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“Hart aber fair”: Der Fall Tönnies und das “Fukushima der Fleischindustrie”

  • Für die letzte Ausgabe vor der Sommerpause hatte die ARD-Talkshow “hart aber fair” mit Frank Plasberg ihr Thema gewechselt.
  • Kein Wunder: Es ging um den Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies in Westfalen.
  • Der sorgte für eine muntere Diskussion, bei der es schnell um ein viel grundlegenderes Thema ging.
Leonie Zimmermann
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Berlin. Für die letzte Ausgabe vor der Sommerpause hat die ARD-Talkshow “hart aber fair” mit Frank Plasberg am Montagabend ihr Thema kurzfristig geändert. Eigentlich wollte der Moderator mit seinen Gästen über die Situation in den USA sprechen. Am Ende heißt die Show stattdessen: “Massenerkrankung in Fleischfabrik – Gefahr fürs Land?”. Es geht um den Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies in Westfalen.

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Laschet: Lockdown in Gütersloh nicht ausgeschlossen
1:46 min
Ministerpräsident Armin Laschet kündigte an, dass die Quarantäne der infizierten Mitarbeiter der Fleischfabrik Tönnies durch die Polizei durchgesetzt werde.  © Reuters

Hart aber fair: Das letzte Thema vor der Sommerpause

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Der Massenausbruch im Schlachtbetrieb Tönnies in Nordrhein-Westfalen zieht weite Kreise in Deutschland. Mehr als 1300 Mitarbeiter des Konzerns haben sich mittlerweile mit dem Coronavirus infiziert - Tendenz steigend. Rund 7000 Menschen befinden sich deshalb nun in Quarantäne, unter teils menschenunwürdigen Bedingungen. Es ist der aktuell größte Pandemie-Herd Europas und die Angst die Unsicherheit der Bürger vor einem zweiten großen Lockdown wächst.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hingegen sieht die Lage noch unter Kontrolle. Aber ist das wirklich so oder steht Deutschland am Beginn der zweiten Welle? Und was heißt der Ausbruch für die Fleischindustrie? Darüber diskutieren drei Politiker, ein Wirtschaftskenner und ein Journalist im Studio.

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Die Gäste

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), wird nicht müde zu betonen, dass die Landesregierung alle nötigen Schritte für die Sicherheit und Gesundheit der Bürger einleitet. Das sei aber unter den aktuellen Umständen nicht so einfach und brauche deshalb seine Zeit.

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Christian von Boetticher ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Ernährungsindustrie und verteidigt diese im immer wieder. Er ist davon überzeugt, dass jeder etwas dazu beitragen muss, das Coronavirus einzudämmen. Die Verantwortung liege nicht nur bei dem Schlachtbetrieb.

Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt ist an diesem Abend die einzige Frau im Bunde und auch die stillste am Rednerpult. Eine These allerdings verteidigt sie vehement: Corona offenbart, welche Spuren das Preisdumping in der Fleischindustrie hinterlässt.

Epidomologe und SPD-Abgeordneter Karl Lauterbach forderte bereits vor der Sendung einen regionalen Lockdown in Gütersloh und bleibt dabei. Denn er ist sich sicher: Das Coronavirus ist schon länger als zwei Wochen in der Region unterwegs und muss gestoppt werden.

Michael Bröcker ist Chefredakteur der Media Pioneer GmbH und sieht in der Tönnies-Krise einen Wendepunkt für die Branche. Denn nun schaue ganz Deutschland auf die widrigen Umstände für Tiere und Gastarbeiter. Er sagt, der Fall könnte der “Fukushima-Moment der Fleischbranche” werden.

Die Debatte

Eines vorweg: Lösungen sind an diesem Abend nicht im Angebot. Dafür hat aber jeder der Gäste eine eigene Botschaft mit in die Sendung gebracht. So betont NRW-Gesundheitsminister Laumann wieder und wieder, wie sehr die Regierung aktuell versuche, die Lage unter Kontrolle zu bekommen.

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Dabei lässt er sich auch von Plasberg nur sehr widerwillig unterbrechen. Als der es dann aber doch schafft, holt Laumann zum Gegenschlag aus: Die umstrittenen Werkverträge der Gastarbeiter in seien erst durch die rot-grüne Landesregierung möglich geworden.

Einsatz Göhring-Eckardt: Die Fraktionsvorsitzende der Grünen reagiert mit dezentem Kopfschütteln. Ihr liegt an diesem Abend wohl nicht an einem Partei-Duell. Ihr Fokus ist ein anderer: Die widrigen Umstände in der Fleischproduktion, die einen derartigen Massenausbruch erst möglich gemacht hätten. Sie ist sich sicher: Tönnies hätte früher Alarm schlagen müssen.

Sie sagt: “Corona wirkt wie eine Art Brennglas: Wir sehen, was vorher auch schon nicht in Ordnung war und können jetzt etwas ändern.” Das große Problem sei das Billigfleisch.

Davon will Boetticher so gar nichts wissen. Er ist auch sonst eher dagegen als dafür: Die Nahrungsmittelindustrie habe in der Krise Höchstleistung gefahren, Werkverträge hätten vielen Rumänen und Bulgaren überhaupt erst einen Arbeitsplatz geschaffen und das Hygienekonzept sei mit den Gesundheitsämtern abgestimmt worden.

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Einwände zu widrigen Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter oder Verstoßen gegen das Hygienekonzept wiegelt er kommentarlos ab.

“Das gesamte System hilft niemandem, Tiere werden gequält, Böden verseucht, Fleisch billig und ungesund, es hat wirklich niemand etwas davon”, lautet in etwa das Fazit von SPD-Epidomolode Lauterbach. Der Politiker hat den Abend über munter für den regionalen Lockdown geworben und dem NRW-Gesundheitsminister ordentlich Druck gemacht, was die Corona-Maßnahmen angeht.

Und das ist laut Chefredakteur Bröker auch die Frage, die den Rest des Landes brennend interessiert: Kommt ein zweiter Lockdown? Die Antwort darauf kennt er zwar nicht, dafür beantwortet er aber eine andere Frage, die sich aktuell wohl viele stellen: “Ich glaube, das Sytem Tönnies ist beendet.” Die Branche stehe zu Recht am Pranger und werde sich durch die Krise langfristig ändern.

Die spannendste Frage

Auf die wohl wichtigste Frage des Abends gibt es bis zum Schluss keine eindeutige Antwort: Wie geht es weiter im Kreis Gütersloh? Laumann hält sich vage und verweist auf Überlegungen. Man denke über Kontaktbeschränkungen und Veranstaltungsverbote nach.

Wäre Lauterbach am Hebel, dann würde der Lockdown bereits deutlich härter ausfallen, von Reiseverboten hält aber auch der Politiker jetzt nichts. Auch, wenn er damit rechnet, dass Menschen aus Gütersloh wegen dem Massenausbruch im Sommer nicht überall in Deutschland willkommen sind.

Bröcker sieht in der Entwicklung aber auch ein Problem für Ministerpräsident Laschet, der als einer der ersten Lockerungen umsetzte: “Er kann seine Strategie nicht plötzlich ändern, er steht mit seinem Gesicht und Namen für die Lockerungen.”

Das Zitat des Abends

Chefredakteur Bröker bringt das Problem der Fleischindustrie auf den Punkt: “Es ist ein Paradoxon: Fleisch für 3,99 Euro kaufen und trotzdem für Tierwohl zu sein.”

Das Fazit

In die Sommerpause verabschieden sich die diskutierfreudigen Gäste noch mit einem ihrer Sparringpartner zum Grillen. Es gibt Tempeh, fleischlose Burger und Grillwürste. Und wer weiß, vielleicht kommen sich die unterschiedlichen Parteien beim Grillen ja auch thematisch etwas näher und das Thema Coronavirus in der Fleischindustrie endet doch noch im Konsens...


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