Grüne fordern Sicherheitssiegel für Spielzeug mit WLAN

  • Die Bundes-Grünen wollen ein Sicherheitssiegel für internetfähiges Spielzeug einführen.
  • Es gab bereits Vorfälle, bei denen Kinder abgehört und deren Daten auf ausländischen Servern gespeichert wurden.
  • Auch die Bundesnetzagentur warnt vor vernetzten Spielzeugen.
Laura Treffenfeld
Pauline Rabe
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Berlin. Per App gesteuerte Roboter, sprechende Puppen oder Kuscheltiere mit WLAN: Immer mehr Spielzeuge für kleine und größere Kinder sind mit dem Internet verbunden. Es gab bereits Fälle, in denen Kinder abgehört, ihre Daten auf ausländischen Servern gespeichert wurden oder Fremde Kontakt zu ihnen aufnehmen konnten. Die Grünen fordern nun Gegenmaßnahmen – zunächst ein Sicherheitssiegel für internetfähiges Spielzeug. Auch die Bundesnetzagentur warnt vor den sogenannten „Smart Toys”.

In dem Positionspapier „Digital Natives? Aufwachsen in einer vernetzten Welt“ formuliert die grüne Bundestagsfraktion mehrere Maßnahmen, wie Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt besser geschützt werden können. Das Papier, das dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorab vorliegt, widmet sich unter anderem den Themen sichere Voreinstellungen, Spielsucht und dem Einfluss von Influencern.

Identitätsdiebstahl und Kontakt zu Fremden

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Ein besonderes Anliegen ist den Grünen jedoch der Umgang mit den sogenannten Smart Toys: Kinderspielzeug wie Puppen, die mit eingebauten Mikrophonen Audioaufnahmen machen und diese auf Servern am anderen Ende der Welt speichern können. „So gesammelte Informationen können zu Profilbildung und Werbung genutzt und zum Identitätsdiebstahl missbraucht werden“, heißt es in dem Positionspapier. „Zudem wurden bei vernetzten Spielzeugen wiederholt gravierende Sicherheitslücken festgestellt, sodass beispielsweise durch ungesicherte Bluetooth-Verbindungen Fremde Kontakt zum Kind aufnehmen können.“

Solche Spionagewerkzeuge wollen die Grünen aus Kinderzimmern verbannen und fordern für die Smart Toys ein spezielles Sicherheitssiegel, durch das strenge IT-Sicherheits- und Datenschutzanforderungen überprüft werden können. „Wir müssen dafür sorgen, dass alle Kinder und Jugendliche die Potenziale der Digitalisierung für sich nutzen können. Darüber darf aber ihr Schutz nicht in den Hintergrund rücken. Kinder und Jugendliche müssen vor kommerziellem Datensammeln geschützt werden", sagt Katja Dörner, Grünen-Fraktionsvize im Bundestag und Sprecherin für Kinder- und Familienpolitik, dem RND.

Sicherheitsrisiko durch Bluetooth-Verbindungen

Nach Aussagen der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) ist vor allem Datensicherheit bei den mit Internet verbundenen Produkten ein potentielles Sicherheitsrisiko. „Schlecht oder nicht ausreichend abgesicherte Bluetooth-Verbindungen haben sich in der Vergangenheit immer wieder als Problem erwiesen”, sagt Sabrina Wagner, Referentin im Team Marktbeobachtung Digitales beim vzbv. Gerade wenn Kinder im Spiel sind, seien die daraus entstehenden Risiken nochmal größer, da es sich bei ihnen um eine besonders schutzbedürftige Verbrauchergruppe handelt.

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Puppe „Cayla“ konnte alles mithören

Auch die Bundesnetzagentur warnt vor den vernetzten Spielzeugen. Diese würden zum Spionagegerät, wenn Gespräche des Kindes und anderer Personen von Dritten mitgehört oder Dritte das Kind und dessen Umfeld heimlich beobachten können. Aufsehen erregte etwa die Puppe „My Friend Cayla“, die sich per Bluetooth mit einem Smartphone verbinden und alles mithören konnte, was im Kinderzimmer gesprochen wurde. Die Daten wurden auf Servern im Ausland verarbeitet und daraus passende Antworten auf konkrete Fragen des Kindes generiert. Die Bundesnetzagentur hatte „Cayla“ 2017 schließlich auf dem deutschen Markt verboten: Laut den Gutachtern ist „Cayla“ eine Sendeanlage im Sinne des Telekommunikationsgesetzes, die aber vorgibt ein anderer Gegenstand zu sein.

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Die gemeinsame Initiative „Schau hin“ des Bundesjugendministeriums und der beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF empfiehlt, internetfähiges Spielzeug erst für Kinder ab zehn Jahren – aber auch nur, wenn diese bereits Online-Erfahrungen haben. Zudem sollten Eltern die Smart Toys abschalten, wenn sie nicht gebraucht werden, damit keine Daten gesammelt werden können. Hinweise, ob bestimmte Produkte aktuell Gefahren bergen, bietet das Internetangebot „Surfen ohne Risiko“ des Jugendministeriums. Und auch die Stiftung Warentest weist auf Spielzeug hin, dass sich per Smartphone kapern lasse – etwa der Roboter "i-Que" oder der "Toy-Fi-Teddy". Bei beiden sind unsichere Verbindungen das Problem.

Kein Gesetz zu vernetztem Spielzeug

Ein spezielles Gesetz zu vernetztem Spielzeug gibt es übrigens nicht. Und auch wenn einige Produkte bereits in Deutschland verboten sind, haben deutsche Verbraucher über das Internet und bekannte Onlineplattformen potentiell Zugriff auf Waren, die weltweit angeboten werden. Dazu kommen täglich neue Produkte auf den Markt. Das Ministerium für Familie, Senioren und Frauen und Jugend empfiehlt in seiner Broschüre „Gutes Aufwachsen mit Medien“ daher weiterhin: Bleiben Sie aufmerksam, denn bei Smart-Toys handelt es sich nicht nur um Spielzeug, sondern um „das Internet“.

Die Verbraucherzentralen empfehlen im Zweifelsfall Spielzeug zu kaufen oder zu verschenken, das nicht mit dem Internet verbunden ist. Ein schönes Beispiel sei hier der gute alte Teddy: Wenn ein Kind ihn in den Bauch piekse und er zu singen anfange, dann gehe das über eine im Kuscheltier integrierte vorinstallierte Software. „Sicher ist manches Kind mit so einem interaktiven Spielzeug ohne Internetverbindung genauso glücklich wie mit einem vernetzten Knuddelbär“, sagt Sabrina Wagner vom vzbv.

Fokus auch auf sicheren Voreinstellungen

Neben dem Umgang mit den Smart Toys fordern die Grünen eine Pflicht zu sicheren Werkseinstellungen bei allen Diensten, die für Minderjährige öffentliches Teilen privater Inhalte erlauben: „Profile sollten nicht von vornherein öffentlich zugänglich, die Kommunikation zwischen Unbekannten standardmäßig blockiert und die Sichtbarkeit auf Freunde und Bekannte begrenzt sein.“

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Gegen exzessive Mediennutzung durch Kinder und Jugendliche fordern die Grünen, „Anbieter von Games und Apps zu verpflichten, technische Lösungen bereitzustellen wie die automatische Verlangsamung bei langer Spieldauer, die Belohnung von Pausen und das Verbot von Loopboxen“.

Umgang mit Kinder-Influencern

Auch Mini-Influencer – Minderjährige, die Online zu Medienanbietern werden, indem sie zum Beispiel Werbung für Produkte machen – sollen reglementiert werden. Nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerks sind in Deutschland auf YouTube, Facebook und Instagram etwa 30.000 Kinder-Influencer aktiv, die insgesamt rund 560 Millionen Euro erwirtschaften.

Anders als bei der Arbeit für Film oder Fernsehen, wo die Sorgeberechtigten eine Ausnahmebewilligung vom jeweiligen Landesamt für Arbeitsschutz benötigen und dabei strenge Auflagen beachten müssen, sind die sozialen Medien jeglicher Kontrolle und Aufsicht entzogen. „Das muss sich ändern, denn Kinder und Jugendliche dürfen mit der Verantwortung, die mit einem großen Publikum und großen und oft für die Familie existenzsichernden Einnahmen verbunden sind, nicht allein gelassen werden,“ heißt es in dem Positionspapier der Grünen.

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