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Halle-Prozess: Schüsse auf Polizisten potenziell tödlich

  • Ein Waffengutachter hat vor Gericht bestätigt, dass der Halle-Attentäter auch Polizisten hätte töten können.
  • Der Mann hatte mit der Schrotflinte auf die Besatzung eines Streifenwagen geschossen.
  • Berichtet wurde auch über mögliche Kontakte zu Unterstützern.
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Magdeburg. Die Schüsse, die der Halle-Attentäter während seiner Flucht auf zwei Polizisten abgegeben hat, hätten die Beamten töten können. Das sagte ein Waffengutachter des Bundeskriminalamtes (BKA) am Dienstag vor Gericht.

Der Attentäter hatte nach dem Angriff auf den Döner-Imbiss aus etwa 70 Metern Entfernung mit einer Schrotflinte auf die Besatzung eines Streifenwagens geschossen. Vor Gericht hatte der Angeklagte angegeben, dass er die Beamten damit nur hatte abschrecken wollen. Aus 70 Metern seien tödliche Schüsse mit einer Schrotflinte gar nicht möglich, so der Angeklagte.

BKA untersucht Waffen und Munition

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Auf Bitten des Gerichts untersuchte das BKA daraufhin erneut die Waffen und Munition, die der Mann verwendet hatte. Dazu berechneten die Beamten Flugkurve und Geschwindigkeit der Geschosse und feuerten ähnliche Projektile auf mit Lamm-Leder bespannte Gelatine-Blöcke die den menschlichen Körper simulieren sollten. Bei den Versuchen drangen die Kugeln mehr als 10 Zentimeter in den Block ein.

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Attentäter von Halle vor Gericht
1:52 min
Neun Monate nach dem antisemitischen Anschlag von Halle hat der Prozess gegen Stephan B. begonnen.  © Reuters

Für einen geübten Schützen sei es auf die Distanz auch möglich, Menschen gezielt zu treffen, sagte der Gutachter. Die Schüsse seien somit potenziell tödlich gewesen.

Tod der Opfer trat schnell ein

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Mehrere Rechtsmediziner gaben am Dienstag zudem Auskunft zu den tödlichen Schussverletzungen der Opfer. Bei der Sektion seien bei der Leiche der 40-jährigen Jana L. elf Durchschüsse, drei Steckschüsse und vier Streifschüsse festgestellt worden, sagte ein Rechtsmediziner. Der Tod der Frau sei relativ schnell eingetreten. Der Rechtsmediziner sprach von Sekunden oder maximal einer Minute.

Bei dem 20-jährigen Kevin S. sei das Herz und die Lunge durchschossen worden, sagte ein Rechtsmediziner. Dies habe sofort zum Tod geführt. Ob der junge Mann bis zu den tödlichen Schüssen - zuvor war bereits auf ihn geschossen worden - noch etwas wahrnehmen konnte, konnte der Rechtsmediziner allerdings nicht einschätzen.

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Auf dem Video, das der Angeklagte während der Tat filmte und live ins Internet streamte, sei zu sehen gewesen, dass er nach den ersten Schüssen noch lebte.

Bitcoin-Spende für die Tat nicht nachgewiesen

Zudem sagten zwei Polizisten des Polizeireviers Zeitz aus, die den Attentäter festgenommen hatten. Ein 54-jähriger Polizeibeamter und sein 59 Jahre alter Kollege hatten B. verfolgt, der sich mit einem zuvor in der Ortschaft Wiedersdorf erpressten Taxi auf der Flucht befand. An einer Baustelle endete die Flucht des 28-Jährigen.

An der einspurigen Straße sei ihm ein Lastwagen entgegengekommen und daneben habe sich eine Betonbegrenzung befunden, erklärten die Zeugen. Stephan B. sei dann aus dem gestohlenen Taxi gestiegen und über die Baustellenbegrenzung gesprungen. Die Polizisten forderten ihn unter Androhung ihrer Schusswaffen zum Stehenbleiben auf, legten ihm Handfesseln an und nahmen in fest.

Konkrete Anhaltspunkte für Kontaktpersonen, Mitwisser oder Unterstützer seien nicht gefunden worden, sagte ein 33-jähriger Kriminalhauptkommissar. Online-Kontakte hätten jedoch nicht mehr nachvollzogen werden können. B. soll unter anderem eine Bitcoin-Spende von einem “Mark” erwähnt haben. Dieser sei in den USA ermittelt und durch das FBI befragt worden, sagte der Zeuge.

Es habe aber nicht nachgewiesen werden können, dass es wirklich eine Überweisung zur Unterstützung der Tat gegeben habe. Den Livestream des Anschlags hätten drei Zuschauer zeitweise verfolgt, zwei in den USA und einer in Zürich. Sie seien wohl durch Zufall darauf gestoßen.

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Vernommen wurde auch ein Zeuge, der sich zum Tatzeitpunkt auf dem Weg in Richtung Döner-Imbiss befand. Der 36-Jährige berichtete von drei Schüssen auf ihn, die er wahrgenommen habe. Danach habe er unter Schock gestanden und monatelang nicht arbeiten können.

Prozess gegen Halle-Attentäter Stephan Balliet findet in Magdeburg statt

Das Verfahren um den Anschlag läuft seit Juli. Am 9. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Mann versucht, die Synagoge von Halle zu stürmen, um dort am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur ein Massaker anzurichten.

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Nachdem er nicht in das Gotteshaus gelangte, erschoss er eine 40 Jahre alte Passantin und kurz darauf einen 20-Jährigen in einem Döner-Imbiss. Der 28 Jahre alte Deutsche Stephan Balliet hat die Taten gestanden und mit antisemitischen, rassistischen Verschwörungstheorien begründet. Der Prozess läuft vor dem Oberlandesgericht Naumburg, findet aus Platzgründen aber in Magdeburg statt.

RND/dpa/epd

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