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Hausärztin auf St. Pauli: „Prekäre Wohnverhältnisse müssen geändert werden“

  • Das Coronavirus ist besonders in strukturell benachteiligten Stadtteilen ein Problem.
  • Jana Husemann ist Hausärztin im Hamburger Viertel St. Pauli und erklärt im RND-Interview, wie erfolgreich die Impfkampagne ist.
  • Zudem erzählt sie, wie Wohnungslose besser erreicht werden können und warum jeder gerade in diesen Zeiten einen Hausarzt haben sollte.
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Hamburg. Zahlen aus Köln und Hamburg belegen, dass das Coronavirus vermehrt in sogenannten sozialen Brennpunkten grassiert. Warum das so ist, wie man das Problem lösen kann und inwiefern die Impfkampagne Menschen in strukturell benachteiligten Vierteln erreicht, erklärt die Hamburger Hausärztin Jana Husemann, die auf St. Pauli eine Praxis führt, im RND-Interview.

Frau Husemann, Sie arbeiten als Hausärztin mitten auf St. Pauli. Wie schwer trifft das Coronavirus das Viertel?

Der Bezirk Hamburg Mitte, zu dem St. Pauli gehört, ist sehr groß gefasst. Deswegen gibt es zu St. Pauli direkt keine Infektionszahlen. Der Bezirk Mitte hat aber im Vergleich zu vielen anderen Stadtvierteln erhöhte Inzidenzen.

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Woran liegt das?

Im Bezirk Hamburg-Mitte gibt es einige Stadtviertel, in denen finanziell schwache Menschen in beengten Wohnverhältnissen leben. Vor allem auch Menschen, die Jobs haben, die nicht im Homeoffice ausgeübt werden können. Die sind einer höheren Ansteckungsgefahr ausgesetzt, weil sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren müssen oder im Job viel Kontakt mit Menschen haben.

Außerdem arbeiten viele Menschen aus St. Pauli in der Gastronomie und der Veranstaltungsbranche, die sind durch die Maßnahmen schwer getroffen und in finanzielle Not geraten.

Jana Husemann ist Hausärztin auf St. Pauli und Vorsitzende des Hamburger Hausärzteverbands. © Quelle: Axentis.De / Georg J. Lopata
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Welche Menschen sind noch stark vom Virus betroffen?

Ich vermute, dass Menschen mit Migrationshintergrund mehr betroffen sind, weil sie oft auch zu den finanziell Schwachen gehören. Dazu gibt es aber keine Zahlen. Das hat mit den Wohnverhältnissen und den Lebensumständen zu tun und nicht mit der Herkunft.

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Wie gut sind Ihre Patienten auf St. Pauli über das Virus und die aktuelle Lage informiert?

Es gibt Patientinnen und Patienten, die wirklich gut informiert sind und seriöse Quellen heranziehen. Manche ziehen aber auch weniger seriöse Quellen heran und konsumieren andere Medien als zum Beispiel die Öffentlich-Rechtlichen.

Konfrontieren die Patienten Sie auch mit Unwahrheiten?

Unsere Patientinnen und Patienten kommen selten zu uns mit Unwahrheiten. Die Haltung unserer Hausarztpraxis ist bekannt: Falls es Corona-Leugner oder Querdenker bei uns in der Praxis gibt, geben sich diese nicht zu erkennen. Nur drei- bis viermal kam es vor, dass Patienten keine Maske in der Praxis tragen wollten und die Hygienemaßnahmen infrage stellten.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Sie impfen in Ihrer Praxis gegen das Coronavirus. Wie hoch ist die Nachfrage?

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Die Nachfrage ist sehr hoch und sie steigt immer weiter. Am Anfang war für die Patientinnen und Patienten klar, dass wir nach Priorisierungsgruppen impfen, weswegen sie sich zurückhielten. Seitdem bekannt ist, dass andere Bundesländer Astrazeneca freigegeben haben und dass Praxen Nachrückerlisten haben, melden sich immer mehr Patienten bei uns.

Klingelt das Telefon dann ununterbrochen?

Das hohe Telefonaufkommen wird immer mehr zur Belastung. Dazu kommen zahlreiche Faxe und E-Mails rein. Wir wollen deswegen auf eine Onlineterminvergabe umstellen, weil wir neben den Impfungen auch weiter unseren normalen Praxisalltag machen müssen und das Telefon auch für andere Dinge benötigen.

Wie viele Dosen verimpfen Sie in der Woche?

Wir konnten die Impfungen langsam steigern. Zu Beginn war die Bestellmenge sehr begrenzt. Mittlerweile verimpfen wir Freitags knapp 100 Dosen – den Vormittag bis in den Nachmittag.

Wie viele Mitarbeiter sind am Impftag eingesetzt?

Am Freitag arbeiten zwei Ärztinnen und Ärzte, eine Ärztin in Weiterbildung und drei Medizinische Fachangestellte, um den Impfablauf zu gewährleisten. Eine medizinische Fachangestellte kümmert sich um die Termine und koordiniert die Warteliste. Die Nachrücker müssen innerhalb von 30 Minuten in der Praxis sein.

Wie läuft die Impfung ab?

Die Patientinnen und Patienten müssen den Aufklärungsbogen vor dem Termin bei uns in der Praxis abholen oder im Internet herunterladen und durchlesen. Wenn sie in der Praxis sind, wird die Krankenkassenkarte eingelesen, der Impfpass abgegeben, und dann gehen sie in eines der drei Impfzimmer. Sie werden gefragt, ob sie noch Fragen haben, außerdem machen wir eine kurze Anamnese.

Die meisten Impfwilligen haben aber keine Fragen mehr – sie möchten einfach geimpft werden. Dann bleiben sie noch eine Viertelstunde im Wartezimmer oder vor der Tür. So gehen wir sicher, dass sie keine Kreislaufbeschwerden oder allergische Reaktionen haben. Das ist übrigens noch nie vorgekommen. Dann dürfen sie nach Hause gehen.

Haben Ihre Patienten Vorbehalte gegenüber der Impfung?

Beim Astrazeneca-Impfstoff gibt es eine große Skepsis und viele Vorbehalte. Es hat mehrere Stunden gedauert, bis wir für den Astrazeneca-Impfstoff alle Termine vergeben konnten.

Wovor haben sich die Patienten bezüglich Astrazeneca gesorgt?

Sie hatten Angst vor Nebenwirkungen, obwohl sie über 60 Jahre alt waren und keine Risikofaktoren auf sie zutrafen. Der Impfstoff ist durch Medienberichte in Verruf geraten – was man niemandem direkt vorwerfen kann – aber die Vorurteile sind in den Köpfen der Menschen hängen geblieben.

Auf St. Pauli gibt es viele Suchtkranke und strukturell Benachteiligte. Erreicht die Impfkampagne auch diese Menschen?

Ich kann mir vorstellen, dass es schwieriger ist, Menschen zu erreichen, die harte Drogen konsumieren. Weil wir nicht substituieren, haben wir diese Patienten zum Beispiel nicht. Aber es gibt einige Alkoholkranke, die bei uns in der Praxis angebunden sind – diese Menschen erreichen wir gut. Es ist zurzeit von Vorteil, eine Hausarztpraxis zu haben und dort bekannt zu sein.

Es gibt aber auch einige Menschen, die keinen Hausarzt haben.

Ja, aber ich empfehle jedem, sich nun eine Hausärztin oder einen Hausarzt zu suchen. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, dass es viele Wohnungslose gibt, die keinen Zugang zu Hausarztpraxen oder einer guten medizinischen Versorgung haben.

Unabhängig von Corona ist übrigens bekannt, dass Armut die Lebenserwartung verringert, in der Pandemie gerät dies nun mehr in den Fokus. Das sollte jetzt zum Anlass genommen werden, langfristig etwas an den prekären Wohn- und Lebensverhältnissen zu ändern.

Wären für Wohnungslose nicht auch mobile Impfteams zum Beispiel auf dem Spielbudenplatz sinnvoll?

Mobile Impfteams auf großen Plätzen auf St. Pauli für Wohnungslose wären eine Option. Die Obdachlosenunterkünfte, die eine medizinische Versorgung anbieten, könnten auch mit Impfstoff ausgestattet werden.

Uns gibt die Zulassung des „Johnson & Johnson“-Impfstoffs Hoffnung, weil dieser nur einmal verimpft werden muss und sich deswegen für Wohnungslose anbietet.

Sonst sind wir auf St. Pauli mit Hausarztpraxen gut aufgestellt. Deswegen plädiere ich dafür, die Impfstoffmenge für die Hausarztpraxen weiter zu erhöhen. Das wurde bereits für Praxen in finanziell schwachen Vierteln gemacht – sie haben hundert Dosen extra bekommen. Andere Hausarztpraxen sollten aber auch mehr Impfstoff bekommen.

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