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Politikerin Tessa Ganserer ist trans: „Ich möchte Mut und nicht Angst machen“

  • Die bayerische Landtags­abgeordnete Tessa Ganserer outete sich während ihrer Amtszeit als transgender.
  • Sollten die Umfragewerte recht behalten, könnte die Grünen-Politikerin diesen Herbst in den Bundestag einziehen.
  • Womöglich wäre sie die erste trans Bundestags­abgeordnete – ein Porträt.
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Die bayerische Grünen-Landtags­abgeordnete Tessa Ganserer verschwieg jahrzehntelang, wer sie wirklich ist. „In meiner Kindheit und Jugend fehlten mir die Worte, um zu beschreiben, wie ich mich gefühlt habe. Es gab niemandem, mit dem ich über meine Identität sprechen konnte“, erzählt die 44-Jährige im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). „Das führte dazu, dass ich viele Jahre verdrängt habe, dass ich trans bin.“

Seitdem hat sich viel in ihrem Leben verändert: Sie wurde in das bayerische Landesparlament gewählt, gründete eine Familie und fasste den Mut, zu sich zu stehen. Im Januar 2019 outete sich Tessa Ganserer als transgender, kurz: trans. Damals versammelte sie die Kolleginnen und Kollegen ihrer Fraktion und erklärte, fortan Tessa zu heißen.

Doch der Weg dahin war kein leichter. „Ich war die erste trans Frau, die sich während ihrer Amtszeit geoutet hat. Das hat es mir schwer gemacht, weil mir in meinem Lebensbereich positive Vorbilder gefehlt haben“, erzählt sie. „Ich hatte vor negativen Reaktionen große Angst, weswegen ich mich viele Jahre nicht getraut habe, zu mir zu stehen.“

Zwei weitere transgeschlechtliche Frauen könnten in den Bundestag einziehen

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Ganserer stammt aus Zwiesel im Bayerischen Wald und lernte an der Fachhochschule Weihenstephan Forstwirtschaft. Schon 1998 trat sie in die Partei Bündnis 90/Die Grünen ein und engagierte sich jahrelang in der Jugendorganisation Grüne Jugend. Seit Oktober 2013 ist sie Landtagsabgeordnete in Bayern.

Tessa Ganserer ist seit 1998 Mitglied der Grünen. © Quelle: Privat
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Heute ist Ganserer, die mit ihrer Frau und zwei Kindern in Nürnberg lebt, queerpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion. Kürzlich wurde sie auf den 13. Platz der Landesliste gewählt. Sollten sich die jüngsten Umfrageergebnisse für die Partei bei der Bundestagswahl im September bewahrheiten und in Stimmen umgemünzt werden, würden Listenplätze bis etwa 25 in Bayern zum Einzug ins deutsche Parlament reichen. Platz 13 gilt damit als sehr aussichtsreich.

So würde sie mit zu den ersten Abgeordneten im Bundestag gehören, die trans sind. Auch in Nordrhein-Westfalen kandidiert mit Nyke Slawik (Die Grünen) eine trans Frau auf dem als sicher geltenden Listenplatz elf. Die bayerischen Grünen nominierten zudem auf Platz 25 Victoria Broßart.

Sollte Tessa Ganserer zukünftig im Deutschen Bundestag sitzen, wäre das nicht nur für sie ein Meilenstein, sondern auch für viele trans Personen, weil sie sich zum ersten Mal auf Bundesebene repräsentiert fühlen würden. Eine ganz schön große Aufgabe, worüber sich die Politikerin auch bewusst ist. „Ich möchte meine Position nutzen und auf die Probleme und politischen Forderungen von trans Menschen aufmerksam machen“, sagt sie.

Strukturelle Diskriminierung in der Medizin

Doch welche Herausforderungen sind das genau? „Es gibt hierzulande drei Problemfelder für trans Menschen“, erklärt Ganserer im Interview. Das erste sei die rechtliche Benachteiligung durch das Transsexuellengesetz. „Wenn trans Menschen ihren Geschlechtseintrag in den amtlichen Dokumenten korrigieren lassen möchten, müssen sie ein unwürdiges Gerichtsverfahren über sich ergehen lassen“, erzählt die Landtagsabgeordnete. Zur Antragstellung gehöre ein ausführlicher Trans-Lebenslauf und zwei psychologische Gutachten mit intimen Fragen. „Dann entscheidet ein Richter, ob der Staat die Menschen so akzeptiert wie sie sind.“

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Sie verlangt, dass Deutschland unbürokratische und auf dem Selbstbestimmungsrecht basierende Verfahren einführt, so wie es auch schon der Europarat im Jahr 2015 gefordert hatte. Erst am vergangenen Mittwoch scheiterten im Bundestag entsprechende Gesetzesentwürfe der Grünen und der FDP, wonach die Personenstands­änderung auf dem Standesamt möglich sein sollte.

Ein weiteres Problem ist laut der queerpolitischen Sprecherin die medizinische Versorgung, darunter fallen die Hormontherapie und die geschlechts­angleichenden Operationen. Trans Personen würden für den Zugang zu medizinischen Leistungen zwangsweise eine Psychotherapie machen und nahezu jede medizinische Leistung bei den Krankenkassen einzeln beantragen müssen. „Beides muss sich ändern“, klagt Tessa Ganserer an.

Die Politikerin identifiziert noch ein drittes – das wohl größte – Problem: die gesellschaftliche Akzeptanz. Sie stellt fest: „Diskriminierungs­erfahrungen ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche von trans Menschen.“ An Schulen und auf der Arbeit fehle es an Aufklärung. Und einige transgender Menschen werden Opfer von Verbrechen: So kam es laut Bundesinnenministerium im Jahr 2020 zu 204 Straftaten gegen Menschen, die wegen ihrer sexuellen Identität – dazu zählen auch Trans-Identitäten – angegangen wurden. Die Dunkelziffer ist wie bei nahezu jedem Verbrechen vermutlich höher.

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Attacken von rechts

In den sozialen Netzwerken kommt es regelmäßig zu Verbalattacken auf trans Menschen – und auch auf Tessa Ganserer. Die AfD würde in den sozialen Medien gnadenlos gegen queere Menschen und Ganserer persönlich hetzen, sagt sie. „Gerade von rechter und rechtskonservativer Seite gibt es Angriffe auf die Selbstbestimmung von trans Personen.“

Deswegen fordert Ganserer eine klare politische Haltung der Bundesregierung. „Dafür braucht es nicht nur Symbole und Gesten, sondern finanzielle Ressourcen, die für die Aufklärungs- und Akzeptanzarbeit genutzt werden können.“ Sie verlangt einen Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt auf Bundesebene.

Doch wie reagiert die Landtags­abgeordnete auf die Angriffe von rechts? Ganserer erklärt: „Ich bringe strafrechtlich Relevantes zur Anzeige. Hass und Hetze ist keine Meinung und das Internet ist kein straffreier Raum.“

Ganserer gilt als Vorbild

Besonders die Nachrichten von ihren Unterstützerinnen und Unterstützern ermutigen Tessa Ganserer. „Es hat mir wahnsinnig gutgetan, dass ich nach meinem Coming-out zahlreiche nette Zuschriften – sogar über den deutschen Raum hinaus – bekommen habe. Die Leute haben sich für mich gefreut und mich bestärkt“, berichtet sie. „Die Rückmeldungen sind zum Großteil positiv und lassen mich über den Hass und die Hetze hinwegsehen.“

Nehmen manche ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer Ganserer als Vorbild wahr? „Ich strebe nicht an, als Ikone stilisiert zu werden. Aber ich sehe sehr wohl, dass ich für viele ein gewisses Vorbild bin“, sagt sie.

So von einem Tag auf den anderen als Vorbild zu gelten, das wäre für viele Menschen nicht leicht. Doch für Tessa Ganserer scheint diese neue Rolle kein Problem zu sein: „Ich finde das nicht schwierig. Als Vorbild gesehen zu werden ist etwas Schönes. Ich möchte als Politikerin Mut und nicht Angst machen.“

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