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Heftige Vorwürfe gegen Steinmeier enden in versöhnlicher Geste

  • Der Besitzer des angegriffenen Döner-Ladens in Halle kritisiert den Bundespräsidenten.
  • Dieser habe seine Angestellten beim Ortstermin einfach ignoriert.
  • Doch die Geschichte eines Missverständnisses endet mit einer versöhnlichen Geste.
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Halle (Saale). Knatsch um den Besuch von Frank-Walter Steinmeier in Halle: Der Besitzer des Döner-Imbisses, in dem Stephan B. einen 20-Jährigen ermordete, hat sich über den Bundespräsidenten beschwert. Dieser habe sich nicht mit seinen Mitarbeitern unterhalten, die den Anschlag miterleben mussten.

Der Besitzer des betroffenen "Kiez Bistro" in Halle, Izzet Cagac, hatte sich nach Auskunft des Bundespräsidialamts über soziale Medien direkt an den Bundespräsidenten gewandt. Der Vorwurf des deutschen Staatsbürgers türkischer Herkunft: Steinmeier habe beim Kondolenz-Besuch des Döner-Ladens in Halle nicht mit seinen Mitarbeitern gesprochen, obwohl diese anwesend waren.

Steinmeier war vorigen Donnerstag nach Halle gereist und hatte unter anderem mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zunächst die Synagoge, später - mit weit geringerem Medienrummel - den Döner-Laden besucht. Cagac hatte zuvor in Posts in sozialen Medien auch deutlich sein Mitgefühl für die zwei Todesopfer zum Ausdruck gebracht.

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Mitarbeiter entgingen dem Tod nur knapp

Auch auf der Facebook-Seite des in Israel geborenen Comedian Shahak Shapira hinterließ Cagac eine Botschaft. Darin schrieb er unter anderem: "Wenn der Präsident eines Landes für die Opfer da ist, dann bitte für alle Opfer da sein." Seine Mitarbeiter stünden nach wie vor unter Schock. Er hätte auch zu ihnen ein, zwei Sätze sagen können. Das führte unter den Nutzern zu teils heftigen Reaktionen und zu Kritik am Bundespräsidenten.

Was war passiert? Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), telefonierte am Montag mit Ismet Tekin. Er ist Angestellter in dem Dönerladen und arbeitete zum Zeitpunkt des Anschlags gemeinsam mit seinem Bruder. Die beiden überlebten wohl nur, weil die Waffe des Killers nach seinem zweiten Mord eine Ladehemmung hatte.

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Ismet Tekin und sein Bruder seien auch zum Zeitpunkt des Besuchs von Steinmeier vor Ort gewesen, sagte der Angestellte dem RND. Sie gaben sich aber nicht zu erkennen. "Wir dachten, dass wir angesprochen werden", erklärte Tekin die Zurückhaltung. Die Männer standen unter den Schaulustigen, der Döner-Laden selbst ist seit dem Anschlag geschlossen. Er wird noch polizeilich untersucht. Später informierten die Brüder ihren Chef Izzet Cagac, der sich zum Zeitpunkt des Anschlags im Ausland aufhielt und dies noch immer tut. Cagac machte den Vorfall wiederum in den sozialen Medien publik.

Das Bundespräsidialamt war mit Kontakt-Versuchen zunächst gescheitert

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"Hätten wir gewusst, dass die Mitarbeiter vor Ort waren, hätte der Bundespräsident sie natürlich angesprochen", sagte eine Sprecherin Steinmeiers dem RND. "Wir wussten das nicht." Zudem habe man im Vorfeld des Besuchs wiederholt erfolglos versucht, Kontakt zu dem Imbiss-Besitzer aufzunehmen. Der Bundespräsident habe ausdrücklich von einem Anschlag auf Minderheiten - also Mehrzahl - gesprochen.

Kurios: Die beiden Imbiss-Mitarbeiter hatten noch kurz vor dem Steinmeier-Besuch mit einer Reihe von Journalisten gesprochen. Doch offenbar hatte niemand das Team des Bundespräsidenten darüber informiert.

Am Montagnachmittag kam es schließlich doch noch zu einem Telefonat zwischen Steinmeier und Cagac. Der Bundespräsident habe ihm und seinen Mitarbeitern eine rasche Erholung von dem Schock gewünscht und seine Solidarität bekundet, sagte seine Sprecherin dem RND.

Cagac bedankt sich bei Steinmeier

Cagac schrieb im Anschluss an das Gespräch auf Facebook: "Nach einem langen Gespräch mit unseren Präsident Herr Steinmeier bin ich sehr dankbar. Herr Präsident ich danke Ihnen für die schönen Sätze. Für Ihre weisen Worte. Ich danke Ihnen für den Anruf und Gespräch." Wenig später schrieb er: "Sie haben mich und ganz Deutschland damit gestärkt und Mut gemacht, weiter zu machen."

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Und in der Tat: Ermutigung kann der Geschäftsmann gut gebrauchen. Internet-Trolle haben nach der Schießerei bei Google negative Fake-Rezensionen über den Döner-Laden in Halle veröffentlicht. Zudem lud jemand bei den Fotos einen Screenshot aus dem Video hoch, das der Mörder von seinem Verbrechen angefertigt hatte.

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