Haben die Kirchen in der Pandemie versagt?

  • Haben die Kirchen die Schwächsten in der Krise zurückgelassen?
  • Der Vorwurf verfolgt Katholiken und Protestanten seit Monaten.
  • Er trifft nicht zu – doch die eigentliche Bewährungsprobe steht den Kirchen noch bevor.
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Hannover. Der alte Mann starb einsam, in den letzten sieben Tagen seines Lebens hat er niemanden mehr gesehen, den er kannte. Keine Kinder, keine Enkelkinder, niemanden sonst aus seiner Familie und auch keinen Geistlichen.

Mit seinen 95 Jahren war er auf seinem Nachmittagsspaziergang gestürzt, ein Rettungswagen brachte ihn ins Krankenhaus. Es war Ende April, Baden-Württemberg, allmählich bereiteten sich viele wieder auf die Öffnung vor. Das Hospital jedoch, in dem der alte Mann lag, blieb für Besucher verschlossen. Nur durch eine schmale Luke konnte die Familie einige persönliche Dinge hineinreichen, mehr war nicht erlaubt. Nach einer Woche starb der Mann, ohne dass ihn noch jemand besuchen oder ihm gar beistehen konnte.

Was diesem Mann in den letzten Tagen seines Lebens widerfahren ist, ist ein großes, großes Drama. Aber spiegelt sich in seinem Schicksal wirklich das Scheitern der Kirchen?

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Wo war der Einspruch der Kirchen?

Der Name dieses Mannes ist unbekannt, das Schicksal seiner letzten Tage allerdings hat es zu einiger Berühmtheit gebracht. Die frühere Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, von Haus aus Pastorin, hat diesen Fall geschildert, um etwas anzuklagen, das sie und viele schwer erschüttert hat: dass “die Kirchen beim Schutz der Schwächsten versagt” hätten. “Wo war der deutlich vernehmbare Einspruch der Kirchen gegen solche Fälle von Infektionsschutz?”, fragte Lieberknecht da.

So wurde der unbekannte alte Mann zum Kronzeugen für eine Niederlage: Es sei den Kirchen nicht gelungen, die Interessen der Menschen zu vertreten und ihren Anspruch auf Nähe und Begleitung laut und deutlich einzufordern.


Im Angesicht der Pandemie hätten die Kirchen versagt, so lautet der Vorwurf, der die Kirchen seitdem begleitet. Er kam im Frühjahr auf, kurz nach dem Tod des alten Mannes und Tausender, die ähnlich einsam starben. Er hat jetzt gerade die Deutsche Bischofskonferenz beschäftigt, die sich bei ihrer Herbsttagung noch immer an ihm abgearbeitet hat. Und er wird die Kirchen auch in den nächsten Monaten beschäftigen – dann, wenn die Infektionszahlen im Winter möglicherweise weiter steigen und es mangels Impfungen und Medikamenten keine andere Möglichkeit als Distanz und Abschirmung gibt, um die Schwächsten und Empfindlichsten zu schützen, auch zu Weihnachten.

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Aufatmen im Mai: Damals durften Menschen in Deutschland wieder mit dem gebotenen Abstand Gottesdienste besuchen. © Quelle: imago images/Sabine Gudath

Gab es überhaupt Möglichkeiten für die Kirchen?

Die Frage ist nur, ob der Vorwurf fair ist. Ob es überhaupt andere Möglichkeiten für die Kirchen gab. Und ob es in der nächsten Zeit nicht vielleicht wichtigere Aufgaben gibt als die lustvolle Selbstzerfleischung, der sich auch Kircheninsider gern hingeben.

Dabei gibt es ja erst mal eine bewährte Art des kirchlichen Umgangs mit Katastrophen im Allgemeinen und Seuchen im Speziellen: Sie wurden interpretiert als Strafen Gottes, als unmittelbare Folge von Fehlbarkeit und Sünden. Die Pest war die Ermahnung, ein gottgefälliges Leben zu führen, ein oft tödliches Disziplinierungsinstrument. Es führte zur Ignoranz gegenüber Hygienemaßnahmen, die ja nichts bewirken konnten – und zur Folgsamkeit gegenüber der Kirche.

Den Hang, Covid-19 einen höheren Sinn zuzuschreiben, gibt es auch heute noch. Das neue Coronavirus und seine rasende Verbreitung sind wahlweise Strafen für zu viel Reisen, für Tierhaltung, übermäßigen Fleischgenuss, die Zerstörung der Umwelt und den Kapitalismus an sich. Es war kurioserweise der Fußball-Bundestrainer, der diese Art der Krankheitsinterpretation in Deutschland am prononciertesten verbreitete. “Die Erde scheint sich ein bisschen zu stemmen gegen die Menschen und gegen ihr Tun”, sagte Jogi Löw schon im März.

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Als sei die Erde ein Wesen mit einem Bewusstsein, klaren Zielen und einem internen Bußkatalog, nach dem es Heimsuchungen über die Menschen bringt. Wie ein göttliches Wesen ganz alter Schule. Dass es gerade der Repräsentant des deutschen Fußballs war, der diese archaisch-religiöse Vorstellung vertrat, darin lag viel Ironie.

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Großstädte stimmen konkrete Maßnahmen gegen Corona-Fälle ab
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Nach einem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Oberbürgermeistern der elf größten Städte Deutschlands, haben sich die Beteiligten auf neue Maßnahmen geeinigt.  © Reuters

Corona lässt nicht viel Raum für Metaphysisches

Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland hingegen nahmen Sars-CoV-2 – bis auf einige obskure Randbereiche – als das, was es ist: ein kaum bekanntes Virus, das sich extrem schnell verbreitet, das gerade für Kranke und Ältere eine große Bedrohung ist – und bei dem man leider nicht individuell über Regeln und Risiko entscheiden kann, weil jeder auch unbemerkt zum Überträger werden kann. Die Virologie lässt in diesem Falle nicht viel Raum für Metaphysisches.

Die Einschränkungen waren eine gewaltige Zumutung für Einsame, Kranke, Sterbende, für Hinterbliebene, die fast allein ihre Eltern begraben mussten – und, wie man längst weiß, gerade auch für Kinder und Jugendliche, die auf Freunde, Schule und ein großes Stück Normalität verzichten mussten.

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Aber hätten die Kirchen sagen sollen: Der Beistand für die Sterbenden steht über dem Schutz der Lebenden? Hätten sie zum Widerstand aufrufen sollen gegen den Infektionsschutz? Wie es aussieht, wenn religiöse Gemeinschaften ihr Gemeindeleben wichtiger finden als den Schutz vor dem Virus, konnte man an einigen Freikirchen unter anderem in Bremerhaven und Frankfurt eindrucksvoll beobachten.

Schutz vor Corona

Ja, gerade die evangelische Kirche ist trotz ihrer Protesthaltung oft geradezu deprimierend konformistisch und staatsnah. Und mit dem Wissen und dem Schutzmaterial von heute hätte man im Frühjahr manches mehr erlauben können.

Aber hätten die Kirchen wirklich die Regeln infrage stellen sollen? Es hätte auch eine Abkehr vom Prinzip des Lebensschutzes bedeutet. Vom Schutz für diejenigen, die dieses Schutzes besonders bedürfen.

Die Klage über den einsamen Tod des alten Mannes ist auch insofern eigenartig, als sie die Arbeit derjenigen unterschlägt, die sich doch wahrscheinlich auch um ihn gekümmert haben: der Pflegekräfte, für die wir abends auf den Balkons geklatscht haben – und die wir dann ignorieren? Die ersetzen nicht die Nähe von Kindern und Enkeln – aber zählen sie gar nicht?

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Tag der Pflege
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Zum Tag der Pflege werden Pflegerinnen und Pfleger nicht nur besonders gewürdigt, es wird auch auf Missstände bei den Arbeitsbedingungen aufmerksam gemacht.  © RND

Freiluftgottesdienste und digitale Angebote

Tatsächlich gibt es unzählige Beispiele von Mitarbeitern von Diakonie und Caritas, von Ehrenamtlichen, Hauptamtlichen, Diakonen, Pastoren, Helfenden, die beständig versucht haben, Menschen beizustehen und so viel Nähe zu ermöglichen, wie es das Virus eben zulässt. Da gab es Telefonketten, Gartenzaungespräche, Freiluftgottesdienste, Distanzandachten. Nach einer neuen Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland haben 81 Prozent der befragten Gemeinden im Lockdown digitale Angebote gemacht, 78 Prozent erstmals. Es gab gestreamte Gottesdienste, Andachten, Chats, Konzerte.

Das alles war mal rührend, mal engagiert, oft amateurhaft, manchmal unfreiwillig komisch und in den besten Momenten auch unterhaltsam. Nichts davon kann echte Begegnungen ersetzen, da hat Digitalisierung echte Grenzen. “Es bedarf der körperlichen Gesten, des Mienenspiels, der Momente des Schweigens, der Körpersprache und sogar des Geruchs, der zitternden Hände, des Errötens und des Schwitzens, denn all dies gehört zur menschlichen Kommunikation”, schreibt Papst Franziskus in der neuen Enzyklika “Fratelli tutti”.

Aber Versagen sieht angesichts einer Pandemie dann doch anders aus.

Das Virus treibt die Gesellschaft auseinander

Ohnehin ist der Streit über das Vergangene müßig – angesichts der Aufgaben, die auch vor der Kirche liegen und die mit keinem Infektionsschutzgesetz kollidieren. Das Virus treibt die Gesellschaft noch rascher auseinander, als es sich schon zuvor abzeichnete. Da sind die, die von all den Umbrüchen jetzt vielleicht sogar profitieren – und diejenigen, die Messebauer, Musiker, Gastwirte und all die anderen, deren Existenz dieses Virus bedroht. Jetzt für die Schwächsten zu sprechen, für Zusammenhalt zu sorgen, wo er immer mehr bröckelt, das wäre eine von vielen Aufgaben, um die sich die Kirche kümmern müsste. Es gibt derzeit sehr viele Schwache in der Gesellschaft. Hoffnung können sie alle dringend brauchen.

Die Pandemie ist noch lange nicht vorüber. Daher ist auch nicht entschieden, wer in ihr versagt hat und wer nicht. Das ist die gute Nachricht für die Kirche: Es gibt leider noch jede Menge Gelegenheit, sich in dieser Zeit zu bewähren.

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