Hagia Sophia und die Folgen: Erdogan kämpft um seine Macht

  • Mit der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee beschwört Recep Tayyip Erdogan neue Spannungen mit Europa und den USA herauf.
  • Das ist so gewollt: Der türkische Staatschef kalkuliert, dass die außenpolitischen Konflikte seine Macht im Innern zementieren.
  • Doch Erdogan könnte sich verrechnen.
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Seit vielen Jahren spielt der türkische Präsident mit Gedanken an die Umwidmung der Hagia Sophia. Wie der osmanische Sultan Mehmet II., der 1453 Konstantinopel eroberte und aus der damals bedeutendsten Kirche der Christenheit eine Moschee machte. Dass Erdogan es ihm ausgerechnet jetzt gleichtun möchte, ist kein Zufall.

In jüngsten Umfragen rangiert seine islamische AKP, die zu ihren besten Zeiten auf Stimmenanteile von rund 50 Prozent kam, nur noch bei 30 Prozent. Erdogan braucht also dringend ein Thema, mit dem er seine islamistisch-nationalistische Kernwählerschaft begeistern, von der Corona-Epidemie und der schwierigen Wirtschaftslage ablenken kann.

Ein Symbol des friedlichen Miteinanders der Kulturen und Religionen

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Der Staatsgründer Atatürk bestimmte die Hagia Sophia 1934 zum Museum. Seither war die einstige Kathedrale ein Symbol des friedlichen Miteinanders der Kulturen und Religionen. Mit der Umwidmung in eine Moschee wird aus dem Gebäude ein Sinnbild des Kulturkampfes, den Erdogan auf seine Fahnen geschrieben hat.

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Hagia Sophia in Istanbul soll wieder als Moschee genutzt werden
1:57 min
Das höchste Verwaltungsgericht der Türkei urteilte am Freitag, dass die Umwandlung des Bauwerks in ein Museum durch Atatürk unrechtmäßig gewesen sei.  © Reuters

Er führt die Türkei vielleicht nicht 600 Jahre zurück, wie die griechische Kulturministerin jetzt klagte, aber doch ein ganzes Jahrhundert, nämlich in die Zeit vor Gründung der modernen Republik.

Erdogan kann sich darauf berufen, dass laut Umfragen drei von vier Türken die Hagia Sophia als Moschee wünschen. Auch viele prominente Oppositionspolitiker applaudieren, wie der Istanbuler Bürgermeister und Erdogan-Gegenspieler Ekrem Imamoglu.

Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Orhan Pamuk ist einer der wenigen, die es wagen, öffentlich Widerspruch zu äußern. Die Entscheidung nehme vielen Türken “den Stolz, eine säkulare muslimische Nation zu sein”, sagt Pamuk.

Wirtschaft auf europäische Handelspartner und Investoren angewiesen

Die Umwandlung der Hagia Sophia vertieft die Spaltung der Gesellschaft. Sie ist ein weiterer Schritt zur “Islamischen Republik Türkei”. Die nächste Station auf diesem Weg könnte die Wiedereinführung des von Atatürk abgeschafften Kalifats sein, mit Erdogan in der Rolle des Kalifen, der die politische und geistliche Führerschaft auf Lebenszeit in einer Person vereint. Über Wahlen und Mehrheiten müsste er sich dann nicht mehr den Kopf zerbrechen.

Aber wie realistisch ist diese Vision? Zweifellos sind der Islam und seine Werte in der Türkei auch fast 100 Jahre nach Atatürks Säkularisierungskampagnen tief verwurzelt. Aber zugleich ist die von Atatürk postulierte Westorientierung der Türkei auch 18 Jahre nach Erdogans Machtübernahme eine feste Konstante.

Das gilt für die Wirtschaft des Landes, die auf europäische Handelspartner und Investoren angewiesen ist. Und es gilt vor allem für Jugend. In einer Untersuchung der Stiftung Sodev bezeichnen zwar 46 Prozent der befragten Jugendlichen “religiöse Werte” als wichtig. 68 Prozent nennen aber die Meinungsfreiheit als höchstes Gut. Zugleich empfinden nur 30 Prozent, dass sie in den sozialen Medien ihre Meinung frei äußern können.

Hohe Jugendarbeitslosigkeit in der Türkei

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Viele junge Türkinnen und Türken, vor allem jene in den Städten, können mit Erdogans islamistischer Agenda nichts anfangen. Sie schwelgen nicht in der glorreichen Ära der Sultane, wie Erdogan, sondern sie blicken nach Westen.

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit von 25 Prozent verstärkt die Unzufriedenheit. Sie könnte für Erdogan bedrohlich werden, denn bei den nächsten Parlaments- und Präsidentenwahlen, die regulär 2023 stattfinden, werden Millionen junge Erstwähler zu den Urnen gehen.

Die große Frage ist, wie Erdogan reagieren wird, wenn seine Mehrheit in Gefahr gerät – und ob er Wahlen dann überhaupt noch zulassen wird. Auch wenn Erdogan jetzt für die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee von der Mehrheit seiner Landsleute Applaus erntet: In der Türkei bahnen sich möglicherweise innere Konflikte an, die das Land zerreißen könnten.

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