Grüne – wenn es um ein Buch geht statt ums Klima

  • Nach den Plagiatsvorwürfen gegen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock verschärfen die Grünen ihren Ton und sprechen von Rufmord.
  • Auch wenn die Vorwürfe überzogen sind – schon der Eindruck fehlender Glaubwürdigkeit ist für die Grünen ein Problem, kommentiert Daniela Vates.
  • Weil das Rennen um die Kanzlerschaft bei dieser Wahl so offen ist, wird der Wahlkampf rau bleiben.
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Berlin. Eigentlich wären die Wahlkampfbedingungen für die Grünen – so zynisch es klingt – gerade optimal: Unwetter und überflutete Straßen in Deutschland, Hitzerekorde im sonst unterkühlten Kanada. Wetterextreme schaffen sichtbare und fühlbare Belege für den Klimawandel.

Das Kernthema der Grünen hat sich eindrucksvoll selbst auf die Tagesordnung gesetzt. Es lässt sich nicht wegwischen, als Fantasterei und Panikmache kleinreden oder als allzu düstere Zukunftsvision.

Aber die Grünen haben alles andere als einen Lauf: Sie sprechen nicht – oder nicht nur – vom Klima, sondern von Rufmord. Ein Medienwissenschaftler hat Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock vorgeworfen, in ihrem neuen Buch Plagiate verwendet zu haben, die CSU hat das dankbar aufgegriffen und damit die Debatte angeheizt. Das Stichwort „Plagiat“ triggert Aufregung, von da ist es nicht weit zur Frage nach Glaubwürdigkeit und zum Betrugsvorwurf. Zuvor hatte Baerbock ihren veröffentlichten Lebenslauf an einigen Stellen korrigiert.

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Die Grünen haben Coolness abgelegt

Die Grünen haben ihre bisherige Coolness im Umgang mit Vorwürfen abgelegt. Man wolle sich auf Inhalte konzentrieren, hieß es bislang. Nun haben sie sich für den Gegenangriff entschieden, einen Anwalt eingeschaltet und ihre Mitglieder zu Solidaritätserklärungen aufgerufen. Einzelne Grünen-Abgeordnete verschärfen auf Twitter ihren Ton gegen die politische Konkurrenz bis an die Grenze der Fairness. Es zeigt, wie ernst die Grünen die Sache nehmen.

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Plagiatsjäger erhebt Vorwürfe gegen Baerbock
1:00 min
Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock hat erneut Ärger. Ein Medienwissenschaftler aus Österreich wirft ihr vor, in ihrem Buch gebe es Plagiate.  © dpa
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Zunächst einmal: Die Vorwürfe gegen Baerbock sind weit überzogen. Sie war an einigen Stellen nachlässig und hat damit die Angriffspunkte selbst geliefert. Aber ein Buch ist keine Doktorarbeit, die in Rede stehenden Stellen sind vor allem Auflistungen von Fakten. Für einen Skandal, für ein Absprechen von Integrität, Denk- oder Regierungsfähigkeit taugt das alles nicht.

Baerbocks größter Pluspunkt steht infrage

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Dennoch: Das alles steht nun im Raum und vor allem in den Perpetuum mobiles der sozialen Netzwerke, in denen für Differenzierungen und einen zweiten Blick wenig Platz und Bereitschaft ist. Baerbocks Glaubwürdigkeit, ihr bisheriger großer Pluspunkt, steht infrage.

Der Wahlkampf dauert allerdings noch eine Weile, Baerbock kann sich wieder aufrappeln. Anders als ihre Mitbewerber Armin Laschet von der Union und Olaf Scholz von der SPD schleppt sie keine fragwürdigen Entscheidungen aus langjähriger Regierungszeit mit sich herum.

Auf weniger raue Zeiten kann Baerbock allerdings kaum hoffen.

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Weil sich kein amtierender Bundeskanzler, keine amtierende Kanzlerin zur Wahl stellt, ist das Rennen so offen wie nie. Es geht um viel für die Grünen. Aber eben auch für ihre Gegner.

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