verübten Massenmord als Völkermord einstuft und sich erst jetzt offiziell bei den Nachkommen der Ermordeten entschuldigt“, sagte sie dem RND. „Doch auch bei ihrem überfälligen Schuldanerkenntnis hat die Bundesregierung peinlich genau darauf geachtet, die Frage nach Entschädigung für die fast vollständige Auslöschung der Volksgruppen auszuklammern.“

Stattdessen versuche die Bundesregierung, „sich durch die Einrichtung eines sogenannten Wiederaufbauprogramms ein moralisches Mäntelchen umzuhängen und die von rassistischen Gräueltaten geprägte Kolonialvergangenheit billig zu bewältigen.“

Die 1,1 Milliarden Euro, die die Bundesregierung über 30 Jahre gestaffelt an Namibia zahlen will, seien nicht mehr, als ein Tropfen auf den heißen Stein.

„Eine Aufarbeitung und eine wirkliche Übernahme von Verantwortung für die von Deutschen in den ehemaligen deutschen Kolonien verübten Verbrechen steht weiterhin aus.“

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Das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im heutigen Namibia. Während des Herero-und-Nama-Kriegs von 1904 bis 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika begingen die deutschen Kolonialherren einen Massenmord, der als erster Genozid des 20. Jahrhunderts gilt. Historikern zufolge wurden etwa 65.000 von 80.000 Herero und mindestens die Hälfte der 20.000 Nama getötet.

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