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  • "Hart aber fair" über Schlachthöfe: Bundesarbeitsminister Heil im TV-Talk zu Billigfleisch und Fleischindustrie

Heil bei “Hart aber fair”: Auch Geringverdiener müssen sich ein Stück Fleisch kaufen können

  • Bundesarbeitsminister Heil verteidigt im TV-Talk von Frank Plasberg das Vorgehen der Regierung, die Situation der Beschäftigten in der Fleischindustrie verbessern zu wollen.
  • Grünen-Chef Habeck wird zum Anwalt der Tiere.
  • Ein Unternehmer verpatzt seinen Auftritt: Erst stolpert er in die Sendung hinein, dann trampelt er mit einem unrühmlichen Spruch aus ihr heraus.
Tobias Dinkelborg
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Berlin. Knapp drei Wochen ist es her, da stellte sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in Berlin vor die Mikrofone und rechnete mit Teilen der Fleischindustrie ab. “Für ein Geschäftsmodell, das die Ausbreitung von Pandemien in Kauf nimmt, kann es keine Toleranz geben”, sagt er.

Da hat Heil gerade Details der vom Kabinett beschlossenen Eckpunkte des “Arbeitsschutzprogramms für die Fleischwirtschaft” vorgestellt. Die sehen unter anderem eine Anstellung aller Arbeitnehmer, schärfere Kontrollen und das Verbot von Werkverträgen vor.

Die Missstände auf so manchen Schlachthöfen sind zwar schon seit Langem weithin bekannt. Doch nun gibt es einen konkreten Katalysator: das Coronavirus. In zahlreichen Betrieben ist es zu Infektionsausbrüchen gekommen, verursacht durch schlechte Arbeitsbedingungen, Subunternehmen und Sammelunterkünfte, in denen die hauptsächlich osteuropäischen Beschäftigten untergebracht werden.

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Wie erwähnt: Drei Wochen sind inzwischen ins Land gegangen, und eigentlich schien die Debatte schon wieder so gut wie verschwunden aus der Öffentlichkeit. Doch am Montagabend hat sie Frank Plasberg bei “Hart aber fair” noch einmal angeschoben. Der kunstvolle Titel der Sendung lautete: “Corona im Schlachthof – sind uns Mensch und Tiere wurst?”

Die Gäste

Hubertus Heil: Der Bundesarbeitsminister und SPD-Politiker sagt: “Wir werden in der Fleischindustrie – beim Arbeitsschutz – aufräumen und dort würdige Zustände schaffen.”

Robert Habeck: Der Grünen-Chef findet: “Preise für Fleisch oder Milch, die unter den Produktionskosten der Bauern liegen, sind schlicht eine Schweinerei. Deshalb brauchen wir Mindestpreise.”

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Max Straubinger: Der CSU-Bundestagsabgeordnete betont: “Ich bedauere den Preisdruck in der Landwirtschaft, aber der Verbraucher entscheidet letztendlich an der Theke über die Marktpreise, nicht die Politik. Das ist Marktwirtschaft.”

Heiner Manten: Der Vorsitzende des Verbandes der Fleischwirtschaft wettert: “Das geplante Verbot von Werkverträgen in Fleischbetrieben ist eine willkürliche Diskriminierung unserer Branche. Ich vermisse die Auseinandersetzung mit den Fakten.”

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Grüne und SPD für „Fleischsteuer“ – und auch die CDU zeigt sich offen
1:23 min
Agrarpolitiker von SPD und Grünen haben sich für eine höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch ausgesprochen. Sie unterstützen damit einen Vorstoß des Tierschutzbundes  © dpa

Anette Dowideit: Die Investigativjournalistin der “Welt am Sonntag” sagt: “Jetzt soll in Fleischbetrieben mehr kontrolliert werden, um Missstände aufzudecken. Das hört sich gut an, aber wer soll das machen? Die Behörden sind doch jahrelang kaputtgespart worden.”

Manfred Götzke: Der “Deutschlandfunk”-Reporter bekräftigt: “Die rumänischen Beschäftigten können sich nicht vorstellen, dass sie in Deutschland ausgebeutet werden.”

Holpriger Start in den Abend

Der Start in den Abend verläuft stockend, vor allem für Heiner Manten. Der Vorsitzende des Verbandes der Fleischwirtschaft will die Bedingungen in der Fleischindustrie verteidigen, das ist aufgrund seiner Funktion und der Rolle als Unternehmer kein Wunder. Doch das klappt nur bedingt. Manten verliert schnell den Faden, stammelt vor sich hin. Das ist nicht verwerflich, Nervosität gehört manchmal dazu. Doch ein gelungener Start in die Sendung, in der er wortgewandten Politikern wie Heil und Habeck gegenübersteht, sieht anders aus.

Dass Manten nach einer provokativen Eingangsfrage von Moderator Plasberg etwas aufgewühlt ist, merkt der TV-Talker immerhin und führt ihn wieder in die Spur. Einigermaßen erfolgreich. Das Übel, sagt Manten dann, seien nicht zwingend die Werkverträge, sondern die Arbeitsbedingungen. Allerdings sei das Problem auch nicht “allein in den Betrieben zu suchen”.

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Ein Aspekt, den in der Runde sicherlich nicht jeder unterschreiben würde. Mit Ausnahme des CSU-Politikers Straubinger, Mantens Verbündetem in der Runde. “Ich glaube nicht, dass grundsätzlich was schiefläuft”, sagt der. Das leitet er daraus ab, dass es lediglich in zehn Betrieben zur problematischen Anhäufung von Corona-Fällen gekommen sei.

Die Ursache dafür sieht er nicht in den schlechten Arbeitsbedingungen. Der Grund sei vielmehr, dass “Mitarbeiter in den Unterkünften viel zu eng beisammen sind”. Verschiedene Meinungen also unter den Diskutanten, nichts Neues. Allein: Final beantwortet wird die Frage anschließend leider nicht.

Plasbergs Verstoß gegen die Abstandsregeln

Stattdessen geht es weiter mit dem wohl ersten Corona-Verstoß im deutschen Talkshowwesen. Begangen von Moderator Plasberg. Als Manten – der wirklich keinen leichten Stand hatte, sich das Leben mit Ausflüchten und Gegenfragen aber auch oft selbst schwer machte – wieder zur Verteidigung ausholt, greift Plasberg ein.

“Das ist hier kein Tribunal”, sagt er und geht versöhnlich auf Manten zu. Er stützt sich auf dessen Tisch. Abstand zwischen den Köpfen der beiden Männer: geschätzte zwanzig Zentimeter. Und plötzlich legt Plasberg den Fleischunternehmer – natürlich nur im übertragenen Sinne – ins Federbett. “Ich möchte nicht, dass es Ihnen schlecht geht”, betont er. Und: “Ich weiß, dass Sie ein feiner Kerl sind.”

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Der Moderator mutmaßt, dass sich Manten von einer PR-Agentur auf seinen Auftritt hat vorbereiten lassen. Stimmt das, so muss man festhalten: Diese Zeit hätte der Unternehmer lieber besser genutzt. Jedenfalls sagt Plasberg: “Vergessen Sie, was man Ihnen gesagt hat. Sprechen Sie für sich.”

Das klingt fast schon philosophisch, und nach dieser kleinen Unterredung geht es dann auch wieder um die Sache. Dowideit erzählt von ihren Recherchen und ihrem Einblick hinter die finanzielle Fassade der Fleischindustrie. Ein Zerleger, also ein Fleischverarbeiter, der etwa beim stark in die Schlagzeilen geratenen Unternehmen Westfleisch angestellt sei, erhalte 13,61 Euro pro Stunde – plus Zuschläge. Wer jedoch in einem Werksvertragverhältnis stehe, bekomme nur den Mindestlohn von 9,35 pro Stunde.

Habeck kämpft für die Tiere

Das ruft Grünen-Chef Habeck auf den Plan, der sich – wie sich im weiteren Verlauf des Abends herausstellt – aber offenbar nicht so sehr um das Wohl der Beschäftigten, sondern mehr um das Wohl der Tiere sorgt. Jedenfalls sagt er zu den von Dowideit genannten Zahlen: “Das ist kein Zufall, sondern ein Geschäftsmodell. Wir sind ein Dumpingschlachtland geworden. Deutschland hat mit Absicht die Niedrigfleischbranche eingeführt.”

Darauf bezieht sich Bundesarbeitsminister Heil später und merkt an: “Ein höherer Fleischpreis macht keinen Lohn eines rumänischen Arbeiters besser.” Das Geld würden sich andere in die Tasche stecken. Und weil man irgendwo anfangen müsse, habe sich die Regierung nun eben dazu entschieden, bei den Beschäftigten den Hebel anzusetzen und deren Arbeitsbedingungen zu korrigieren.

Dadurch, betont Heil, würden “die Preise für Fleisch nicht in die Höhe getrieben”. Denn: “Es muss auch ein Geringverdiener in der Lage sein, sich ein Stück Fleisch zu kaufen.” Ob Habeck diesen Satz gerne gehört hat? Das darf man getrost bezweifeln.

Und auch Manten weist Heil fast im selben Atemzug zurecht. Der Unternehmer, der im Laufe der Sendung sattelfester wird, wirft dem Minister vor, einen Fünf-Punkte-Plan von ihm missachtet zu haben. Heil scheint damit gerechnet zu haben, kramt ein Stück Papier (klar, den Fünf-Punkte-Plan) aus der Tasche seines Jackets und zerpflückt die Kritikpunkte Mantens in der Luft. Zwei Beispiele: Punkt eins sei eine “Nebelkerze”, in Punkt zwei werfe er dem SPD-Politiker fehlende Gesprächsbereitschaft vor. “Aber ich bin gesprächsbereit.”

Als Manten anschließend Heil einlädt, sich die Gegebenheiten in seinem Betrieb einmal anzusehen und sich davon zu überzeugen, wie vorbildlich dort gearbeitet werde, sagt das Regierungsmitglied sofort zu. “Ich komme.” Damit hat der Fleischunternehmer nicht unbedingt gerechnet. Doch demnächst erhält er prominenten Besuch. Denn Heil nimmt solche Verabredungen regelmäßig wahr.

Straubinger und der Weg aus der “Schmuddelecke”

Den Schlussblock der Sendung bildet die Debatte über Fleischpreise in Supermärkten, und da wird Habeck noch einmal wach. Täglich würden 11.000 Schweine sterben, ohne gegessen zu werden. “Die landen in der Mülltonne. Das ist ein Fehler im System.” Genau wie die Möglichkeit von Discountern, Fleischpreise im Angebot drastisch zu reduzieren, um Kunden anzulocken – und dann “Wattepads” zu verkaufen, wie der Grünen-Chef erbost sagt.

Er fordert schärfere Regeln durch die Politik und erhält Unterstützung von Dowideit. Die Journalistin spricht von einem “Marktversagen”, wenn sich Verbraucher für billiges Fleisch entschieden, obwohl es hochwertigere und hochpreisigere Angebote gebe. “Da ist es legitim zu sagen, hier greift man in den Markt ein.” Und Straubingers Abschlussforderung lautet: “Wir brauchen einen branchenbezogenen Mindestlohn von 12 Euro, dann stehen wir nicht mehr in der Schmuddelecke.”

Kurz vor dem Ende des Talkabends leistet sich dann Manten noch einen schweren Ausfall. Als Plasberg eher humorvoll seine Schlussfrage stellt, welcher der Diskutanten (wenn er müsste) mit wem zusammen in einem engen Kastenstand im Schweinestall leben wolle, antwortet der Unternehmer: In einem Flugzeug habe er mal neben zwei “dicken” Menschen gesessen und wenig Platz gehabt. Deshalb wähle er die Journalistin Dowideit. Vermutlich weil sie so schlank sei, eine andere Interpretation lässt diese Aussage nicht zu.

Das Fazit

Sie rundete aber den schwachen Auftritt Mantens ab. Natürlich steckte er in der schwersten Rolle, doch er füllte diese auch nur unzureichend aus. Robert Habeck sorgte sich – natürlich berechtigt – um das Tierwohl, vernachlässigte darüber allerdings größtenteils den Arbeitsschutz und die Bedürfnisse der Beschäftigten. Darauf fokussierte sich wiederum Heil, der beide Aspekte insgesamt besser unter einen Hut brachte und verbale Angriffe von verschiedenen Seiten abwehrte.

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