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Virologe Streeck: Omikron erlaubt uns, mehr Infektionen zuzulassen

Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Bonn, steht in einem Labor seines Institutes.

Herr Streeck, die Erwartungen waren groß, dass der Expertenrat sich zur Quarantäneverkürzung und Kontaktbeschränkungen äußert. In der Stellungnahme ist jetzt aber fast nichts dazu zu lesen. Warum?

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Ich äußere mich nicht zu den Sachverhalten, die wir untereinander im Expertenrat besprechen. Wir haben ein vertrauliches Verhältnis. In unserer schriftlichen Stellungnahme weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass diese Welle nicht harmlos sein wird. Mit einem hohen Patientenaufkommen und Personalausfällen wird es zu erheblichen Belastungen in allen Bereichen des Gesundheitswesen kommen. Es kann sein, dass kurzfristige Verschärfungen der Maßnahmen notwendig werden. Welche Maßnahmen am Ende getroffen werden, ist eine Entscheidung der Politik.

In den vergangenen Tagen hieß es, dass es zu wenige Daten gebe, um das Infektionsgeschehen zu bewerten. Hilft es, wenn mehr Tests sequenziert werden?

Ich sehe das Problem weniger in der Sequenzierung, sondern in der generellen Datenerfassung in Deutschland. Andere Länder haben ein zentralisiertes Gesundheitssystem, wo genau erfasst ist, wie viele geimpft, getestet und infiziert sind. Das können wir nicht kurzfristig einführen, aber wir brauchen so etwas mittelfristig unbedingt auch in Deutschland. Hinzu kommt, dass andere Länder systematische, repräsentative Stichproben erheben, ganz egal ob die Person geimpft, genesen oder ungeimpft ist. Stellen Sie sich das so ähnlich vor wie die Fernsehquoten täglich erhoben werden. So bestimmt man recht gut die wahre Inzidenz und ist nicht abhängig von der Anzahl der Tests, die durchgeführt werden. In dieser Gruppe sollte man dann auch sequenzieren, um die Verteilung verschiedener Varianten zu bestimmen.

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Von Virologe Christian Drosten und Gesundheitsminister Karl Lauterbach kam der Einwand, dass die unvollständigen Daten zur Beurteilung der Situation ausreichen würden.

Unvollständige Daten sind und bleiben aber unvollständig, wenn man daran nicht arbeitet. Wir könnten viel genauere, robustere und vor allem nicht störanfällige Daten haben. Wir richten uns nach den Meldefallzahlen, die durch die Gesundheitsämter zusammengetragen werden. Zusätzlich könnten bei Kohortenstudien viel mehr Daten erfasst werden: Gibt es bestimmte Berufe, wo sich Geimpfte gehäuft anstecken? Gibt es einen Zusammenhang mit Wohnbedingungen? Und so weiter. Dadurch kann man mit der Zeit viel gezielter gegen die Pandemie vorgehen, als einfach alles zu beschränken, weil man es nicht besser weiß.

Mit Blick auf die wenigen Daten, die wir haben: Gehen Sie davon aus, dass die Pandemie auch in Deutschland bald vorbei sein wird? Dies hat die Epidemiologin Tyra Grove Krause für Dänemark geschätzt.

Ich will keine Vorhersage machen, wie sich das Infektionsgeschehen über den Sommer hinaus entwickeln wird. Wir wissen, dass die Fallzahlen zum Sommer hin sinken werden. Aber Vorsicht, in meinen Augen fängt dann die Arbeit erst an. Wir werden im Sommer sehr viel entspannter sein und Maßnahmen fallen lassen können. Aber wir wissen nicht, ob es im Herbst und Winter nicht wieder zu einem Anstieg kommen wird.

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Womit rechnen Sie angesichts der Omikron-Varianten denn kurzfristig? Kommt die oft zitierte „Omikron-Wand“ auch in Deutschland?

Ich finde es schwierig, mit solchen Superlativen zu sprechen. Irgendwann fällt einem kein weiterer Superlativ mehr ein. Deshalb sage ich nüchtern: Ich rechne mit sehr stark ansteigenden Fallzahlen. Wir haben zwar im Vergleich zu unseren Nachbarländern bereits vor der Welle mehr Maßnahmen ergriffen, aber es wird trotzdem zu einer großen Belastung für das Gesundheitssystem kommen. Insgesamt stehen wir derzeit aber besser da und ich bin zuversichtlich, dass wir mit der Belastung durch Omikron umgehen können. Klar ist jedoch, wir werden alle Kontakt mit dem Virus machen und wir müssen verstehen, dass dieses Virus nicht wieder aus der Gesellschaft herausgehen wird. Das Beste, das jeder von uns tun kann, ist, sich impfen zu lassen und Kontakte zu beschränken.

Ist die Omikron-Variante denn harmloser?

Nein, das bedeutet nicht, dass Corona jetzt zu einem harmlosen Virus geworden ist – ganz im Gegenteil. Es erkranken nach wie vor Menschen schwer, aber es sind weniger, die auf den Intensivstationen behandelt werden müssen. Das erlaubt uns, mehr Infektionen zuzulassen. Wir müssen nur berücksichtigen, wenn viele Menschen gleichzeitig krank sind, führt das zu einer Belastung der kritischen Infrastruktur.

Wenn sich so viele Menschen infizieren, braucht es dann überhaupt noch eine allgemeine Impfpflicht?

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Die Diskussion um eine Impfpflicht halte ich derzeit nicht für zielführend. Wir haben bei den über 60-Jährigen eine Impfquote von knapp 90 Prozent und die Kassenärztliche Vereinigung geht davon aus, dass die Impfquote sogar noch 5 Prozent höher sein könnte, weil nicht alle Impfungen erfasst wurden. Dazu kommen noch viele Genesene. Die Diskussion um eine Impfpflicht lenkt zu sehr von der unzureichenden Information und Kommunikation über die Impfungen ab. Eine Impfpflicht ersetzt keine guten Aufklärungskampagnen und Beratungsangebote.

Halten Sie denn in der gegenwärtigen Situation schärfere Kontaktmaßnahmen für notwendig?

Die Infektionszahlen sind in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen, obwohl wir bereits weitreichende Maßnahmen in Deutschland haben. Die Übertragungen finden vor allem in Privaträumen statt, nicht im Einzelhandel oder in Freizeiteinrichtungen. Deshalb wäre vieles, was die Politik im Moment kurzfristig beschließen könnte, in meinen Augen mehr Symbolpolitik. Wichtig ist, darauf zu achten, sich im häuslichen Umfeld nicht anzustecken. Drakonische Maßnahmen, wie Limitationen der Personenzahl zu Hause, Lockdowns oder Ausgangssperren halte ich im Moment nicht für zielführend.

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Geplant sind aber auch Lockerungen, wie die Befreiung von der Quarantänepflicht für geboosterte Kontaktpersonen. Ist das der richtige Schritt?

In der Tat haben Geboosterte in den ersten Monaten ein geringes Risiko, sich zu infizieren und das Virus weiterzugeben, dass eine Befreiung von der Quarantänepflicht vertretbar ist. Es handelt sich dabei um einen richtigen und pragmatischen Vorschlag, der vor allem auch darauf abzielt, die kritische Infrastruktur nicht zu überlasten. Doppeltgeimpfte müssen wissen, dass sie sich infizieren können. Daher ist jedem zu raten, sich nach drei Monaten boostern zu lassen.

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Aber die Antikörper gehen etwa drei Monate nach einer Booster-Impfung zurück, sagen Studien. Brauchen wir also ein Ablaufdatum für den Booster?

Ich denke nicht, dass wir ein Ablaufdatum benötigen. Denn es gibt zwei Arten von Schutz nach der Booster-Impfung: den Schutz vor dem schweren Verlauf und den Schutz vor der Infektion. Nach drei Monaten lässt vor allem der Schutz vor der Infektion nach. Aber der Schutz vor einem schweren Verlauf bleibt bestehen. Den abnehmenden Schutz vor einer Infizierung können wir hoffentlich bald vernachlässigen, wenn fast alle Geimpft sind. Langfristig stellt sich aber die Frage, wie oft man sich boostern lassen muss. Wir sehen in ersten Studien aus Israel, dass der Impfschutz nach der vierten Impfung, also dem zweiten Booster, auch wieder nachlässt.

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