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Jahrelang ohne Anklage in Guantanamo: Bremer Murat Kurnaz hat wieder Fuß gefasst

  • Fast fünf Jahre saß der Bremer Murat Kurnaz ohne Anklage in US-Gefängnissen.
  • Offenbar unbegründet, wie sich schnell herausstellte – doch erst 2006 fädelte die neue Bundesregierung seine Freilassung ein.
  • Mittlerweile hat Kurnaz eine Festanstellung als „Sprach- und Kulturmittler“ und engagiert sich als Menschenrechtler.
Eckhard Stengel
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Washington. Er war offenbar zur falschen Zeit am falschen Ort – und bezahlte dafür mit fast fünf Jahren seines Lebens: Von Dezember 2001 bis August 2006 saß der Bremer Türke Murat Kurnaz ohne Anklage hinter Gittern, zunächst im afghanischen US-Stützpunkt Kandahar und später im gerade neu eröffneten US-Lager Guantanamo Bay am Rande Kubas.

Der gläubige Moslem vegetierte dort als Terrorverdächtiger ohne jeden Schuldbeweis, wurde schikaniert, gedemütigt, gefoltert. Und das alles, weil er als 19-Jähriger, kurz nach den islamistischen Terroranschlägen vom 11. September 2001, nach Pakistan gereist war und im Verdacht stand, im benachbarten Afghanistan kämpfen zu wollen.

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Kurnaz Anwalt: Er musste jahrelang „durch die Hölle gehen“

In Wirklichkeit, so beteuerte er seit seiner Festnahme in Pakistan immer wieder, habe er nur Koranschulen besuchen wollen. Stattdessen musste er jahrelang „durch die Hölle gehen“, wie sein Anwalt Bernhard Docke es ausdrückt.

Schon 2002 signalisierten die USA, dass sie Kurnaz als unschuldig entlassen könnten. Doch die damals rot-grüne Bundesregierung wollte ihn nicht haben – sie traute ihm nicht recht. Erst die neue CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel fädelte 2006 seine Freilassung ein.

Anfangs, nach seiner Wiedergeburt, hatte der Schiffbaulehrling große Probleme, wieder Fuß zu fassen. Er fand einfach keine feste Arbeit und hangelte sich von einem befristeten Job zum nächsten. Immerhin blieb ihm dadurch Zeit, ein Buch über seine Inhaftierung zu schreiben („Fünf Jahre meines Lebens“).

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Seit über fünf Jahren ist Kurnaz „Sprach- und Kulturmittler“

Aber die Lebensfreude, die fand er erstaunlich schnell wieder. Der Kraftprotz kaufte sich ein dickes Motorrad, trieb wieder Kampfsport wie einst, gründete eine Familie und hat nunmehr drei Kinder.

Inzwischen ist es ihm sogar gelungen, eine etwas dauerhaftere Anstellung zu finden: Seit über fünf Jahren arbeitet er als „Sprach- und Kulturmittler“ für ein vom Bremer Senat gefördertes Integrationsprojekt, das bei einem Jugendfreizeitverein angesiedelt ist. Kurnaz, mittlerweile 39 Jahre alt, leitet dort Selbstverteidigungs- und Fitnesstrainings für Geflüchtete in Heimen und in Schul-AGs. Wie praktisch, dass er sechs Sprachen spricht, darunter sogar Farsi und Usbekisch.

Trotz aller Torturen plagen ihn keine Alpträume, und er hat keine Psychotherapie gebraucht. Aber die Vergangenheit geht ihm trotzdem nicht aus dem Kopf. Schon seit Jahren engagiert er sich für die Auflösung von Guantanamo Bay, für die Menschenrechte – und das alles ohne spürbaren Hass auf die USA. Und mittlerweile auch ohne seine einst berühmte wilde Mähne und seinen bauchlangen Zottelbart.

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Anwalt Docke: „Er soll einfach mal Ruhe haben“

Als „Menschenrechtsbotschafter“ für Amnesty International ist er um die halbe Welt gereist. In Schulen ist er aufgetreten, in Universitäten und auch in Kinos, wenn dort einer jener Filme gezeigt wurde, die seinen Leidensweg aufgriffen. Ein weiterer Streifen wird gerade produziert. Er zeigt den Kampf von Mutter Rabiye Kurnaz und seinem Anwalt Docke um Murats Freilassung.

Inzwischen ist der Anti-Folter-Aktivist aber kaum noch auf Vortragsreisen. Anwalt Docke sagt: „Er soll einfach mal Ruhe haben und sich auf Familie und Arbeit konzentrieren.“

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