Umfrage: Junge Unternehmer wählen grün

  • Die Annäherung der Grünen an die Wirtschaft kommt offenbar gut an.
  • Junge Unternehmer entdecken ihr Herz für die Grünen.
  • Robert Habeck will das wirtschaftspolitische Profil seiner Partei weiter schärfen – und überrascht zugleich mit linken Forderungen.
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Berlin. Es ist eine kleine Premiere, die unter Grünen große Hoffnungen weckt. Erstmals geht die Öko-Partei aus einer Umfrage unter Wirtschaftsvertretern als beliebteste Kraft hervor. Im Startup-Monitor, für das der Bundesverband Deutsche Startups und die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers rund 2000 Jungfirmen befragen ließen, gibt fast jeder zweite junge Gründer an, bei der nächsten Bundestagswahl die Grünen zu wählen. Die FDP, bisher stets Sieger im Startup-Monitor, kommt bei der am Montag vorgestellten Umfrage auf nur 22 Prozent.

Bei Grünen-Chef Robert Habeck löst das Abschneiden seiner Partei Zufriedenheit aus, vielleicht auch ein bisschen Genugtuung. „Daran sieht man“, sagt Habeck, als er Montagmittag in Berlin vor die Presse tritt, dass der vermeintliche Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie „völlig an der Sache vorbeigeht“.

Viele junge Unternehmer fühlten sich der Idee der Nachhaltigkeit verpflichtet, so Habeck. Sie begriffen ökologische Modernisierung als ökonomische Chance – aus dieser Haltung resultiere derzeit „die Hauptdynamik in der Wirtschaft“.

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Habeck sieht sich bestätigt

Die Zeiten, da Grüne mit Forderungen nach Steuererhöhungen als Wirtschaftsschreck galten, sind vorbei. Schon unter ihrem vorherigen Vorsitzenden Cem Özdemir bewegte sich die Klimaschutzpartei auf die Wirtschaft zu. Unter Habeck und der Grünen-Co-Chefin Annalena Baerbock wird die Industrie offensiv als Partner umworben – und klopft sogar von sich aus an.

Die Startup-Studie bestätigt das Führungsduo in seinem Kurs. Schließlich haben Habeck und Baerbock das Thema Wirtschaft zum Schwerpunkt des in knapp zwei Wochen stattfindenden Bundesparteitags erklärt. Wenn die Parteifunktionäre vom 15. bis 17. November in Bielefeld zusammenkommen, werden sie über Fördermöglichkeiten für die Wirtschaft beraten.

So sieht der Entwurf für das Parteiprogramm einen staatlichen Gründungszuschuss in Höhe von 25.000 Euro, staatliche Investitionen in standortpolitisch wichtige Projekte sowie einen Rechtsanspruch für schnelles Internet für kleine und mittlere Unternehmen vor. Dies sind Themen, die wohl einige, vor allem ältere Grünen-Mitglieder bis vor nicht allzu langer Zeit wohl kaum oben auf der Agenda eines Grünen-Parteitags vermutet hätten.

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Raus aus der Öko-Nische

Klimaschutz ist und bleibt das Kernthema der Grünen. Aber sie möchten nicht länger darauf beschränkt werden. So spiegelt der Fokus auf Wirtschaftsfragen das Bemühen wider, die Öko-Nische hinter sich zu lassen und als Partei der Mitte wahrgenommen zu werden.

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„Auch wenn die Wirtschaft uns schätzt, so ist in der öffentlichen Wahrnehmung der Bevölkerung die uns zugeschriebene Kompetenz in Wirtschaftsfragen noch ausbaufähig“, sagt Danyal Bayaz, Leiter des grünen Wirtschaftsbeirats – ein Netzwerk von Grünen und Wirtschaftsvertretern.

„Der bevorstehende Bundesparteitag bietet da eine gute Gelegenheit, unser Verantwortungsbewusstsein und unsere Ideen für den zukünftigen Wirtschaftsstandort Deutschland herauszustellen“, sagt der frühere Unternehmensberater und heutige Bundestagsabgeordnete Bayaz.

Den Vorwurf, die Grünen eiferten mit einem wirtschaftsfreundlichen Kurs der FDP nach, kontern Parteilinke mit dem Verweis auf die geplante Neujustierung grüner Arbeitsmarktpolitik. Die Parteiführung fordert die Anhebung des Mindestlohns per Gesetz von heute 9,19 auf 12 Euro. Vertreter des realpolitischen Flügels sehen dadurch jedoch die Autonomie der Mindestlohnkommission in Gefahr.

Liberal in Wirtschaftsfragen, links beim Arbeitnehmerschutz: Die Grünen wollen zurzeit bloß niemanden verprellen.