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Grünen-Vizechefin Lang: “Corona sorgt für das Ende einer Illusion”

  • Grünen-Vizechefin Ricarda Lang fordert eine bessere Bezahlung von Frauen.
  • Die Corona-Krise habe die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern nicht nur offengelegt, sondern auch verschärft.
  • Ein Gespräch über Geld, Klischees – und eine Kanzlerkandidatin für die Grünen.
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Berlin. Ricarda Lang (26) ist seit knapp einem Jahr stellvertretende Bundesvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. Zuvor war die Jurastudentin Chefin der Grünen Jugend. Lang kandidiert nächstes Jahr für den Bundestag, im Wahlkreis Backnang – Schwäbisch Gmünd. Am Freitag und Samstag laden die Grünen zur überwiegend online abgehaltenen Bundesfrauenkonferenz. Im Interview erzählt Lang, warum in Sachen Gleichstellung von Frauen und Männern doch noch viel zu tun ist.

Frau Lang, sind Sie der Corona-Krise ein wenig dankbar dafür, dass sie die Bedeutung der Arbeit von Frauen so deutlich gemacht hat?

Nein, dankbar bin ich nicht. Die Corona-Krise hat die Ungleichheit in unserer Gesellschaft nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch verschärft. 20 Prozent der Mütter von kleinen Kindern haben in der Corona-Phase ihre Arbeitszeit reduziert – Frauen, die oft schon zuvor weniger gearbeitet und weniger verdient haben. Zugleich sorgt Corona aber für das Ende einer Illusion.

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Welche Illusion ist das?

Die Illusion einer gleichberechtigten Gesellschaft, in der sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nur noch auf Fragen von geschlechtergerechter Sprache beziehen. Jetzt ist klar: Arbeit und Gehälter sind ungleich verteilt. Dieser unverstellte Blick auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen bietet uns die Chance, es anders – besser – zu machen. Wir wollen nicht bloß die Folgen der Corona-Krise abmildern. Wir wollen, dass es Frauen besser geht als vor der Pandemie. Darum geht es an diesem Wochenende auf unserer Bundesfrauenkonferenz.

Die Bundesregierung will mit Extraelterngeld und Pflegebonus Härten abfedern. Das reicht nicht?

Frauen wurde viel gedankt während der Corona-Krise, man feierte sie als “Alltagsheldinnen”. Und tatsächlich haben wir gesehen, wie sehr das Funktionieren unserer Gesellschaft darauf beruht, dass sich Frauen kümmern – unbezahlt in den eigenen vier Wänden und unterbezahlt in der Klinik oder im Supermarkt. An den Strukturen hat sich bisher jedoch nichts geändert. Bei Besuchen in Pflegeheimen sagten mir die Beschäftigten: “Frau Lang, klar, dass wir in der Krise klotzen – dafür muss es aber auch mehr Geld und mehr Personal geben.” Doch da ist bislang zu wenig passiert, in den Konjunkturprogrammen der Bundesregierung kommen Frauen so gut wie gar nicht vor.

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Höhlt eine feministische Intervention in den Arbeitsmarkt etwa nicht die Tarifautonomie aus?

Der Staat steht im Bereich der Daseinsvorsorge in der Pflicht. Natürlich müssen die Tarifparteien gestärkt werden, ich werbe sehr für den Eintritt in Gewerkschaften. Aber die Politik kann nicht einfach hinnehmen, dass Frauen schlecht organisiert und damit schlecht bezahlt sind. Schließlich hat das nicht nur Folgen für die Arbeitnehmerinnen, sondern für die Gesellschaft. Wenn niemand als Erzieherin oder als Pflegerin arbeiten will, haben wir ein großes Problem. Wir brauchen allgemein verbindliche Tarifverträge. Sollte es damit nicht klappen, müssen gesetzliche Regelungen kommen. So könnte die Pflegeversicherung dazu verpflichtet werden, nur noch mit Arbeitgebern zusammenzuarbeiten, die nach Tarif bezahlen.

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Frauen könnten doch ihre finanzielle Situation verbessern, indem sie Männerberufe ergreifen.

“Kannst ja was anderes machen” – das hören Frauen in sozialen Berufen immer wieder. Diese Individualisierung eines gesellschaftlichen Missstands bringt uns aber nicht weiter. Umgekehrt gilt: Wer von uns möchte denn in einer Gesellschaft leben, in der sich niemand mehr für soziale Berufe entscheidet? Eine Gesellschaft, in der es keine funktionierende Gesundheitsversorgung und Kinderbetreuung mehr gibt? Wir reden viel von Wertschöpfung. Die Krise zeigt doch aber, dass diese Berufe einen Wert haben, der sich nicht in Geld ermessen lässt. Sie genießen hohe Wertschätzung – das muss sich nun auch in Löhnen, Investitionen und Konjunkturprogrammen ausdrücken.

Sind denn alle Frauen gleichermaßen von der Krise betroffen?

Die Krise verschont niemanden. Dennoch trifft sie einige Familien härter als andere: Wer ein Haus mit Garten hat, kann die Kinder zum Spielen auch mal raus in den Garten schicken. Zu viert in einer kleinen Zweizimmerwohnung fällt einer Familie schon eher die Decke auf den Kopf. Ein fester Job und hohes Einkommen vermitteln Sicherheit in ungewissen Zeiten. Dinge, die beispielsweise viele migrantische Frauen nicht haben. Gleichzeitig hat Corona uns gezeigt, wie systemrelevant diese Frauen sind. Sie sind es, die oft als Reinigungskräfte in Kliniken oder an der Supermarktkasse den Laden am Laufen halten – und dennoch in prekären Beschäftigungsverhältnissen leben. Die soziale Frage ist eine zutiefst feministische.

Ist die schlechte Stellung vieler Frauen auf dem Arbeitsmarkt auch eine Folge von Rollenklischees?

Auf jeden Fall. Weiblich dominierten Berufen wird oft die Professionalität und Wissenschaftlichkeit abgesprochen – so als kümmerten sich Pflegerinnen und Erzieherinnen bloß aus einem natürlichen Instinkt heraus. Wir müssen unsere Berufsbilder modernisieren. Und wir müssen einen neuen Blick auf private Sorgearbeit werfen. Die Bewältigung der Corona-Krise basierte auf dem unausgesprochenen Prinzip des “Mama macht das schon”. Da droht ein Rückfall in alte Muster.

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Sie wollen sich in die Arbeitsteilung von Paaren einmischen?

Das Problem ist doch, dass ganz viele Paare es schon anders machen wollen, aber die Rahmenbedingungen dafür fehlen. Ich kenne viele, gerade auch jüngere Männer, die sich die Sorgearbeit daheim mit ihren Partnerinnen gern teilen würden – dann aber finanzielle Nachteile hätten. Männer verdienen immer noch mehr als Frauen und werden steuerlich bevorzugt. Solange es finanziell rational ist, dass die Frau zu Hause bleibt, wird sich an der Arbeitsteilung nichts ändern.

Weg mit dem Ehegattensplitting?

Das Ehegattensplitting schreibt ein Familienmodell fest, in dem ein Partner 40 Stunden arbeitet und der – meist: die – andere sich zu Hause um die Kinder kümmert. Das halten wir für nicht mehr zeitgemäß und wollen es für Ehen, die neu geschlossen werden, durch eine gezielte Förderung von Familien ersetzen. Paare, die bereits verheiratet oder verpartnert sind, sollen selbst entscheiden.

Weg auch mit der 40-Stunden-Woche?

Eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung könnte helfen, Arbeit gerechter zu verteilen, und gibt allen mehr Zeit, sich um sich selbst und andere zu kümmern. Aber eine Arbeitszeitverkürzung muss für jeden funktionieren, nicht nur in gut bezahlten Industrieberufen. Es kann nicht sein, dass die Beschäftigten etwa im Gesundheitsbereich einfach Unmengen an Überstunden vor sich herschieben oder Pflegekräfte aufgrund von körperlicher Überarbeitung über kurz oder lang in Teilzeit oder raus aus dem Job gehen. Hier wäre eine 35-Stunden-Woche prioritär – bei vollem Lohnausgleich. Die Pflegekraft oder Kindergärtnerin muss schließlich von dem Geld leben können.

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Bei so viel feministischem Impetus müssen die Grünen ja nächstes Jahr ihre Chefin Annalena Baerbock ins Rennen um das Kanzleramt schicken und nicht Robert Habeck, richtig?

Für mich heißt Feminismus nicht, sich als Spitzenpolitikerin auf das Frausein reduzieren zu lassen, bloß weil andere Parteien nicht in der Lage sind, Frauen aufzustellen. Und es gilt: Alles zu seiner Zeit.


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