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Hamburg: So kam es zur Verwirrung über Ergebnis von FDP und AfD

  • Erst schien es am Sonntagabend, als würde die AfD aus der Hamburger Bürgerschaft fliegen.
  • Doch die Wahlforscher lagen mit ihrer ersten Prognose deutlich daneben.
  • Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um FDP, AfD, sogenannte “Exit Polls” und zum Hamburger Wahlrecht.
Tobias Dinkelborg
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Berlin. Der Wind drehte sich etwas mehr als zwei Stunden nach der ersten Prognose. Zunächst sah es so aus, als würde die AfD den Wiedereinzug in die Hamburger Bürgerschaft verpassen und erstmals aus einem Landesparlament fliegen.

Doch je länger der Abend wurde, je mehr Wahlbezirke ausgezählt waren, desto deutlicher schlug das Pendel in die andere Richtung aus: Mit 5,3 Prozent der Stimmen hat es die AfD letztlich doch geschafft. Auch die FDP musste zittern, und tut das immer noch.

Hier ein Überblick darüber, wie es zur Wackelpartie um die Liberalen sowie zur AfD-“Enttäuschung” kam, was sogenannte “Exit Polls” damit zu tun haben und was die Besonderheit des Wahlrechts in Hamburg ist.

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Wie entstehen Prognosen und Hochrechnungen?

Wahlforschungsinstitute wie Infratest Dimap oder die “Forschungsgruppe Wahlen” erheben ihre Daten für die erste Prognose um 18 Uhr direkt vor ausgewählten Wahllokalen, die möglichst einen Durchschnitt abbilden sollen. Die Befragung findet statt, nachdem die Wähler ihre Stimmen an der Urne abgegeben haben. Vor den Wahllokalen warten Mitarbeiter der Institute und führen die sogenannten “Exit Polls” durch.

Hierbei erhalten die Bürger erneut Stimmzettel, die sie ausfüllen und anonym in eine spezielle Box werfen. Die gesammelten Ergebnisse werden vor Ort ausgewertet und anschließend einer Plausibilitätsprüfung unterzogen. Briefwähler werden in der Wahltagsbefragung nicht erfasst, sondern durch ein Schätzverfahren in der Prognose berücksichtigt.

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Hochrechnungen basieren indes auf einer anderen Datengrundlage: den ersten amtlichen Auszählungsergebnissen, die im Laufe des Wahlabends nach und nach veröffentlicht werden. Je mehr Teilergebnisse zur Verfügung stehen, desto exakter können die Experten das Wahlergebnis hochrechnen.

Warum steht das vorläufige amtliche Endergebnis erst einen Tag nach der Wahl fest?

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Das hat mit dem Hamburger Wahlrecht und dem Auszählungsprozedere zu tun. Jeder Wähler erhält zwei Wahlzettel, einen mit der Wahlkreisliste und einen mit der Landesliste, und vergibt insgesamt bis zu zehn Stimmen, fünf je Liste.

Wichtig ist: Die Hamburger Bürger können all ihre fünf Stimmen auf den Wahlkreislisten auf einen Kandidaten vereinigen oder beliebig aufteilen, solange sie nicht mehr als fünf Kreuze machen. Die fünf Landeslistenstimmen können an von den Parteien aufgestellte Kandidaten vergeben werden, aber auch an die Parteiliste selbst.

Am Wahlabend wird zunächst die Landesliste ausgezählt, um die voraussichtliche Sitzverteilung in der Bürgerschaft zu klären. Am Tag nach der Wahl folgt eine zweite Auszählung. Hierbei werden hauptsächlich die Wahlkreislisten ausgewertet, sodass anschließend feststeht, welcher Kandidat tatsächlich ein Mandat in der Bürgerschaft erhält.

Zugleich werden die Landeslisten ein weiteres Mal ausgezählt. Das vorläufige amtliche Endergebnis wird deshalb erst gegen 18.30 Uhr am Montagabend erwartet.

Eine weitere Besonderheit stellt die sogenannte Heilungsregel dar. Wenn ein Wähler auf der Landesliste beispielsweise einer Partei sechs statt der maximal möglichen fünf Stimmen gegeben hat und sein Zettel dadurch eigentlich ungültig geworden ist, könnte diese Stimme in der zweiten Auszählung doch gewertet werden, weil der Wählerwille in diesem Fall eindeutig erkennbar ist.

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Wie ist die Abweichung von Prognose und Ergebnis der AfD zu erklären?

In der ersten Prognose sah Infratest Dimap – das Institut beliefert die ARD mit seinen Daten – die AfD am Sonntag um 18 Uhr bei 4,7 Prozent. Verglichen mit dem vorläufigen Auszählungsergebnis ergibt sich eine Abweichung von 0,6 Prozentpunkten.

Eine solche Differenz könne “aus methodischen Gründen leider nicht ausgeschlossen werden”, heißt es in einem Schreiben von Infratest Dimap, das die Geschäftsführer Nico Siegel und Michael Kunert unterzeichnet haben. Die Mitteilung liegt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vor. “Dass wir mit unserer 18-Uhr-Prognose zur Hamburger Bürgerschaftswahl die AfD unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde sahen, bedauern wir.”

Als Erklärung fügten die Geschäftsführer hinzu: “Insbesondere das Hamburger Wahlrecht mit fünf Landesstimmen und der hohe Briefwähleranteil sind zwei wichtige Aspekte, die entscheidend dazu beitragen können, dass die Abweichungen zwischen Prognose und Ergebnis in Hamburg über denjenigen in anderen Bundesländern liegen.”

Die größte Differenz zwischen erster Prognose und vorläufigem Auszählungsergebnis bestand am Sonntag allerdings nicht bei der AfD, sondern bei der SPD. Das Wahlforschungsinstitut sah die Partei des Ersten Bürgermeisters Peter Tschentscher zunächst bei 37,5 Prozent, am Ende entfielen jedoch 39 Prozent der Stimmen auf die Sozialdemokraten.

Was ist die Besonderheit bei Parteien in der Nähe der Fünf-Prozent-Hürde?

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Prognosen im Bereich der Fünf-Prozent-Hürde sind immer mit Vorsicht zu genießen. “Leider nehmen statistische Fehlertoleranzen, die im Rahmen von Wahlprognosen unvermeidbar sind, keine Rücksicht auf die im Wahlrecht definierte Hürde für den Einzug in ein Parlament”, heißt es in dem Schreiben von Infratest Dimap.

“Umso wichtiger ist die kompetente Einordnung der Zahlen: Und hier wurde in der ARD um 18 Uhr und im weiteren Verlauf ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es weder sicher ist, dass die AfD an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, noch dass die FDP erneut in die Bürgerschaft einzieht.”

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die FDP doch noch aus der Bürgerschaft fliegt?

Nach dem Bekanntwerden eines Auszählungsfehlers steht der knappe Wiedereinzug der FDP in die Hamburger Bürgerschaft auf der Kippe. Durch eine Verwechslung im Bezirk Langenhorn wurden dort versehentlich die 22,4 Prozent der Grünen den Liberalen zugeteilt. Das bestätigte der zuständige Bezirkswahlleiter Tom Oelrichs der Deutschen Presse-Agentur.

Aufgrund der “Heilungsregel” könnte die FDP noch Stimmen hinzugewinnen. Eine präzise Vorhersage über den Verbleib der Partei in der Bürgerschaft ist aber nahezu unmöglich. Gewissheit wird erst die Verkündung des vorläufigen amtlichen Endergebnisses bringen.

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