Kölner Missbrauchsgutachten: Brüder im Nebel

  • Mehrere Jahrzehnte lang vertuschte und verharmloste die Spitze der katholischen Kirche im Erzbistum Köln offenbar Fälle von sexuellem Missbrauch.
  • Ein neues Gutachten listet Hunderte Opfer auf – und nennt Verantwortliche.
  • Bei Kardinal Woelki wird dagegen keine Pflichtverletzung festgestellt.
Joachim Frank
Alexandra Ringendahl
|
Anzeige
Anzeige

Köln. Danke! Das ist Kardinal Rainer Woelkis erstes Wort, als er aus der Hand von Rechtsanwalt Björn Gercke dessen Gutachten zum Missbrauchsskandal im Erzbistum Köln entgegennimmt. Dabei ist das, was auf den 900 Seiten, eingefasst in einen schweren, schwarzen Buchdeckel, steht, eigentlich alles andere als dankenswert: Die Führungsspitze des Erzbistums Köln hat im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche über Jahrzehnte hinweg Pflichten verletzt.

Woelki spricht mit einem Wort aus, was der Gutachterbericht in langen Kaskaden über die Teilnehmer der Präsentation ausgegossen hat: Vertuschung. Es sei eine „enttäuschende Bestätigung“ für die Schuld „höchster Verantwortungsträger“, sagt Woelki. Aber: Er hat es so gewollt. Er wollte Verantwortung und Verantwortliche identifizieren und benennen. Das jedenfalls ist nun geschehen.

Ein Drittel der nachgewiesenen Pflichtverletzungen ordnet der Jurist und Gutachter Gercke Woelkis Vorgänger, Kardinal Joachim Meisner, zu – „in voller Bandbreite“ von unterlassener Aufklärung und der nicht erfolgten Weitermeldung der Taten, Sanktionierung der Täter, Verhinderung weiteren Missbrauchs bis hin zu nicht wahrgenommener Opferfürsorge. Es ist ein langes Sündenregister.

Anzeige

Protest von Betroffeneninitiativen auf der Domplatte

An der mit Spannung erwarteten Pressekonferenz darf – coronabedingt – lediglich etwa ein Dutzend Journalisten im großen Saal des Maternushauses, der Tagungsstätte des Erzbistums, teilnehmen. Etwa die zehnfache Zahl ist digital zugeschaltet. Das Erzbistum hat einen Livestream für alle Interessierten eingerichtet. Entsprechend ruhig bleibt es vor dem Maternushaus. Nur eine Handvoll Kamerateams hat dort Position bezogen.

Ort des Protests eines bundesweiten Verbunds von Betroffeneninitiativen ist die Domplatte, wo sie öffentlichkeitswirksam eine Pappskulptur des Karnevalswagenbauers Jacques Tilly platziert haben. Unter einem schlafenden Bischof in der Hängematte steht zu lesen: „11 Jahre schonungslose Aufklärung der Missbrauchsfälle“.

Video
Missbrauch: Woelki entbindet Mitarbeiter von ihren Pflichten
1:32 min
Ein Jahr lang hat der Kölner Kardinal Woelki ein Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen zurückgehalten.  © dpa
Anzeige

Ein Bild von Woelki, der schräg gegenüber vom Maternushaus wohnt und nur wenige Meter zu Fuß zurückzulegen hat, bekommen sie nicht. Offenbar hat der Kardinal entweder den Weg durch die Tiefgarage genommen, oder er ist schon lange vor den Journalisten im Maternushaus eingetroffen. Punkt 10 Uhr betritt er dort zusammen mit seinem Generalvikar Markus Hofmann den Saal und nimmt, ohne nach links oder rechts zu schauen, in der Mitte der ersten Reihe Platz.

Matthias Katsch von der Opferinitiative Eckiger Tisch hingegen spricht vor dem Maternushaus gern mit den Wartenden, um seine Sicht der Dinge kundzutun: „Ich bin hier, um zu zeigen, dass wir Betroffenen weiter draußen vor der Tür warten“, sagt er. Er wirft Woelki, dem Erzbistum, aber auch der ganzen katholischen Kirche in Deutschland vor, „weiterhin die Kontrolle über den Aufklärungsprozess behalten zu wollen“.

Anzeige

Die Liste der namentlich genannten Verantwortlichen ist lang

Mit solchen Problemen der Aufarbeitung hält Gutachter Gercke sich nicht auf. Verschiedene Formen der Untersuchung seien denkbar gewesen. Er habe einen juristischen Prüfauftrag erhalten – und dem ist er nachgekommen.

Die Liste der namentlich genannten Verantwortlichen ist lang: Pflichtverstöße fanden die Gutachter bei den ehemaligen Kölner Erzbischöfen Kardinal Joseph Höffner und Kardinal Joachim Meisner sowie bei Weihbischof Dominikus Schwaderlapp in seiner Zeit als Generalvikar und dem heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße – ebenfalls aus seiner Zeit als Generalvikar und Leiter der Hauptabteilung Seelsorge/Personal.

Was Woelki selbst betrifft, stellt das Gutachten keine nachweisbaren Verfehlungen fest. Es geht hier um den Missbrauchsvorwurf gegen einen mit Woelki befreundeten Priester, den Woelki 2015 nicht untersuchen ließ und nicht nach Rom meldete. Gleich zweimal betont Gercke, dass es „medial am einfachsten“ gewesen wäre, „Herrn Woelki zum Schafott zu führen“.

Hauptstadt-Radar Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

Als Gercke an diesem Punkt seiner Ausführungen ankommt, hebt der Kardinal kurz den Blick, den er sonst fast die ganze Zeit starr auf den Schreibtisch vor ihm geheftet hat. Gelegentlich nimmt er einen Stift zur Hand, macht sich kurze Notizen. Die Lippen fest aufeinander gepresst, die Mundwinkel heruntergezogen, die Wangen gerötet – die ganze Anspannung ist Woelki deutlich anzusehen, und man kann es ihm glauben, dass er diesen Tag „herbeigesehnt, darauf hingelebt“ und „zugleich gefürchtet“ habe „wie nichts anderes“.

Anzeige

„Chaos, subjektiv empfundene Unzuständigkeit und Missverständnisse“

Als einem Mann, der unter Kardinal Joachim Meisner in der Kirche von Köln Karriere machte, muss es Woelki klar gewesen sein, was Gercke bei der Präsentation seines Gutachtens darlegt: Hunderte von Fällen sexuellen Missbrauchs – in den verschiedensten Formen und Schweregraden. Am Ende listet Gercke 202 Beschuldigte und 314 Opfer auf. Von ihnen war mehr als die Hälfte unter 14 Jahre alt. Fast zwei Drittel waren Jungen. Diese Befunde entsprechen den Ergebnissen anderer Studien auf Bundesebene oder in einzelnen Bistümern.

In dem angeblich so hervorragend organisierten Erzbistum Köln mit seinem hoch ausgebauten Verwaltungsapparat hat Gercke im Umgang mit Missbrauchsfällen „Chaos, subjektiv empfundene Unzuständigkeit und Missverständnisse“ festgestellt. Das rechtfertigt aus seiner Sicht zwar nicht den Vorwurf systematischer Vertuschung, weil man dafür eine Absicht nachweisen müsse. Und das sei anhand der Aktenlage nicht ohne Weiteres nachweisbar gewesen. Dafür fallen so deftige Worte wie planlos, unkoordiniert und unkontrolliert.

Und es seien, das dann doch, immer wieder Bestrebungen im Erzbistum erkennbar gewesen, Missbrauchsfälle nicht öffentlich werden zu lassen, sie „nicht an die große Glocke zu hängen“. Also eben doch das, was landläufig Vertuschung heißt. „Systembedingt“, fügt Gercke hinzu, was man auch als eine Form der Entlastung lesen kann. Denn wenn das System schuld ist, wiegt die persönliche Verantwortung nicht mehr gar so schwer.

Einige Kölner Besonderheiten hebt Gercke ausdrücklich hervor. So habe Kardinal Meisner – über die beim Generalvikar aufbewahrten sogenannten Giftakten mit aus Sicht der katholischen Kirche „brisanten Inhalten“ wie Zölibatsvergehen, Homosexualität oder Suchterkrankungen hinaus – auch persönlich noch weitere Unterlagen „mit geheimhaltungsbedürftigen Inhalten“ zu Priestern des Erzbistums aufbewahrt. Dieses Material hatte Meisner mit einem so blumigen wie vielsagenden Titel versehen: „Brüder im Nebel“.

Anzeige

Im Nebel befanden sich Meisners Brüder im Priesteramt mit ihren Vergehen. Der Nebel des Verschweigens waberte aber auch im Erzbistum, sodass das Licht der Wahrheit nicht durchdringen konnte – und erst recht nicht das Leid der Opfer, über denen wiederum der Nebel des Vergessens lag. Das geht auch aus einer Infobroschüre hervor, die in der Verantwortung Meisners und seiner damaligen Generalvikare Dominikus Schwaderlapp und Stefan Heße 2010 beziehungsweise 2012 an die Kölner Pfarrgemeinden verteilt wurde: Sie nennt für das Erzbistum lediglich fünf Beschuldigte. Einzelfälle. Schlimme Einzelfälle, gewiss. Aber auch nicht mehr.

Noch im Jahr 2015 erklärt Meisner in einem Interview, er habe vom Ausmaß des Missbrauchsskandals „nichts geahnt“. Diese Formulierung greift nun Woelki in seinem kurzen Statement auf, nachdem er das Gutachten entgegengenommen hat. „Nichts geahnt ist seit heute nicht mehr möglich“, sagt der Kardinal.

Hamburgs Erzbischof Heße kündigt Rücktritt an

Peter Bringmann-Henselder, der als Vertreter des Betroffenenbeirats ein zweites gedrucktes Exemplar des Gutachtens erhält, lobt Woelki ausdrücklich. Er sei überrascht über die erste Konsequenz, mit der Woelki Weihbischof Schwaderlapp und den obersten Kirchenrichter des Erzbistums, Günter Assenmacher, am Donnerstag von seinen Aufgaben entbunden hat. Er habe aber auch nichts anderes von ihm erwartet. Schon zuvor sei Woelki „ganz gerade nach vorn gegangen“.

Hamburgs Erzbischof Stefan Heße kündigte am Donnerstag seinen Rücktritt an. „Um Schaden vom Amt des Erzbischofs sowie vom Erzbistum Hamburg abzuwenden, biete ich Papst Franziskus meinen Amtsverzicht an und bitte ihn um die sofortige Entbindung von meinen Aufgaben“, sagte Heße am Donnerstag in einer persönlichen Erklärung. Heße, der von 2006 bis 2014 Hauptabteilungsleiter Personalseelsorge und später Generalvikar in Köln war, wird in dem Gutachten im Zusammenhang mit elf Pflichtverletzungen bei neun Aktenvorgängen aufgelistet.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sagte, die bisherigen Schritte könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aufarbeitung am Anfang stehe. Kindesmissbrauch sei „keine interne Kirchen-Angelegenheit, sondern ein Verbrechen, das von Strafgerichten aufgeklärt werden muss.“ Das Gutachten wurde am Montag der Kölner Staatsanwaltschaft übergeben.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen