• Startseite
  • Politik
  • “Hart aber fair”: Heil ist auf Unternehmen wie Adidas “stinksauer”

“Hart aber fair”: Heil ist auf Unternehmen wie Adidas “stinksauer”

  • Bundesarbeitsminister Hubertus Heil unterstreicht bei “Hart aber fair” noch mal seine Wut über die Ankündigung des Unternehmens, die Mietzahlungen für seine geschlossenen Läden auszusetzen.
  • Eine Wirtschaftspsychologin und eine Busunternehmerin loben derweil die Maßnahmen und das Handeln der Politik.
  • Doch die Frage des Abends bleibt unbeantwortet.
Tobias Dinkelborg
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Am Dienstagmittag wird Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) einige hundert Kilometer hinter sich gebracht haben. Um 14 Uhr spricht er mit Detlef Scheele, dem Vorsitzenden des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit, vor der Berliner Hauptstadtpresse über die Lage am deutschen Arbeitsmarkt.

Um ein ganz ähnliches Thema ging es bereits am Montagabend. Da hielt sich Heil nämlich für einige Stunden in Köln auf. Frank Plasberg hatte – wie in den vergangenen Wochen seit Beginn der Corona-Krise üblich – zu einer zweistündigen Extraausgabe seiner Talkshow “Hart aber fair” geladen, auch den Bundesarbeitsminister.

+++Immer aktuell: Hier geht’s zum Corona-Liveblog+++

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Denn im Kampf gegen den neuartigen Erreger geraten viele Menschen in Existenznot. Wie lange Betriebe und Selbstständige durchhalten, ist ungewiss. Daher diskutierte die Runde bei Plasberg über die Frage: “Das Virus befällt die Wirtschaft: Wie viel bleibt von unserem Wohlstand?”

Video
Wieso der Föderalismus zur Corona-Krise in der Kritik steht
1:43 min
In der Corona-Krise wird die Kritik am Föderalismus in Deutschland lauter. Welche Auswirkungen hat das dezentrale System auf den Umgang mit der Pandemie?  © Tobias Dinkelborg/RND

Die Gäste

Hubertus Heil: Der Arbeitsminister sagt: “Ich kann nicht versprechen, dass jeder Arbeitsplatz gesichert ist, aber wir kämpfen darum und haben auch ganz viele Möglichkeiten, Existenzen zu sichern. Deutschland ist finanziell bestens gerüstet für diese Krise.”

Anzeige

Dagmar Schulz: Die Unternehmensberaterin für Existenzgründer erläutert: “Aus meiner Sicht ist es mit KfW-Krediten nicht getan. Es müsste eine Art Fonds, ein Rettungsschirm aufgelegt werden, mit dem gerade die kleinen Unternehmer unterstützt werden.”

Susanne Herold: Die Professorin für Lungen-Infektionskrankheiten am Universitätsklinikum Gießen und Leiterin der Infektiologie sagt: “Wer fordert, dass einfach nur die Alten und Kranken zu Hause bleiben sollen, und alle anderen dürfen raus, hat es einfach nicht verstanden. Es geht nicht um den Einzelnen, sondern um eine ganze Population, die sich durchinfizieren wird.”

Anzeige

Eva Schulte-Austum: Die Wirtschaftspsychologin findet: “Natürlich muss die Politik helfen, aber ich sehe jeden von uns in der Pflicht. Wir können nicht darauf warten, dass der Staat schon alles regelt, sondern wir haben auch eine Eigenverantwortung.”

Bettina Sieckendiek: Die Chefin eines Familienunternehmens für Bustransport und Reisen sagt: “Wir kleinen Mittelständler brauchen auch Soforthilfen, keine Kredite. Noch fallen wir mit unseren 90 Mitarbeitern durch das Raster des Hilfspakets.”

Unsicherheit und Brücken

Die Frage nach dem Wann stellte Moderator Frank Plasberg gar nicht erst. Zum Glück. Denn wann die Normalität wieder Einzug in den Alltag erhält, kann niemand seriös sagen. Viele Talkrunden haben sich daran in den vergangenen Tagen und Wochen die Zähne ausgebissen, natürlich ohne Ergebnis.

Stattdessen wollte Plasberg von der Infektiologin Susanne Herold wissen, wie sie mit der Unsicherheit umgehe. Die Antwort geriet zunächst ein bisschen schief und zielte eher darauf ab, wie sich Kliniken für die Zukunft rüsten. Doch nach vorsichtigem Nachhaken sagte Herold: “Wir wissen auch nicht, wie schlimm es wird und wie lange es dauert.” Sprich: Die führenden Wissenschaftler der Republik können sich von einem gewissen Grad an Ungewissheit ebenfalls nicht freimachen.

Anzeige

Zumal Herold ergänzte, es könne sein, “dass es im Herbst noch einmal wieder richtig losgeht”. Deshalb sei das einzig mögliche: “Abwarten, ob das eine große oder nicht so große Welle wird.” Dabei lächelte sie verlegen. So richtig kann die Dauer eben niemand abschätzen.

Arbeitsminister Hubertus Heil inszenierte sich trotz aller Unsicherheit als Brückenbauer. Und zwar jener Brücken, die dafür sorgen, dass “die Leute nicht vor die Tür gesetzt werden”. Auf die Frage Plasbergs nach der Quelle, aus der die versprochenen Wirtschaftshilfen sprudeln, sagte Heil für seinen Fachbereich: “Wir haben bei der Bundesagentur für Arbeit Rücklagen von 26 Milliarden Euro. Das sind Rücklagen aus der Sozial- und der Arbeitslosenversicherung.” Man habe in den guten Zeiten vernünftig gehaushaltet.

Leben als Mittelständler

Plastisch erzählte Bettina Sieckendiek von ihrer aktuellen Situation. Die Chefin eines Busunternehmens berichtete, sie habe die “Kostenbremse gedrückt, Busse abgemeldet, normale Reisen abgesagt”. Lediglich im öffentlichen Nahverkehr gebe es noch vereinzelte Aufträge. Die Belegschaft hat sie in die Kurzarbeit schicken müssen, und das ging Sieckendiek merklich nahe. “In unserer 50-jährigen Geschichte gab es das noch nie”, sagte sie wehmütig.

Ob sie nun Angst habe, dass ihr Erbe im Angesicht der Krise zerrinne, fragte Plasberg. Die Antwort ließ Kämpferwillen durchschimmern. “Ich denke ich nicht daran”, betonte Sieckendiek. “Vielleicht werden wir kleiner, aber wir wollen auf jeden Fall weitermachen. Und das werden wir auch.”

Lob für die Politik

Anzeige

Politiker werden nicht häufig mit Lob bedacht, doch in der Corona-Krise scheint sich das tatsächlich zur Gewohnheit zu entwickeln. “Die demokratischen Parteien haben an Vertrauen gewonnen”, sagte die Wirtschaftspsychologin Eva Schulte-Austum. Die Politik mache vieles richtig und gebe den Bürgern das Gefühl, sich tatsächlich und ohne Augenwischerei um sie zu kümmern. “Was in der Vergangenheit vermisst worden ist, ist heute spürbar.”

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen

Busunternehmerin Siekendiek stieß ins selbe Horn. “Ich ziehe den Hut davor, was die Regierung und die Minister in kurzer Zeit geleistet haben”, sagte sie. Das funktioniere gut. “Wenn man Hilfe hat, ist das eine gewisse Motivation, weiterzumachen.” Das hat einen Teilnehmer des Talks vermutlich besonders gefreut, auch wenn SPD-Politiker Heil die Komplimente relativ nüchtern zur Kenntnis nahm.

Heils Appell

Anschließend musste der Arbeitsminister etwas loswerden, nachdem Schulte ihm mangelnde Kommunikation und Information vorgeworfen hatte. Etliche Antragsteller des Kurzarbeitergeldes seien an abgestürzten Servern gescheitert und hätten endlos in Warteschleifen gehangen.

Daraufhin sagte Heil: “Man erlebt gerade ganz viele Heldinnen und Helden, manchmal auch in den Verwaltungen.” Die dürfe man nicht mit Vorwürfen zuschütten. “Schreiben Sie lieber mir einen Brief. Ich kann das aushalten. Aber nicht den Kolleginnen und Kollegen in den Jobcentern und Arbeitsagenturen.” Es handele sich in den Behörden um Menschen, die anderen helfen wollten.

Heils Wut

Wie der SPD-Politiker auf die – inzwischen teilweise revidierte – Ankündigung von großen Unternehmen wie Adidas reagiere, die Mietzahlungen für die wegen der Corona-Krise geschlossenen Ladengeschäfte im April auszusetzen, wurde er gefragt. “Ich bin stinksauer”, wütete er. “Solche Unternehmen haben Rücklagen.”

Das Gesetz, wonach Mietern wegen Zahlungsrückständen infolge der Pandemie drei Monate lang nicht gekündigt werden darf, solle Menschen zugute kommen, die in Zahlungsschwierigkeiten sind. Die Regelung bezieht sich auf Wohn- und Gewerbemieten und gilt zunächst bis Ende Juni.

“Ich bin froh, dass die öffentliche Empörung am Wochenende schon zu Verhaltensänderungen geführt hat”, ergänzte Heil. “Wer die Vorteile dieses Landes nutzt, und das sind wir alle, der hat eine Verpflichtung, seine eigenen Interessen nicht über alles zu stellen.”

Und er ging sogar noch einen Schritt weiter: “So etwas egoistisch voll durchzuziehen, ist etwas, was die Gesellschaft nicht braucht.” Nun müsse geklärt werden, ob das Verhalten sogar ein juristisches Nachspiel haben könnte.

Fazit

Bundesarbeitsminister Heil hatte erwartungsgemäß den meisten Redeanteil und legte einen guten Auftritt hin. Als er zwischenzeitlich ein-, zweimal husten musste, wiegelte er die besorgten Blicke der Runde umgehend ab: “Keine Angst, ich habe mich nur verschluckt.”

Sehr empathisch stellte die Busunternehmerin Siekendiek mit ihrem Beispiel die Situation von Mittelständlern da. Sie bereicherte den Talk mit ihrer ruhigen, gefühlvollen Art.

Die Frage des Abends, wie viel deutscher Wohlstand die Krise überleben werde, blieb indes offen. Doch eine wirkliche Antwort darauf gibt es ehrlicherweise auch gar nicht.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen